Zeitung Heute : Wowereits Wortschatz

Sechs Jahre regiert er Berlin – und nun macht er mit einem Buch so viel Wirbel wie noch nie. Das könnte erst der Anfang sein

Ulrich Zawatka-Gerlach

Klaus Wowereit freut sich auf Hamburg. Da liest er am Sonntag in Schmidt’s Theater aus seinem Buch. Vorher muss er in die Kammerspiele, zur „Zeit“-Matinee, wo ihn der Herausgeber Josef Joffe einvernimmt. Das Thema: „Prima Klima in Berlin – wie sexy ist der arme Osten?“ Am Montag talkt Berlins Regierender Bürgermeister mit Reinhold Beckmann im Ersten Programm. Der Blessing-Verlag hat seinen neuen Autor schon bis Dezember verplant; zwei Tage nach Nikolaus signiert Wowereit im KaDeWe.

„Wie viel Auflage brauchen Sie denn für Ihre persönliche Eitelkeit?“, fragt Günther Jauch Klaus Wowereit, als er am Donnerstagabend dessen Werk präsentiert. Unter den Linden Nummer 1, bei Bertelsmann. Der Saal ist proppevoll. „So viel wie möglich“, sagt Wowereit. „Im Interesse des Verlages – und so eitel bin ich schon.“ Die Erstauflage von 60 000 ist an die Buchhändler ausgeliefert, die zweite Auflage gedruckt. Das allererste Exemplar liegt in Paris, Wowereit hat es dem Amtskollegen Bertrand Delanoe geschenkt, der gerade in Berlin war. Beim Abendessen im Restaurant Borchardt.

So viel Gewese um ein Buch. Klaus Wowereit, „… und das ist auch gut so. Mein Leben für die Politik“. Der SPD-Mann hatte sich gerade erst vom Knutsche-Foto mit Desiree Nick erholt, als ihn der Verleger Karl Blessing 2003 zum ersten Mal fragte, ob er nicht seine Lebenserinnerungen aufschreiben wolle. Nein, Wowereit wollte nicht. Zwei Jahre später starb Blessing, die Nachfolger drängten weiter, aber dann kam die Abgeordnetenhauswahl 2006, und es sollte kein Wahlkampfbuch werden. Nun ist es da, und die Frage hängt in der Luft: Welchen Sinn macht ein Buch, in dem ein 53-jähriger Landespolitiker, der im Amt und gesund ist, Kindheit und Jugend, Schwulsein und Politik Revue passieren lässt?

Im freundlichen Geplänkel mit Jauch gibt Wowereit Antworten auf diese Frage, aus denen sich jeder das Passende heraussuchen kann. Das fängt bei der Widmung an. Jauch, schwarze Schuhe, schwarzer Anzug, weißes Hemd, Scheitel links, zitiert: „Meiner Mutter Hertha, die ihr Leben lang gekämpft hat und der ich so viel zu verdanken habe.“ Die Arbeiterin, die fünf Kinder in Berlin-Lichterfelde allein großzog.

Aus der Armut zum Erfolg, von ganz unten nach ganz oben – Klaus Wowereit, der zweite Gerhard Schröder? Das fragt auch Jauch, aber Wowereit, schwarze Schuhe, schwarzer Anzug, weißes Hemd, Scheitel links, wird die Sache mit der schweren Kindheit ein bisschen zu viel. „Immerhin hatten wir 3200 Quadratmeter Garten.“ Und der Schulfreund, dessen Vater Apotheker war, habe auch nicht auf den Seychellen Urlaub gemacht. „Der Abstand im Lebensstandard war damals noch gar nicht so spürbar.“

Jauch lässt nicht locker und zitiert Wowereits Mutter, wie sie im Buche steht: „Wenn es dir schlecht geht, ist nicht immer automatisch jemand anders schuld.“ Ob damit vielleicht die SPD gemeint sei, wie sie ihre eigenen Probleme sehe? Im Publikum wird gegluckst und gelacht, doch Wowereit kontert philosophisch. Wichtig sei es, aus eigenen Fehlern zu lernen. „Reiß’ dich am Riemen, da musst du durch“, habe die Mutter ihm beigebracht. Man dürfe den Stolz nicht verlieren. Umgekehrt gelte: „Wer will, dem darf man den Willen nicht nehmen.“

Doch Jauch will sich von den praktischen Fragen des Lebens nicht abbringen lassen. Wer mit Geld nicht umgehen könne, dem sei auch mit einer Erhöhung der Sozialhilfe nicht gedient, habe er im Buch gelesen. Würde Wowereit das auch auf einem SPD-Parteitag sagen? Aber ja, kriegt er zur Antwort. „Das habe ich auch schon gesagt.“ Und munter geht es weiter mit dem Versuch, den Bücherschreiber von allen Seiten auszuleuchten. Zuerst mit der Frage aller Fragen.

