Zeitung Heute : Words don’t come easy!

Von Esther Kogelboom

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Südafrikaner sind viel freundlicher als Deutsche. Sie entschuldigen sich permanent. Wenn sich zwei Südafrikaner auf dem Bürgersteig ein bisschen zu nahe kommen, sagen sie „sorry“ und lächeln. Südafrikaner lachen überdurchschnittlich oft. Anfangs dachte ich, das würde mir auf die Nerven gehen. Tut es nicht. Inzwischen lache ich selbst überdurchschnittlich oft.

Mein brandneues südafrikanisches Ich ist ungefähr das Gegenteil meines Berliner Ichs. Hier zeige ich mich im Straßenverkehr geduldig. Beispiel: Ich stoppe an einer unübersichtlichen Kreuzung. Ein Obdachlosenzeitungsverkäufer will mir durchs offene Fenster eine Zeitung verkaufen. Ich sage: „Entschuldige bitte, Mfluani Xolasi (hier hat jeder Straßenzeitungsverkäufer ein Namensschild), mein Freund, ich habe bereits ein Exemplar deiner wundervollen Publikation gelesen. Genieße diesen sonnigen Tag. Sharp sharp.“

„Sharp“ heißt so viel wie „alles klar, tschüss“. „Sharp sharp“ heißt „alles megaklar, supertschüss“. (Genau wie „See you now“ bedeutet: „Wir treffen uns unter Umständen noch einmal“ und „See you now now“: Ich bin in etwa fünf Minuten zurück.)

In Berlin schaue ich weg, wenn mir jemand die „Motz“ anbietet.

Diese enorme Freundlichkeit führt manchmal zu Missverständnissen, vor allem zwischen meinem südafrikanischen Ich und den südafrikanischen Männern. Als ich vor kurzem einen deutschen Kollegen zu diesem Thema befragte, gab er mir ein paar Richtlinien mit auf den Weg, an die ich mich künftig halten werde.

1. Wage es niemals, den Einheimischen zu kritisieren.

2. Sage dem Feminismus – zumindest für die Dauer eines Abends – sharp sharp.

3. Pflege deine Füße und entferne sämtliche Körperbehaarung (Südafrikaner mögen Witze über Nenas 80er-Jahre-Achselhaar).

4. Stelle das Rauchen ein, trage reichlich Parfüm, kaue Kaugummi, benutze nach jeder Mahlzeit Zahnseide sowie giftgrünes Mundwasser.

Na ja, ich war mit Südafrikaner 1 in einer Bar. Wir beobachteten einen Mann, der seiner Freundin Pool spielen beibrachte. Der Mann war sehr ungeduldig, die Frau zwar unsicher, gehorchte jedoch verängstigt seinen Befehlen. „So ein Blödmann“, sagte ich und zündete mir eine Zigarette an. „Die Frau sollte dem was erzählen.“ Mein Gegenüber drehte die Heineken-Flasche in seiner Hand. Dann fragte er: „Are you a feminist?“ Ich bejahte. Niemand werde mich dazu bringen, zu verraten, was meine stolzen, älteren Schwestern erkämpft hatten, fuhr ich fort. Die Augen von Südafrikaner 1 weiteten sich auf fast schon unnatürliche Weise. „Jesus“, sagte er. „Ich habe Angst. Du bist so europäisch.“ Er wandte sich, sichtbar schaudernd, von mir ab, bevor er einen abschließenden Blick auf meine Zigarette warf. „See you now.“

Südafrikaner 2 badete mich in zweifelhaften Komplimenten wie „Du bist die komischste Frau, die ich jemals getroffen habe“, oder: „Ich hatte immer Freundinnen, die so winzig sind, dass man sie kaum sieht.“ Südafrikaner 2 redete sowieso viel, sogar auf Afrikaans, weswegen ich in seinem Beisein stets zwei Wörterbücher mit mir herumschleppen musste. Bereits nach kürzester Zeit fühlte ich mich wie ein buckliges, frustriertes Männlein mit verkniffenem Mund.

Er dagegen hatte beste Laune, weil mir die Worte fehlten, ihm krachend, nuancenreich und vernichtend zu widersprechen. Nur einmal musste ich ihn anschreien. Er schaute kaum von seiner Zeitung hoch und murmelte: „I feel like in a World War II movie.“ Ich sagte: „Sorry.“

Unsere Kolumnistin, 31, bekommt laufend gute Ratschläge – und verteilt gern auch welche. Hier überprüft sie jede Woche einen klugen Spruch auf seinen Wahrheitsgehalt. Seit einigen Wochen arbeitet sie in Südafrika.

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