Zeitung Heute : Wolfs neues Revier

Vom Trotzkisten zum Wirtschaftssenator: Harald Wolfs unerwartete Karriere

NAME

Von Ulrich Zawatka-Gerlach

Nein – er trägt keinen Dreitagebart mehr. Schon seit Herbst 2000 rasiert sich Harald Wolf täglich. Medienbewusste Parteifreunde haben ihn dazu ermuntert, und mit sportlich-kurzem Haarschnitt und runder Brille könnte der PDS-Mann jederzeit als Privatdozent für Volkswirtschaftslehre an der Humboldt- Universität durchgehen. Immerhin ist er Diplom-Politologe und hat seine Examensarbeit über „Marxismus, Produktivkraftentwicklung und Befreiung der Arbeit“ geschrieben. Ein paar neue Krawatten könnten nicht schaden, bevor der designierte Berliner Wirtschaftssenator Ende August vom Abgeordnetenhaus ins Amt gewählt wird. „Für den Anfang ist der Vorrat ausreichend“, sagte Wolf gestern und schmunzelte. Ein paar Anzüge hat er schon, seitdem er Fraktionschef einer Regierungspartei ist, aber noch bevorzugt Wolf offene Hemden und Rollkragenpullover. Lieblingsfarben: anthrazit und dunkelbraun.

Vom linksradikalen Studenten am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität zum Wirtschaftssenator – eine unerwartete Karriere. Harald Wolf bleibt kühl. In diesen Tagen wirkt er lakonisch und noch konzentrierter als sonst. Angeblich musste der 45-jährige PDS-Spitzenmann aus dem Westen nicht dazu überredet werden, den Fraktionsvorsitz aufzugeben und anstelle von Gregor Gysi in den rot-roten Senat einzuziehen. Angeblich war schon nach wenigen Stunden parteiintern klar, dass Wolf das Amt bekommen würde. Angeblich haben ihn sogar Berliner Wirtschaftsleute angerufen, als Gysi noch gar nicht richtig weg war, und ermuntert, Wirtschaftssenator zu werden.

Bei Hartmann Kleiner, Hauptgeschäftsführer des Berliner Unternehmerverbands, hört sich das anders an. Er hätte sich, sagt Kleinert, lieber einen parteiunabhängigen Wirtschaftssenator gewünscht oder einen, der sich wie Gysi von der PDS-Programmatik lösen könne. „Harald Wolf ist entwicklungsfähig“, reagiert man in der PDS auf solche Kritik. Ein guter Mann.

Ein eigensinniger Mann und zeitweise ziemlich radikal. Für die Alternative Liste (AL) in Berlin war es 1990 ein schwerer Schlag, als Harald Wolf die Partei verließ. Gerade erst war er beauftragt worden, in der untergehenden DDR Kontakte mit Bürgerbewegten und anderen zu schließen, von denen sich die West-Grünen Zulauf versprachen. Eigens dafür wurde das „Solidaritätsbüro Erneuerung DDR“, abgekürzt SED, gegründet, aber Wolf muss das irgendwie falsch verstanden haben. Die deutsche Einheit wollte er ohnehin nicht. Ein reaktionäres Projekt, schimpfte er. „Harald sprang ab, lief über zur PDS“, erinnert sich Wolfgang Wieland, Fraktionschef der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus. Damit verlor die AL, deren Regierungsbündnis mit der SPD in jenen Monaten kurz vor dem Bruch stand, einen ihrer führenden Köpfe.

In einer Wohngemeinschaft in der Kreuzberger Gneisenaustraße wohnten damals die Gebrüder Wolf. Harald und Udo. Ein Treffpunkt entschiedener Linker, von denen heute viele im Umfeld der PDS tätig sind. Der West-Linke Udo Wolf ist nun stellvertretender Landesvorsitzender der PDS. Der West-Linke Harald Wolf führt seit Jahren die Abgeordnetenhausfraktion der Sozialisten und soll jetzt Berliner Bürgermeister und Wirtschaftssenator werden. Gemeinsam mit dem Philosophieprofessor und langjährigen Europaabgeordneten der Grünen, Frieder-Otto Wolf, haben die zwei Brüder Ende der 80er Jahre kluge Grundsatzpapiere verfasst. Man nannte sie die drei Wölfe der AL. Aber das ist lange her.

