Zeitung Heute : Wortgefechte zwischen Gehörlosen

Der Tagesspiegel

Von Iris Ockenfels

Dieser Fall ist einfach zu viel für Freddy Schenk (Dietmar Bär). Von Anfang an ist er mies drauf, der Kommissar. Seit einer Woche macht er Doppelschicht, damit sich Kollege Ballauf (Klaus J. Behrendt) den Luxus einer Schulung in Brüssel leisten kann. Also muss er allein zum Tatort, mitten in der Nacht.

Der Immobilienunternehmer Merz (Karl Kranzkowski) hat einen Einbrecher in seinem Lagerschuppen erwischt und dabei gleichzeitig die Leiche seines Hausverwalters entdeckt. Genervt beginnt Schenk im Präsidium mit dem Verhör des jungen Einbrechers. Das führt zu nichts–der Verdächtige ist taub. Als Schenk ihn abführen lassen will, gerät der Junge in Panik, stü rzt sich aus dem Fenster und stirbt. Von Schuldgefühlen völlig paralysiert, ist Freddy unfähig, den Fall zu untersuchen. Ganz im Gegensatz zu Max Ballauf, der hoch motiviert als „international erfahrener Dienststellenleiter“ aus Brüssel zurückkehrt.

Im zwanzigsten Fall („Schützlinge“, 20Uhr15 im Ersten) des derzeit beliebtesten „Tatort"-Duos trifft Hochstimmung auf tiefe Depression. Entsprechend heftig knallt es zwischen den Kommissaren–für den Zuschauer auf unterhaltsame Weise.

Während Max mit neuem Brüssel-Look aus feinem Zwirn herumstolziert, igelt sich Freddy in seiner Wohnung ein, hängt das Telefon aus, betrinkt sich, mag noch nicht mal mehr Pommes essen und verhöhnt den strebsamen Kollegen als „Mister Superprofiler“. Bevor die beiden sich zusammenraufen können, geschieht ein zweiter Mord. Nun hat es den Immobilienbesitzer Merz erwischt. Merz und sein Hausverwalter hatten Ärger mit ihren Mietern: Im „Exil“, einem Treff für Gehörlose, hatten sie viele Feinde:Sie wollten das Gebäude abreißen lassen, um Appartementwohnungen zu errichten.

Recht unbeholfen beginnen die Kö lner Kommissare ihre Recherchen bei den Gehörlosen. Vor allem Schenk flutscht von einem Fettnäpfchen ins andere. Seit dem Tod des Jungen hat er einen „Gehörlosenkomplex“ und ist entsprechend verkrampft.

Regisseur Martin Eigler („Freunde") hat sich um authentische Details bemüht: Ebenso wie der Darsteller des „Exil"-Betreibers, Marco Lipski, sind auch viele der Statisten Gehörlose. Manche Szenen in Gebärdensprache wurden nicht untertitelt, bleiben aber immer verständlich. Sowieso hat die Gebärdensprache eine wichtige Funktion in dem Film: Wenn sich ein Paar quer über die Straße unterhält, unter Wasser Liebesschwüre austauscht oder die Verdächtigen im Verhör unbekümmert Informationen austauschen, weil die Kommissare sowieso nichts verstehen, werden die Vorteile dieser Kommunikationsform offensichtlich. Zudem lernt der Zuschauer mit dem eifrig bemühten Freddy ein paar wichtige Gebä rdenzeichen: für „Bulle“, „Bier“–und „Polizist Bauch“. So nennen die Gehörlosen Kommissar Schenk.

WDR-Redakteurin Katja De Bock sagt: „Wir wollten keinen politisch korrekten ,Tatort’ machen. “ Zwar nimmt in einigen Szenen die politische Korrektheit trotzdem überhand, doch Gut und Böse sind deutlich zwischen Gehörlosen und Hörenden verteilt, und die Auflösung des Falls wirkt ein wenig konstruiert. Trotzdem ist es gelungen, das schwierige Thema ohne übermäßig plakative Pädagogik, aber mit viel Humor umzusetzen. Und das liegt vor allem an dem selbstironischen Ermittlerpaar.

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