World Food Convention : Retten, was noch zu essen ist

Ob Foodsaver oder Restaurants: Viele Initiativen engagieren sich gegen Lebensmittelverschwendung. Gesteuert wird das Ganze über eine App.

Rettungsdienst. Wie diese Frau vom Verein Foodsharing gibt es immer mehr Leute, die Lebensmittel aus Läden abholen, um sie an Bedürftige zu verteilen. Foto: Harald Tittel/dpa
Rettungsdienst. Wie diese Frau vom Verein Foodsharing gibt es immer mehr Leute, die Lebensmittel aus Läden abholen, um sie an...Foto: picture alliance / Harald Tittel

Ein Supermarkt, in dem abgelaufene Lebensmittel verkauft werden, ein Restaurant, das krummes Gemüse verkocht, eine App, auf der man sehen kann, wo zubereite Speisen nicht mehr verkauft werden können – das Lebensmittelretten wird immer populärer. Denn: Rund elf Millionen Tonnen Nahrung im Wert von 21 Milliarden Euro werden jährlich in Deutschland weggeworfen.

Groß wurde das Thema vor rund zehn Jahren durch das Containern, also das Mitnehmen noch genießbarer Lebensmittel aus Mülltonnen von Supermärkten. Einst als Guerilla-Aktion radikaler Ökos belächelt, ist das Vermeiden von Lebensmittelverschwendung mittlerweile im Mainstream angekommen. Exemplarisch dafür ist der Werdegang des Aktivisten und Unternehmers Raphael Fellmer. Der 35-jährige Berliner wurde durch seinen fünfjährigen Geldstreik bekannt: ein Experiment, bei dem auch das Containern eine wichtige Rolle spielte. Um dem Verschwendungsproblem dauerhaft zu begegnen, musste eine Professionalisierung des Containerns her. 2012 startete Fellmer die Initiative „Lebensmittelretter“, die wenig später mit dem parallel gestarteten Projekt „Foodsharing“ fusionierte, das unter anderem vom „Taste the Waste“-Regisseur Valentin Thurn gegründet wurde.

Heute ist Foodsharing eine Online-Plattform, auf der knapp 40.000 ehrenamtliche „Foodsaver“ organisiert sind, die regelmäßig Lebensmittel von Supermärkten abholen, die weder verkauft noch von den Tafeln genommen werden, aber trotzdem noch genießbar sind. Mehr als 4.500 Betriebe kooperieren mittlerweile mit Foodsharing, laut eigenen Angaben haben die Foodsaver schon 15.000 Tonnen Lebensmittel vor dem Abfalleimer retten können. Was die Foodsaver nicht selber essen, wird über die Foodsharing-Webseite als „Essenskorb“ online gestellt oder in einen der öffentlichen Kühlschränke gelegt, die Foodsharing betreibt. Von diesen so genannten „Fairtailern“, die für alle offen stehen, gibt es deutschlandweit mehr als 500, die Standorte können online bei Foodsharing eingesehen werden.

"Sirplus" - ein Supermarkt der ausschließlich Lebensmittel verkauft, die andere Märkte bereits aussortiert haben

Fellmer ist derweil den nächsten Schritt gegangen. 2017 gründete er mit „SirPlus“ in Berlin den ersten Supermarkt, der ausschließlich Lebensmittel verkauft, die von anderen Märkten aussortiert wurden: überschüssige Ware, ein überschrittenes Mindesthaltbarkeitsdatum, braune Stellen, beschädigte Verpackungen, falsche Etikettierung oder die falsche Größe von Obst oder Gemüse. Kürzlich wurde Sirplus mit dem Preis „Zu gut für die Tonne“ ausgezeichnet, der seit 2016 vom Bundesministerium für Landwirtschaft ausgelobt wird.

Derzeit beschäftigt die erste Filiale von SirPlus in der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg 27 Mitarbeiter und hat täglich rund 600 Kunden. Dabei soll es nicht bleiben: Fellmer plant noch Mitte 2018 eine zweite Filiale in Berlin, bis 2022 sollen europaweit 35 entstehen und der Onlineshop weiter ausgebaut werden.

Doch dies sind nicht die einzigen Initiativen, die sich dem Lebensmittelretten verschrieben haben: 2014 eröffneten zwei Berlinerinnen das vegetarische Café „Culinary Misfits“, in dem mit krummem und seltsam aussehendem Gemüse gekocht wurde, das normalerweise von Bauern aussortiert wird; rund ein Drittel der Ernte geht so bereits verloren, bevor sie überhaupt auf den Markt kommt. 2016 musste das Café schließen, die Culinary Misfits bieten aber weiterhin Workshops und Seminare an.

Foodwatch fordert ein Gesetz zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen

Im selben Geiste wurde 2014 der Verein „Restlos glücklich“ gegründet, der seit 2016 ein gleichnamiges Restaurant betreibt, in dem ausschließlich krummes Gemüse in kulinarisch anspruchvollen Menüs serviert wird. Auch das Berliner Unternehmen Querfeld hat sich der „schrägen“ Lebensmittel angenommen, kauft es gezielt Bauern ab und bringt es dadurch wieder auf den Markt.

Wer selber etwas tun will, kann sich über diverse Apps kundig machen, wo es Lebensmittel zu retten gibt: „MealSaver“ etwa zeigt mehr als 150 Restaurants, Cafés und Bäckereien an, wo Speisen übrig geblieben sind und nicht mehr weiterverkauft werden können. Den gleichen Service bieten die Apps „To Good to Go“ und „ResQ“. Auch die kostenlose App „Zu gut für die Tonne“, die vom Bundeslandwirtschaftsministerium entwickelt wurde, gibt Tipps zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung und enthält 340 „Reste-Rezepte“, unter anderem von Promiköchen wie Sarah Wiener oder Johan Lafer.

Laut dem Institut für nachhaltige Ernährung der Fachhochschule Münster entstehen rund 60 Prozent der Abfälle bereits in der Wertschöpfungskette. „ Foodwatch“ fordert daher ein Gesetz zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen in der Wirtschaft – so wie in Frankreich, wo es Supermärkten verboten ist, genießbare Lebensmittel wegzuwerfen. 2017 hatte der damalige Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CDU) ein entsprechendes Gesetz abgelehnt.

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