Wowereit predigt zum Christopher Street Day : „Deshalb gebiete ich euch, dass ihr einander liebet“

Berlin hat einen schwulen Regierenden Bürgermeister – und das seit zehn Jahren. Doch in diesen zehn Jahren, die nun auch Klaus Wowereits spektakuläres Outing zurückliegt, scheint sich viel verändert zu haben. Denn der Gottesdienst mit ihm in der Marienkirche in Mitte zum bevorstehenden Christopher Street Day wäre in seiner geradezu demonstrativen Normalität, Weihrauch und Abendmahl eingeschlossen, vor zehn Jahren wohl kaum denkbar gewesen. Zumal sich keinerlei offener Unmut regte: Die gut 200 Besucher des ökumenisch angelegten Gottesdienstes folgten der ausführlichen, traditionellen Liturgie konzentriert.

Wowereit selbst – dunkler Anzug, Krawatte rot in der liturgischen Farbe des Tages – muss diese Stimmung gespürt haben, als er selbst die Frage stellte, ob die Lage der Schwulen und Lesben zur 33. Feier dieses Tages in Berlin nicht längst in der Normalität angekommen sei. Doch er betonte, es gehe an diesem Tag nicht um Toleranz, also das passive Hinnehmen, sondern um Akzeptanz. Die Gesellschaft müsse dahin kommen, dass kein Mensch mehr ausgegrenzt und diskriminiert werde, weil er anders sei; um dies zu erreichen, brauche man Bündnisse.

Wowereit lobte die Haltung der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg- Oberlausitz, die dem Bündnis gegen Homophobie beigetreten ist. Jedes einzelne Gemeindemitglied könne dazu beitragen, ein Klima zu schaffen, in dem alle Menschen offen leben können. Doch es gebe auch dort noch Diskriminierung und Ausgrenzung, „Gott kann nicht gewollt haben, dass dies so geschieht“.

Wowereit hatte eingangs auch selbst das Evangelium vorgetragen, Johannes 15, 9-17, endend mit dem Satz „Deshalb gebiete ich euch, dass ihr einander liebet“. Mit der Wiederholung dieses Satzes schloss er auch seine kurze, als Predigt bezeichnete Rede.

Wowereit hielt sie von der Kanzel der Kirche, umgeben von Putten und Posaunenengeln, ein eher ungewöhnlicher Rahmen für eine Politiker-Rede. Nach ihm vertiefte der Superintendent von Mitte, Bertold Höcker, die theologische Dimension des Themas und sprach von der Identität der Schwulen und Lesben, die sich im „Dagegen“ bilde. Dadurch werde sie stärker und klarer als der Mainstream, doch daraus ergebe sich auch eine besondere Verantwortung, sich weder klein zu machen und anzupassen noch über die anderen zu erheben: „Opferhaltung ist gemütlich, aber nicht christlich.“

Ungewöhnliches Ende des Gottesdienstes: ein Empfang in der Marienkapelle mit Johannisbeersaft und Prosecco. Wowereit nahm daran teil; die Sache liegt ihm, dem Katholiken, am Herzen. Bernd Matthies

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