Zeitung Heute : Wolfsgeheul im Wildpark

In Schorfheide können Besucher die Tiere aus nächster Nähe bei der Fütterung beobachten

Volker Wartmann
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Imke Heyter, Leiterin des Wildparks, mit dem hoffnungsvollen Nachwuchs. Am zehnten Tag nach der Geburt werden die Jungtiere für...

Unvermittelt tönt ein leises Wehklagen durch die stockdunkle Nacht. Die Gespräche verstummen. Dann klingt es wie das Heulen des Windes. Aber es ist windstill. Das Geräusch wird lauter. Binnen Sekunden schwillt es an zu einem mehrstimmigen Geheul. In diesem Augenblick ist es allen klar – Wölfe! Plötzlich ertönt ein Echo aus der anderen Richtung, ein nahezu identisches Hörspiel, das sich in gleicher Weise in Lautstärke und Volumen hochschaukelt. „Das ist die Antwort des zweiten Rudels“, sagt Imke Heyter. „Die Wölfe haben uns gehört. Sie heulen, weil sie wissen, dass wir ihnen gleich etwas zu fressen bringen. In freier Wildbahn stimmen sich die Tiere mit dem gemeinsamen Heulen auf die Jagd ein.“ Die 36-Jährige ist die Leiterin des Wildparks Schorfheide. Einmal im Monat lädt sie zur „VollmondWolfsnacht“ ein. Etwa 30 Besucher haben dann die Möglichkeit, Wölfe bei einer außerplanmäßigen Nachtfütterung aus nächster Nähe zu beobachten. Ausgerüstet mit Fackeln zieht Imke Heyter mit ihrem Gästetross nach Einbruch der Dunkelheit auf einem breiten Feldweg vom Besucherzentrum einmal quer durch den Wildpark zum Wolfsgehege am anderen Ende des Geländes. Vor den Mond haben sich dicke Wolken geschoben, so dass es rundherum stockduster ist. Die meisten Tiere in den Gehegen links und rechts des Weges lassen sich nicht blicken. Nur das verstrubbelte Wollschwein Emmy kommt im Schein der Fackeln neugierig an den Elektrozaun gelaufen, um zu sehen, wer um diese Zeit die Nachtruhe stört.

Am Ziel angekommen öffnet Imke Heyter die Tür zum Wolfsdomizil, das von einem 3,50 hohen stählernen Maschendrahtzaun umgeben ist. Einige Meter von der Tür entfernt legt sie rohe Rinderkoteletts aus. Jetzt heißt es warten. Nach wenigen Minuten taucht der erste Wolf des neunköpfigen Rudels aus dem Schutz der Dunkelheit hinter den Kiefern auf. Im Schein der Taschenlampen sieht man als Erstes seine gelb strahlenden Augen. Lautlos streift das graue Tier im Lichtkegel heran, die Besucher stets im Blick. In Ruhe nimmt sich der Wolf ein Fleischstück und verzieht sich damit in den Wald. Anmutig und leichtfüßig nähern sich weitere Wölfe. Eines der Tiere spiegelt sich im Schein der Handstrahler im Wasser eines kleinen Tümpels. Plötzlich ein gefährlich klingendes Knurren aus Richtung Wald: Zwei Wölfe zanken sich um ein Fleischstück. Die beiden wissen, wer der Ranghöhere ist. Als das Alphamännchen Nanuk zur Futterstelle kommt, ziehen die anderen Anwesenden ehrfürchtig die Schwänze ein und halten sich respektvoll zurück. Auch wer nichts über das Verhalten von Wölfen weiß, erkennt die Hierarchien in diesem Rudel bald. Ein untergeordnetes Tier leckt Anführer Nanuk demütig die Lefzen. „Daher leitet sich der Begriff Speichellecker ab“, sagt Heyter. Sie erklärt, warum die Wölfe keine Angst vor den Menschen vor dem Zaun haben: Am zehnten Tag nach ihrer Geburt werden die Jungtiere für acht Wochen von ihrer Mutter getrennt und von Menschenhand mit Milch, Quark und Fleisch aufgezogen. Unmittelbar nach ihrer Rückkehr ins Rudel haben sie ihre vorherige Nähe zum Menschen schnell wieder vergessen – streicheln ist ab diesem Augenblick Vergangenheit. „In freier Wildbahn lernt ein Wolfsjunges in den ersten drei Wochen von seiner Mutter als Erstes, dass der Mensch sein größter Feind ist“, sagt Heyter. „Wenn ein Tier erst einmal so sozialisiert wurde, wird es kein Mensch mehr je zu Gesicht bekommen.“