Jauch: Muss ein neuer Kanzler her? Das Buch ist doch eindeutig eine Bewerbung, damit endlich jemand auf Sie aufmerksam wird.

Wowereit: Ich finde es immer toll, das alles als geniale Strategie gesehen wird. Aber die, die versuchen, step by step ihre politische Karriere zu planen, scheitern doch alle. So was ist doch abhängig von künftigen politischen Konstellationen, und da wage ich derzeit keine Prognose. Und die These mit der Kanzlerschaft ist wirklich falsch, das weise ich nicht nur pro forma zurück.

Jauch: Wie sind Sie denn in die Politik reingerutscht, waren Sie damals schon ein Kungler?

Wowereit: Für mich kam nur die SPD infrage, und damals, 1972, gab es ja eine starke Politisierung. Die Geschichte der Arbeiterbewegung haben wir richtig gebüffelt, aber die Revolution war nie mein Ding. Ich war früher radikaler als heute, aber pragmatisch. Und ohne Kungelei geht es nicht, wenn man was durchsetzen will.

Jauch: Wer sind Ihre politischen Idole?

Wowereit: Willy Brandt. Den fand ich auch als Mensch sehr gut. Und John F. Kennedy natürlich.

Jauch: Auf einem Foto in Ihrem Buch ist neben Brandt und Kennedy auch Konrad Adenauer zu sehen. Der ist kein Idol?

Wowereit: Nö. Weil ich Berliner bin. Adenauer hat als Bundeskanzler Berlin im Stich gelassen und ist nur gekommen, wenn es sich nicht unbedingt vermeiden ließ.

Gut eine Stunde geht das so weiter – und das vom Verlag und der Senatskanzlei handverlesene Publikum fühlt sich gut unterhalten. Immer wieder Gelächter und freundlicher Beifall und hinterher, beim Sekt und Wein im Wintergarten, wird der Büchertisch ziemlich schnell abgeräumt. Fröhlich schlendert der Autor durch die Reihen und signiert geduldig. Bereits am Nachmittag hat er üben können, wie man einem Buch mit seiner Unterschrift die letzte Weihe gibt, als im Kulturkaufhaus Dussmann in der Friedrichstraße die Leute Schlange standen.

Da saß Wowereit am Tisch, mit leicht geröteten Wangen, und die Augen blitzten. „Für Sabine“, schrieb er ins erste Buch. Sabine ist 30, blond und arbeitet in einem Etablissement namens „Mona Lisa“ in Wedding. „Ich bin bi, er ist schwul, das interessiert mich“, hat sie der Kollegin von der „Bild“-Zeitung gesagt. „Bild“ hat sich frühzeitig die Rechte für den exklusiven Vorabdruck des Wowereit-Buches gesichert. Gratis. „Bei der Auflage ist das doch eine unbezahlbar tolle Werbung“, schwärmte ein Vertrauter Wowereits. Der „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann hat sich noch am Donnerstag diskret ein signiertes Exemplar bei Dussmann besorgen lassen. Gegen Bezahlung natürlich.

Das Buch hat im Springer-Verlag sogar einen Kleinkrieg ausgelöst. Zwischen der „Bild“-Zeitung und der Berliner „B.Z.“, die ohne Exklusivrechte auskommen musste, ihren Lesern aber trotzdem die „wahre Geschichte“ des Klaus Wowereit anbot. Aber auch andere Zeitungen waren verschnupft, denn im Roten Rathaus sammelten sich in den Wochen und Tagen vor Veröffentlichung der Biografie so viele Interviewwünsche, dass Wowereits Büro die Notbremse zog.

Dass eine Politiker-Biografie in den Medien, auch im Tagesspiegel, solche Wellen schlägt, ist überaus selten. Aber nur der „Stern“ bekam ein Interview, und eine der Fragen war, ob in Deutschland ein schwuler Politiker Kanzler werden könne. „Ich glaube, das wäre möglich“, antwortete Wowereit und heimste damit sogar die wohlwollende Anerkennung des FDP-Parteichefs Guido Westerwelle ein: Die Qualität der Arbeit von Politikern entscheide sich im Arbeitszimmer, nicht im Schlafzimmer“, sagte der dem Kölner „Express“. Ist das auch eine Bewerbung?

