Zeitung Heute : Wowereit als Model

Der Tagesspiegel

So viele schöne Männer. Kantige Kinne, sensible Augen, sinnliche Lippen. Mit Schlips und Kragen, in Freizeitkleidung – schmucke Burschen. Dazu die Damen, eine Augenweide auch sie. Ein Modekatalog. Genauer gesagt: „Exxtra Für mich“, ein Kundenmagazin des Modehauses Wöhrl. Und hinten, auf der vorletzten Seite, ein Model ganz eigener Art: Klaus Wowereit.

„Wow, Wowereit“, titelt das Magazin zu einem Bericht über einen Anzugkauf des Berliner Regierenden Bürgermeisters in der Wöhrl-Filiale am Potsdamer Platz. „Wow, Wowi“ wäre zwar fast noch besser gewesen – aber auch „Wow, Wöhrl!“ dürfen wir ausrufen. Den Regierenden Bürgermeister als Dressman gewinnt nicht jeder.

Eine Krawatte und ein Hemd, bügelfrei, erwarb Wowereit zum hellen Anzug „für den Frühling“ noch, erfahren wir. Und lernen eine Faustregel für Politiker von Welt. „Fünf Anzüge und ein Smoking“: das reiche, um stets gut und angemessen gekleidet zu sein. Ein solider, bescheidener Mann, unser Bürgermeister. Will nicht mehr als 500 Euro für seine Anzüge ausgeben. Lässt sie nicht, wie der Kanzler, maßschneidern. Kauft sie von der Stange, Marken wie Boss oder Burberry’s – Angestellten-Mode, bieder im besten Sinne. Von Wöhrl eben. Dort kaufe der Regierende häufiger ein, sagt der Geschäftsführer der Filiale.

Als geschmackvoller Mensch lässt Wowereit natürlich auch die Fabrikanten-Label am Ärmel entfernen. Was ihm von dem Wöhrl-Redakteur ein nun doch irritierendes Lob einträgt. Dieser schreibt: „Ja, wo kämen wir denn hin, wenn unsere Politiker auch noch zu wandelnden Werbeträgern würden!“

Ja. Eben! Wo kämen wir hin? Wusste Wowereit von seinem Auftritt im Wöhrl-Magazin? Die Senatskanzlei konnte dazu gestern keine Auskunft geben. Bei Wöhrl hieß es, zumindest von einem Auftritt in der Bild-Zeitung habe Wowereit gewusst. Im Mai 2001 war das – der heute Regierende war damals noch SPD-Fraktionschef im Abgeordentenhaus, Landowsky sein CDU-Pendant, und Wowereit kaufte einen Anzug. Bei Wöhrl, und „Bild“ war exklusiv und gewissermaßen stoff-nah dabei. Wöhrl hat nun einfach die Rechte an der Geschichte gekauft.

Fragt sich nur: Wo kommen wir denn hin – wenn Politiker einfach so käuflich sind?

Holger Wild

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