Zeitung Heute : Wolters

Gewürzkuchen-Eis

Bernd Matthies

VON TISCH ZU TISCH

Kaum zu glauben, dass noch irgendein Gastronom auf den Kurfürstendamm setzt. Billigklamotten, Über-Luxus, Schnellrestaurants, Café-Bars, das blüht dort ja leidlich. Aber richtig was zum Hinsetzen und gepflegten Essen, das ist seit den Tagen des altehrwürdigen „Kopenhagen“ Geschichte, denn auch ein paar neuere Restaurants haben sich längst wieder von der vermeintlichen Spitzenlage verabschiedet. Allerdings ist das keine besondere Berliner Entwicklung, denn an den Boulevards gibt es ja in ganz Deutschland kaum vernünftiges Essen.

Also müssen wir Rainer Wolter zunächst einmal Mut attestieren. Er ist aus dem Angestelltendasein im „Lindenlife“ ausgebrochen und in die Selbstständigkeit marschiert, und das mit einem ziemlich noblen Betrieb. Die Räume gehörten mal zu einer Altenresidenz, die wie viele andere Betriebe dieser Art dahinschied und als Apartmenthotel auferstand. Wolter hat nur das Restaurant gepachtet – und fängt vorsichtig an. Kochen kann er, denn er hat es in Hamburg mal zu einem Stern gebracht, er gehört zu den „Jeunes Restaurateurs“, der einzigen durchweg ernst zu nehmenden Köchevereinigung im Lande, und das Lindenlife war ja auch nicht übel.

Wolter führt die dort begonnene Linie mit einer „normalen“ bürgerlichen Küche moderner Machart fort. Das heißt leider, dass es bei den Vorspeisen schon ein wenig sehr salatbetont anfängt; wir umgingen das Problem durch Bestellung eines Pot au Feu vom Perlhuhn, der charaktervoll schmeckte und mit Grießklößchen und kleinen Ravioli großzügig bestückt war (8 Euro). Vorspeise für den großen Hunger: gebratene Lyoner Wurst mit Linsen, Balsamico-Zwiebeln und Kartoffeln (8 Euro). Na, das war nun endlich mal ein gutes Beispiel französischer Bürgerküche, deftig, ohne doof zu sein, ausgewogen gewürzt und durchgängig von perfekter Konsistenz.

Ganz ähnlich: die dünnen gebratenen Kalbsrückenscheiben, nett aufgetürmt mit Blutwurst dazwischen; die kleinen Würfel von Möhren und Kohlrabi drumherum bewiesen zudem, dass nicht alle besseren Köche Gemüse nur für Dekoration halten (23 Euro). Das sehr genau gegarte Saiblingsfilet mit Krebsen und Schmorgurken (19 Euro) hätte ein wenig mehr Würzung vertragen können, dennoch brachte der sanfte Dillsud eine Leichtigkeit, die nach der Wurst gerade recht kam. Noch ein bisschen diffus fielen die Desserts aus: Wir kosteten einen (leider nicht frisch gebratenen, sondern nur irgendwie erhitzten) Cox-Orange-Apfel mit Marzipan, Rosinen und Gewürzkucheneis und ein Kokosparfait mit schön unsüßem Schoko-Mousse und kleinen Schoko-Bananen-Kuchen (Desserts um 9 Euro).

Hatte ich schon gesagt, dass wir, ohne es zu wissen, schon vor der offiziellen Eröffnung da waren? Also kann es durchaus noch besser werden. Die richtigen Ansätze sind da, und es werden offenbar keine illegitimen Hilfsmittel eingesetzt, sieht man von einer winzigen Dosis Trüffelöl in der Maronencremesuppe ab, die als Amuse gueule serviert wurde. Und es gibt eine passende Weinkarte aus dem Angebot von Rindchens Weinkontor, einem für die Berliner Gastronomie neuen Lieferanten. Das heißt, dass endlich mal ein paar neue Namen auftauchen, und das zu sehr vernünftigen Preisen. Der animierend frische, fruchtige „Milla“-Sauvignon der Genossenschaft Kurtatsch/Südtirol ist für 23,50 Euro ein sehr heißer Tipp. Bliebe hinzuzufügen, dass die Einrichtung, licht modernisiertes preußisches Spätbarock, einen angenehmen Eindruck hinterlässt, die Stühle sind bequem und die Tische geräumig. Sehr zu empfehlen – wenn auch Wolter gewiss noch mehr kann. Mal sehen, ob er es bei Gelegenheit zeigt.

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