Zeitung Heute : Woran es fehlt

Paul Janositz

Ein Diabetiker ist nach Angaben britischer Ärzte durch eine Zellverpflanzung definitiv geheilt worden. Könnte dies das Ende der Insulinabhängigkeit für alle Typ-Eins-Diabetiker bedeuten?

Diabetiker haben zu viel Zucker im Blut, weil es ihnen an Insulin mangelt. Bei Menschen, die an Typ-1-Diabetes leiden – weltweit sind das 20 Millionen Menschen – sind die insulinproduzierenden Zellen, die so genannten Inselzellen der Bauchspeicheldrüse, zerstört. Als Therapie muss lebenslang Insulin gespritzt werden. Wäre es nicht besser, das Übel an der Wurzel zu packen und das fehlerhafte Organ auszutauschen? Die Transplantation von Bauchspeicheldrüsen bringt tatsächlich in vielen Fällen den gewünschten Erfolg, der Körper des Patienten produziert wieder eigenständig ausreichend Insulin.

Um die Abstoßung des fremden Organs zu verhindern, müssen jedoch dauerhaft Medikamente genommen werden, die zahlreiche Nebenwirkungen haben und sich auch negativ auf den Blutzuckerspiegel auswirken. Da es zudem viel zu wenig Spenderorgane gibt, ist der Kreis der Empfänger auf Diabetiker beschränkt, die wegen Nierenversagens eine Dialyse bekommen müssen. Und in diesen Fällen werden dann sowohl Niere als auch Bauchspeicheldrüse transplantiert.

Für die Mehrzahl der Typ-1-Diabetiker, deren Krankheit meist schon im jugendlichen Alter ausbricht, könnte dagegen die Transplantation von Inselzellen eine hoffnungsvolle Alternative bieten. An dieser Art der Zellverpflanzung wird seit Jahrzehnten geforscht und mittlerweile gibt es beachtliche Fortschritte.

Den jüngsten Erfolg meldet ein Team um die Medizinprofessorin Stephanie Amiel vom Londoner King’s-College-Hospital. Es sei gelungen, einen 61-jährigen Diabetiker, der dreißig Jahre lang Insulin spritzen musste, zu heilen. Dem Patienten wurden Inselzellen von Organspendern bei örtlicher Betäubung in die Leber injiziert. Von dort gelangten sie in die Bauchspeicheldrüse und nahmen sogleich ihre Arbeit auf. Sie produzierten Insulin in ausreichendem Maße. Für Mathias Brendel von der Medizinischen Klinik der Universität Gießen ist das Londoner Resultat kein Anlass für allzu weit gehende Erwartungen. Seit 1992 wurden in Gießen 84 Transplantationen durchgeführt. Und jeder zweite Behandelte sei auch ein Jahr später nicht auf Insulinspritzen angewiesen. Brendel ist auch zuversichtlich, dass die Zellverpflanzung Standardtherapie werden kann. Aber, und das ist der Knackpunkt: Die für eine Transplantation benötigten Zellen müssen aus drei Bauchspeicheldrüsen gewonnen werden, es werden also sehr viele Spenderorgane benötigt. Und die sind Mangelware.

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