Wowereit, der sich offenkundig auf den Weg macht, ein Popstar der Politik zu werden, sagt, dass er von der öffentlichen Debatte um die Kanzlerschaft überhaupt nichts wissen wolle, auch wenn er sie selber in Schwung gebracht hat. Niemand könne wissen, was 2013 sei, wehrt er lästige Frager ab. Und ein ihm nahe stehender Genosse erklärt mit mildem Lächeln: „Franz Müntefering würde jetzt sagen, der hat zwei Wahlen gewonnen und ein Buch geschrieben. Das ist doch schon mal was.“ So einer gehöre natürlich zum Führungsreservoir der Bundes-SPD. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Eigentlich löst Wowereit nur ein, was er vor der Berliner Landtagswahl im September angekündigt hatte. Und was selbst manche Genossen als Drohung empfanden. Er wolle sich – als Regierender Bürgermeister – stärker in die Bundespolitik einmischen. Das tut er jetzt. Und als wollte er demonstrieren, dass sein Herz zuallererst an der Hauptstadt hängt und nicht an Kanzlerschaftsträumen, absolviert er am Donnerstag – tagsüber – ein richtiges Landesvaterprogramm. Morgens um neun, im Hangar 2 des Flughafens Tempelhof. „Die bewegte Stadt“ heißt der internationale Städtekongress, der dort tagt. In filmreifer Kulisse, riesige Fotowände zeigen im Licht der Bühnenscheinwerfer den in Tempelhof landenden Kennedy, daneben bullige Triebwerke in Großaufnahme und eine Maschine der längst verblichenen American Overseas Airlines.

Der bewegte Wowereit schwingt sich munter aufs Podium, im diesigen Licht der Halle glänzen die graumelierten Haare weiß. Er spricht von Humphrey Bogart und Ingrid Bergman; über Tempelhof liege immer ein Hauch von Casablanca. Wenn der Flughafen 2008 geschlossen werde, „ist bei jedem ein bisschen Wehmut dabei, auch bei mir“. Das kommt gut an bei den 700 Kommunalexperten aus 20 Städten Europas. Hier spricht wohl ein Metropolenchef, der eine schwierige, umstrittene Entscheidung mit harter Hand durchsetzt und trotzdem seine Gefühle nicht verbirgt. Als wäre es bestellt, fährt draußen ein Flugzeug zur Startbahn. Die Motoren dröhnen, der Hangar bebt.

Aber dann blitzt in derselben Rede ein anderer Wowereit auf. Als er die Gäste begrüßt, sagt er zum schleswig-holsteinischen Regierungschef, der in der ersten Reihe sitzt: „Ich weiß nicht, ob ich noch ,lieber Harry Carstensen’ sagen soll, nachdem Sie meine SPD in Kiel so schlecht behandelt haben.“ Dort hat es eine schwere, nur mühsam beigelegte Koalitionskrise zwischen Union und Sozialdemokraten gegeben. Der gescholtene CDU-Mann lächelt dünn, wie soll er sich gegen diese Unhöflichkeit wehren, er ist Gast. Wowereit piekt jeden, der es seiner Meinung nach verdient. Auch in öffentlicher Runde. Und er freut sich, wenn es Wirkung zeigt.

Dann gibt es noch den generösen Wowereit, der am Donnerstagmittag beim Richtfest der O2-Arena den früheren Bausenator und SPD-Landeschef Peter Strieder lobt, der seit 2002 kräftig mitgeholfen habe, den Bau des neuen Sport- und Entertainment-Palastes am Ostbahnhof gegen viele Widerstände durchzusetzen. Strieder, der im Zuge einer Bau- und Finanzaffäre 2004 zurücktreten musste, durfte auch zum Richtfest kommen. Der ehemalige Widersacher Wowereits. Auch das steht im Buch: 2001 hat Gerhard Schröder persönlich entschieden, dass nicht Strieder, sondern Wowereit SPD-Spitzenkandidat werden sollte. Abends darf der abgeschobene Parteifreund sogar in die Bertelsmann-Vertretung kommen. Bei manchem, was Wowereit dort über sich und die Politik zum Besten gibt, blickt Strieder stumm auf den Boden.

Es gibt andere, denen Wowereit und seine schriftlich bekundete Sicht auf die Welt, die Menschen und Berlin noch offenkundiger missfällt. Im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ pflückt Roger Boyes, Deutschland-Korrespondent der britischen „Times“ und Tagesspiegel-Kolumnist, die politische Leistung des SPD-Manns auseinander. Wowereit sei ein Spieler, „der Regierende Zocker der deutschen Hauptstadt“, steht da. Auf dem Titelbild, das Wowereit in grauem Anzug mit roter Krawatte, auf der Treppe des Rathaus-Foyers sitzend zeigt, steht: „Er ist jung, er sieht sympathisch aus, er möchte ganz nach oben: Klaus Wowereit will Kanzler werden. Und das ist nicht gut so“. Der Regierende Bürgermeister sieht das und amüsiert sich. Es gebe nun mal Menschen, sagt er, die ihn nicht mögen. „Aber das Foto ist doch klasse!“

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