Nach dem Besuch bei den Wölfen geht es – auf einer anderen Route – zurück. Lodernde Flammen weisen schon von weitem den Weg. Nach der Führung sitzen die Gäste hier noch eine Weile an dem knisternden Lagerfeuer, gemeinsam lassen sie das Erlebte bei einem Becher Glühwein Revue passieren. Hunger hat keiner: Denn vor dem Gang zu den Wölfen hatten sich die Besucher in der „Kräuterküche“ getroffen, dem gemütlichen rustikalen Restaurant am Eingang des Wildparks. An einem Buffet konnten sich die Vollmond-Gäste dort für ihre Begegnung mit den Wölfen stärken. Am Lagerfeuer erzählt Imke Heyter, was es tagsüber normalerweise noch zu sehen gibt. Der Wildpark beherbergt ausschließlich Tierarten, die in der Schorfheide heimisch sind, wie Rotwild, Damwild, Schwarzwild, Muffelwild und Fischotter. Dazu Tiere, die in Deutschland ausgestorben sind, wie Wisente, Elche und Przewalski-Pferde. Und eben Wölfe, von denen zwar noch einige Exemplare in freier Wildbahn in Brandenburg leben, die dort aber so gut wie niemand je zu Gesicht bekommt. Außerdem werden hier seltene, vom Aussterben bedrohte Haustierrassen gezüchtet, beispielsweise Wollschweine, rauwollige Pommersche Landschafe und Exmoor-Ponys.

„Keine Frage, auch bei uns leben die Tiere in Gefangenschaft“, sagt Imke Heyter. „Aber angesichts der großen Gehege kann man von einer tiergerechten und naturnahen Haltung sprechen.“ Allein die Fläche für die 13 Przewalski-Pferde sei etwa so groß wie der gesamte Zoologische Garten in Berlin, so Heyter. Fast alle Gehege seien nur von einer Seite für Besucher zugänglich, so dass die Tiere ausreichend Rückzugsmöglichkeiten hätten. „Hier können die Besucher sehen, welche Artenvielfalt an Wildtieren es in Deutschland einmal gab, bevor der Mensch ihre Lebensräume zerstört hat“, sagt Heyter.

Insgesamt ist der vor 13 Jahren auf einem ehemaligen LPG-Gelände angelegte Wildpark Schorfheide etwa 100 Hektar groß. Er liegt etwa 60 Kilometer nördlich von Berlin inmitten des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin, das 1990 als bedeutende Kulturlandschaft unter den Schutz der UNESCO gestellt wurde. Das Biosphärenreservat umfasst das größte zusammenhängende Waldgebiet Deutschlands, mehrere hundert Seen und Moore sowie weitläufige Wiesen und Ackerflächen.

Wildpark Schorfheide gGmbH, Ortsteil Groß Schönebeck, Prenzlauer Straße 16, 16244 Schorfheide, Telefon: 033393658-55, Fax: 033393-658-57, Internet: www.wildpark-schorfheide.de. Ganzjährig täglich geöffnet ab 9.00 Uhr. Eintrittspreise: 4,50 Euro, ermäßigt: 3 Euro, Gruppenrabatte ab zehn Personen.

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