Zeitung Heute : Womöglich verbohrt

Bernd Hops

Gegen den Widerstand von Naturschützern will die US-Regierung mit der Ölförderung in einem Naturschutzgebiet in Alaska beginnen. Wäre das tatsächlich ein Beitrag zur Energieunabhängigkeit der USA?

US-Präsident George W. Bush feiert die Entscheidung, neue Ölfelder in Alaska zu erschließen, als Schritt hin zu einer stärkeren Unabhängigkeit von Energieeinfuhren. Doch der Nutzen ist zweifelhaft.

Richtig ist, dass die USA in den vergangenen Jahrzehnten immer abhängiger von Ölimporten geworden sind. Von einem Exporteur entwickelten sich die Vereinigten Staaten in den 60er und 70er Jahren zu einem Nettoimporteur. Heute verbrauchen die Amerikaner jeden Tag etwa 21 Millionen Barrel (á 159 Liter) Erdöl. Aus eigener Produktion kommen nach Schätzungen der Internationalen Energie-Agentur in diesem Jahr im Schnitt etwa 7,8 Millionen Barrel. Fast zwei Drittel des verbrauchten Öls stammen also aus Quellen außerhalb der USA. Wichtigster Lieferant mit einem Anteil von 42 Prozent sind die Mitglieder der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) – darunter vor allem Venezuela und Saudi-Arabien. Aus der direkten und sicheren Nachbarschaft – aus Kanada und Mexiko – kommen nur etwa 3,7 Millionen Barrel.

Es ist daher verständlich, dass die US-Regierung nach neuen, sicheren Quellen sucht. Doch die Vorkommen unter dem Naturschutzgebiet in Alaska, das jetzt für Bohrungen geöffnet werden soll, schätzen Experten auf fünf bis 16 Milliarden Barrel. Das bedeutet: Bei dem jetzigen Verbrauch der Amerikaner entsprechen die zu erschließenden Felder in Alaska maximal der Nachfrage für zwei Jahre. Und das ist nur Theorie. Denn gefördert werden kann das Öl nur nach und nach. Außerdem dauert es beim heutigen Stand der Technik in der Regel etwa zehn Jahre, bis Öl aus noch zu erforschenden Vorkommen auf den Markt gelangt. Dem Ziel Bushs, unabhängiger von ausländischem Öl zu werden, kämen die USA dadurch kaum näher. Sie würden angesichts einer aus mittelfristiger Sicht rückläufigen Produktion der heute schon angezapften Quellen nur die Zeit etwas verlängern, in denen sie so abhängig von Importen sind wie heute.

Vielversprechender – und besser für die Umwelt – wäre es deshalb, stärker auf Energiesparmaßnahmen zu setzen. Da gibt es in den USA ein großes Potenzial. Die Amerikaner stellen zwar lediglich vier Prozent der Weltbevölkerung, verbrauchen aber ein Viertel des weltweit geförderten Öls.

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