Zeitung Heute : world wide bett

Ob Marokko, Usbekistan oder Japan: Wer im Hospitality Club Mitglied ist, hat auf allen Kontinenten eine Wohnung. Ein Selbstversuch in den USA.

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Von Björn Rosen PHILADELPHIA, PENNSYLVANIA

Heather und Brit sammeln Hospitality-Club-Gäste wie andere Leute Briefmarken. Es ist so eine Art Hobby, ihr Unterhaltungsprogramm für die Wochenenden. Wie vereinbart stehe ich am frühen Freitagabend vor der Tür ihres Apartments, das sich in einem alten, renovierten Reihenhaus mit Backsteinfassade im Zentrum Philadelphias befindet. Die beiden begrüßen mich herzlich, wir nehmen die Wendeltreppe in das Souterrain: Hinter der Küche haben sie dort ein kleines Gästezimmer mit Bett und Fernseher eingerichtet. Dutzende Leute aus der ganzen Welt haben da schon übernachtet – und keiner hat etwas bezahlt. Das Zimmer hat nur ein winziges Fenster, ganz oben an der Wand. Im Kleiderschrank gegenüber vom Bett lagert altes Sportgerät und Kleidung, die keiner mehr trägt.

Heather und Brit nehmen mich auf, als wäre ich ein alter Freund. „Und, was willst du in Philadelphia machen?“, fragt mich Brit. „Ich weiß nicht“, antworte ich, nenne zwei Sehenswürdigkeiten, den Namen eines Museums. „Museum?“ Heather, Brits Verlobte, verdreht die Augen. „Was willst du in einem Museum?“ Die beiden haben meinen Besuch schon genau durchgeplant.

Heather ist Immobilienmaklerin, Brit arbeitet als Koch. Sie sind beide jung und verdienen ziemlich viel Geld. George W. Bush können sie nicht leiden, aber eigentlich ist ihnen Politik völlig egal. Denn was sie wollen, das ist: gut essen, gut trinken, dann tanzen. Wir ziehen durch Philadelphias Clubs; Heathers Freunde, Surfer aus Maryland, kommen auch noch vorbei, es ist ein großer Spaß.

Als wir am Nachmittag darauf auf dem grauen Sofa im Wohnzimmer sitzen und Musikvideos schauen, sagt Heather: „It was so much fun with you.“ Brit fragt: „Heather, wer kommt eigentlich nächste Woche?“ „Drei Franzosen, glaube ich. Ich muss nachher nochmal in meinen E-Mails nachsehen.“

VALLEY FALLS, KANSAS

Vor Beryls Haus weht die amerikanische Fahne an einem hohen Mast. In Sichtweite stehen zwei Nachbarhäuser, dahinter beginnt das Nichts: ein weiter, grauer Himmel, flaches Land, die Prärie. Allein um ins Zentrum von Valley Falls, dem nächsten Ort, zu kommen, braucht man ein Auto und 15 Minuten Fahrzeit.

Beryl ist Mitte 60, trägt einen grauen Bart und über seinem massigen Bauch ein weißes Polo-Shirt. Das Haus, in dem er wohnt, hat er selbst gebaut. Es ist ebenerdig und aus Holz, im Innern wirkt alles improvisiert. Man weiß auf den ersten Blick, dass hier nur ein Mann wohnen kann. In einem Raum lagert ein Computer. Ersatzteile für das Gerät und CDs liegen in Pappkästen auf den Holzbrettern der Regale, daneben Bücher, die die ruhmreiche Geschichte amerikanischer Freiheitskämpfe und Kriege erzählen. Und überall hängt, steht, klebt das Maskottchen des Basketball-Teams „Kansas Jayhawks“, ein grinsender, untersetzter Vogel in den Farben Blau, Rot und Gelb.

„Du bist der Erste aus diesem Hospitality Club, der hier vorbeikommt“, sagt Beryl, der seit ein paar Monaten Mitglied ist. Kann sein, dass er sich einsam fühlt. Beryl war Soldat im Vietnamkrieg, dann Lehrer, jetzt ist er pensioniert. Als er noch arbeitete, waren jedes Jahr Austauschschüler bei ihm. In dem kleinen, fensterlosen Raum, in dem sie damals übernachteten, bleibe ich für zwei Tage. Und grusele mich anfangs, weit weg von der Zivilisation, allein mit dem sonderbaren Einsiedler, den ich nicht kenne. Niemand weiß, wo ich bin, mein Mobiltelefon funktioniert nicht. Und dann fühle ich mich wieder schuldig, denn Beryl kümmert sich sehr um mich.

Beryls Gefährtin heißt Abby. „Good old Abby“, wie Beryl sagt. Der Hund ist so schwer, dass er sich kaum bewegen kann, auch, weil Herrchen ständig den Fressnapf füllt. Mit Abby auf dem Rücksitz seines Trucks fährt mich Beryl durch halb Kansas, zeigt mir das Haus, in dem General Eisenhower aufwuchs, die Originalschauplätze des „Zauberers von Oz“ und die Weihnachtsdekorationen in Valley Falls: lebensgroße Rehe aus Plastik mit roten Schleifen um den Hals, einen blinkenden Santa Claus, lachende Schneemann-Gesichter an den Eingangstüren. Plötzlich stoppt er den Wagen und deutet mit dem Finger auf ein Haus: „Da wohnt eine Ex von mir“, sagt er mit seiner dunklen, knorrigen Stimme. „Die wollte mich unbedingt heiraten. Aber ich habe keine Lust darauf.“ Er gibt Gas, der Truck bewegt sich wieder. „Ich will meine Freiheit."

DALLAS, TEXAS

Sandra ist schon in Hektik, als sie mich am Greyhound-Busbahnhof abholt. „Ich habe leider keine Zeit, mich um dich zu kümmern“, sagt sie. „Überhaupt keine Zeit.“ Sandra ist blond, Mitte 30, Journalistin. Früher sei sie viel gereist, erzählt sie. Durch Europa, Zentralasien, bis nach Thailand und Indonesien. „Ich habe so viel Gastfreundschaft erfahren, ich möchte das einfach an die Welt zurückgeben.“ Die Welt – das bin in den nächsten drei Tagen ich. Sandra deutet auf das schwarze Ledersofa, das in der Mitte ihrer Wohnung steht, gegenüber einer großen, ebenfalls schwarzen Stereoanlage. „Da kannst du schlafen“, sagt sie und drückt mir den Zweitschlüssel für das Apartment in die Hand. Wir gehen in die Küche. „Da drüben, siehst du ja, steht der Kühlschrank. Bedien dich! Ich muss jetzt zur Arbeit.“ Dann geht sie.

Als ich am nächsten Morgen mit einer Tasse Kaffee allein am langen schwarzen Tresen in der Küche sitze und auf Sandras selbst gemalte Bilder an der Wand schaue – dicke rote und braune Kleckse auf weißem Untergrund – denke ich: Womit habe ich das verdient? Vertraut sie jedem so sehr wie mir? Und: Hätte ich Sandra meinen Zweitschlüssel gegeben? Ich bin mir nicht sicher.

Die meiste Zeit des Tages verbringe ich außer Haus. Mit Sandra spreche ich nur noch ein paar Mal, fünf, zehn Minuten. Am Tag meiner Abreise werfe ich den Schlüssel in ihren Postkasten.

ALBUQUERQUE, NEW MEXICO

Von Kens und Denises Haus kann man die Berge sehen. Der Himmel über New Mexico ist makellos blau. Die Gipfel sind karg. Früher haben die beiden da oben im Gebirge gewohnt, in einer Kommune. Vielleicht liegt es an Tochter Lark (Lerche), dass sie vor fast zwei Jahrzehnten ihrem Hippie-Leben ein Ende setzten, hier hinunter kamen und ein bisschen bürgerlich wurden.

Ken sitzt in seinem Wintergarten, in einem Korbstuhl, neben Kakteen und dem Regal voller Reiseführer, und zündet sich eine Marihuana-Pfeife an. Wir schauen durch die Scheiben auf das Panorama, auf die Plastikstühle und die Schaukel im Hof. Im vergangenen Jahr ist das Paar nach Europa gereist. Nach Italien, Frankreich. „Wir lieben es“, sagt Ken, und wird immer begeisterter, je länger er darüber spricht. „Komm, ich zeig dir was.“ Er führt mich über akkurat verlegte bunte Fliesen über den Hof, öffnet die Tür zu einem Schuppen. Darin steht ein halb fertiges Holzboot, Werkzeug liegt auf dem Boden. „Ist mein Hobby“, sagt Ken. „Damit werden wir mal durch ganz Frankreich fahren.“ Wie wollen sie das Boot dahin bekommen? Ken lacht und kratzt sich an seinem sorgfältig gepflegten Dreitagebart. „Darüber denken wir nach, wenn es fertig ist.“

LOS ANGELES, KALIFORNIEN

Südlich der Melrose Avenue heißen die Altersheime „Shalom“, und die Kundschaft des koscheren Fleischers spricht Jiddisch. Palmen säumen die Straßen.

Es ist schon spät, als ich vor Adams Apartment stehe, das eher wie ein Bungalow wirkt. „Ich hatte nicht mehr mit dir gerechnet“, sagt Adam. Er macht keinen glücklichen Eindruck: „Ich bin stark erkältet. Wenn es dir also lieber ist, nicht hierzubleiben …“ Aber ich verstehe den Wink nicht. Oder ich habe mich zu sehr an die Gastfreundschaft Fremder gewöhnt.

Adams Wohnküche ist übersät mit Taschentüchern, in der Spüle stapelt sich das Geschirr, die Lampe über dem Küchentisch taucht die Wohnung ins Halbdunkel. Adam, hünenhaft groß und in Lederjacke, leidet sehr, wenn er krank ist. Ich gebe mich als Hypochonder zu erkennen, das bricht das Eis. „Sorry, ich wollte dich nicht ausladen“, sagt Adam. Er hatte Ärger auf der Arbeit. „Ich mag meinen Job nicht besonders. Den ganzen Tag am Schreibtisch zu hocken ist nichts für mich.“ Adam arbeitet für eine jüdische Wohltätigkeitsorganisation. Eigentlich will er zum Film. „Ich möchte mehr reisen, aber mit einem Nine-to-five-Job ist das unmöglich“, sagt er. „Deshalb bin ich im Hospitality Club. So kann ich mir das Ausland irgendwie nach Hause holen.“

Der Autor, 24 Jahre alt, war auf seiner Reise durch die USA neun Mal bei Mitgliedern des Klubs zu Gast. Fazit: Diese Übernachtungen sind interessant, aber anstrengend, weil die Gastgeber meistens erwarten, dass man viel Zeit mit ihnen verbringt.

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