Harald Wolfs politische Heimat waren zunächst die Trotzkisten. Aus Protest gegen den Vietnam-Krieg hatte er sich Anfang der 70er Jahre der „Gruppe Internationaler Marxisten“ angeschlossen, und 1979 nahm er an den chaotischen Gründungsdebatten der Alternativen Liste teil. Erst 1986 wurde Wolf Mitglied der Grünen. Ein Jahr später saß er im Bundeshauptausschuss der Partei, 1988 wurde er in den Geschäftsführenden Ausschuss der AL gewählt und gehörte – nach dem Wahlsieg von Rot-Grün in Berlin im Januar 1989 – zu denen, die mit Walter Mompers Sozialdemokraten den Koalitionsvertrag aushandelten.

Ein ausgebuffter Unterhändler ist dieser Harald Wolf. Und ein Kungler vor dem Herrn. Als die Sozialdemokraten 1989 harte Vorbedingungen für eine Regierungsbeteiligung der Alternativen diktierten, brachten er und seine Lebensgefährtin Birgit Arkenstette, die inzwischen erfolgreiche Unternehmerin ist, die Koalitionsgespräche fast zum Scheitern. Doch gleichzeitig gehörte Wolf selbstverständlich zu der Runde, in der ein halbes Dutzend Spitzenleute der SPD und Grünen die Verhandlungen vom Hinterzimmer aus steuerte. Renate Künast war dabei.

Ein gutes Jahrzehnt später hat der PDS-Mann wieder eine Koalition gezimmert. Dieses Mal monochrom. Rot-Rot. Und dieses Mal nicht als Parteifunktionär auf Abruf, sondern als Fraktionschef mit Zukunft in der PDS, deren Parteibuch er auch nur mit Verzögerung annahm. 1990, nach seinem Austritt bei den Grünen, gründete er „Zwischen den Stühlen – Initiative für eine linke Alternative“, kandidierte auf der offenen Liste der PDS für das Abgeordnetenhaus. 1995 wurde er als Parteiloser zum Fraktionsvorsitzenden gewählt; erst 1999 trat er in die PDS ein. Der Bundeswehreinsatz im Kosovo gab dafür den Ausschlag. Zur politischen Liebe auf den ersten Blick neigt Harald Wolf nicht.

Wenn Freunde und Gegner den Wirtschaftssenator in spe beschreiben sollen, sagen sie: sachkundig, nüchtern abwägend, unauffällig, beharrlich. Der hagere Mittvierziger, am 25. August 1956 im südhessischen Offenbach geboren, hat sich Respekt und Aufmerksamkeit in fast zwölfjähriger Parlamentsarbeit hart erarbeitet. Im Hauptausschuss des Berliner Landesparlaments spielte er sich mehrere Jahre mit der heutigen EU-Kommissarin und damaligen Haushaltsexpertin der Grünen, Michaele Schreyer, die Bälle gegen den jeweiligen Finanzsenator zu. Er konzentriert dozierend, sie mit flammendem Appell. Er, der Schachspieler, sie, die Florettfechterin. Zwei Arbeitstiere.

Auch als die PDS Regierungsverantwortung übernahm, blieb Harald Wolf ein Workaholic mit festem Blick auf das Ziel. Vor der Kür kommt die Pflicht. Mit diesem Satz hat er auch im Januar 2001 ein „Arbeitspapier zu den politischen Aufgaben der PDS-Fraktion bis 2004“ überschrieben, das er mit der Parteifreundin Carola Freundl austüftelte. Das Thema der Abhandlung: die Ablösung der Großen Koalition. Die Rahmenbedingungen dafür seien miserabel, schrieb Wolf damals und bescheinigte der eigenen Partei, dass ihr noch immer ein Konzept für eine „Reformpolitik für die ganze Stadt“ fehle. Trotzdem – oder gerade deswegen – hielt er an seinem großen Projekt einer Regierungsbeteiligung der PDS in Berlin, das wie keine andere deutsche Stadt unter der Teilung litt, unbeirrbar fest.

„Für Harald Wolf ist es die Krönung seiner abenteuerlichen Laufbahn, dass die PDS nun Koalitionspartner ist“, sagt der christdemokratische Fraktionschef Frank Steffel. „Er genießt es.“ Steffel lobt Wolf, wenn auch nicht überschwänglich. Ein fachkundiger Haushaltsexperte, angenehm im Umgang, ruhig im Ton. Aber als Wirtschaftssenator und Bürgermeister eine glatte Fehlbesetzung. Als Festredner und Gesprächspartner der privaten Wirtschaft kaum vorstellbar. „Er wird Probleme kriegen.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben