Zeitung Heute : Wünsche einer Weltverwünscherin

Das Preisgeld braucht sie „für das Alter und den Wahnsinn“. Morgen erhält sie den Literaturnobelpreis. Ein Besuch bei Elfriede Jelinek

Peter von becker[Wien München]

Sie ist erst die zehnte Schriftstellerin, der diese Auszeichnung widerfährt in der hundertdreijährigen Geschichte des Literaturnobelpreises. Aber Elfriede Jelinek sorgt auch für eine Premiere, eine wahre Uraufführung. Weil sie in kein Flugzeug steigt und sich ihre Furcht vor dem Eingeschlossensein in einem Raum mit vielen Menschen und vor dem leibhaftigen Angestarrtwerden, jene Krankheit, die man öffentliche Platzangst (Agoraphobie) nennt, weil sich ihre Panik in den letzten Jahren so sehr gesteigert hat, ist sie diese Woche nicht nach Stockholm gekommen. Für solche Absenzen gab es früher, aus persönlichen oder politischen Gründen, schon andere Beispiele: Pasternak, Hemingway oder Beckett. Aber Jelineks Novität war ihr Video-Auftritt in der Schwedischen Akademie.

Am frühen Dienstagabend hat sie dort von zwei Leinwänden herab – und weltweit übertragen im Internet – die traditionelle Nobel Lecture gehalten: die poetische Preisrede vor der eigentlichen Nobelfeier mit dem schwedischen König am morgigen Freitag. Elfriede Jelinek überschreibt ihre 39-minütige Reflexion über die Einsamkeit des Schreibens und den Liebeshasskampf mit der höchst eigensinnigen Sprache „Im Abseits“. Sie spricht darin, wortspielerisch, über ihre lebenslange „Abseitsfalle“. Dabei steht sie, seit bei ihr an jenem Donnerstag, dem 7. Oktober, um 12 Uhr 30 im Jupiterweg in Wien-Hütteldorf das Telefon klingelte und sich „ein Herr mit schwedischem Akzent meldete“, ganz im Zentrum.

Natürlich wehrt Elfriede Jelinek, als wir uns zu Beginn dieser Nobelpreiswoche treffen, den Gedanken, jetzt mehr Einfluss oder gar Macht zu haben, sogleich ab. Sie weiß zwar, zwischen der bekanntesten und wegen ihrer politischen Interventionen oder ihrer poetischen Auseinandersetzung mit Sex, Gewalt und Horror umstrittensten österreichischen Autorin und der neuen Nobelpreisträgerin liegt ein Riesensprung. Die Nachricht aus Stockholm war die Explosion in den Weltruhm. Für sie ein freudiger, aber zugleich „entsetzlicher Schock“. Jelinek traut sich nicht mehr, wie bisher mit der U-Bahn aus ihrem südwestlichen Villenvorort am Rande des Wiener Walds in die Innenstadt zu fahren, sie meidet ihr Lieblingslokal, das Café Korb in den Tuchlauben nahe dem Stephansdom. „Ich werde halt überall erkannt und angesprochen. Freundlich zumeist, die Leute gratulieren mir, doch auch das ist mir im Grunde unerträglich.“

Die Ärmste, die Neureiche lacht aus ihrem großen Mund ihr sanftes, leises Jelineklachen: „Ich fahre dauernd nur Taxi, muss mich aber noch daran gewöhnen, dass ich mir das jetzt leisten kann.“ Sie war als Nichtfliegerin auch noch nie außerhalb Europas – und würde so gerne einmal die Wolkenkratzer von New York sehen. „Vielleicht versuche ich mit meinem Mann einmal eine Schiffsreise.“Mit einer teuren, großen Außenbordkabine.

Im Übrigen jedoch braucht sie die gute Million Euro Preisgeld „für das Alter und den Wahnsinn“. Denn sie hat Angst. Angst, wie ihr Vater, ein erfolgreicher Chemiker, in einer Irrenanstalt zu sterben. Oder fast 100 Jahre alt zu werden wie ihre neurotisch despotische Mutter, die das kleine, musikalisch hochbegabte Elfiemädchen zum pianistischen Wunderkind dressieren wollte – „und mich bis zum Tod nicht aus den Klauen ließ“.

Davon erzählt Jelineks vor 20 Jahren erschienener, später mit Isabelle Huppert kongenial verfilmter Roman „Die Klavierspielerin“. Das war ein literarisch gelungener, doch im Leben damals noch fehlgeschlagener Befreiungsversuch der Tochter. Immerhin hat das neue Jahrhundert Elfriede Jelinek, die schon mit sieben vom Wiener Kinderpsychiater Hans Asperger (nach dem eine frühe Form von Autismus benannt ist) behandelt wurde, mehr innere Freiheit gebracht. Das Nobelgeld lindert die Altersarmutsangst, und ihre Übermutter, die sie in dem Wiener Haus am Jupiterweg bis zum Ende gepflegt hat, ist 2000 mit 96 Jahren gestorben.

In der Mutter ehemaligem Zimmer im ersten Stock des grauen, aber durch viele Fenster lichtdurchfluteten Frühsechzigerjahre-Domizils hat die Tochter nun alle dunkleren Spuren getilgt. Statt Nuss oder Eiche dominieren hier Art déco und die hellen bunten Farben des dänischen Möbelbauers Arne Jacobsen. Und in eben diesem Raum, vor einem seeblauen Frauenkopf des österreichischen Malers Jürgen Messensee, hat Elfriede Jelinek ihre Nobel Lecture vom schwedischen Fernsehen aufzeichnen lassen.

Die Video-Rede vom „Abseits“, die am Freitag auch im Berliner Ensemble bei einem der vielen Jelinek-Nobelabende in den deutschen Theatern zu sehen sein wird, hält sie also in ihrem unheimlich heimischen Diesseits. Hier begräbt die heute 58-jährige Schriftstellerin ihre Eltern, den zu früh in der Irre Verschiedenen und die Drachenkönigin – begräbt sie nun vor aller Welt mit einem wehmütig stolzen Satz: „Ich bin der Vater meiner Muttersprache“ geworden. Dabei liest sie, in einem als Jeansstoff kaum mehr erkennbaren Jacket ihres japanischen Lieblingsmodedesigners Junya Watanabe, die zwölf Blätter der Rede im Stehen ab wie eine Partitur: „von meinem alten Notenständer“.

Eine Musikvirtuosin hätte sie werden sollen. Im Erdgeschoss, neben ihrem Arbeitszimmer, steht noch ein Steinway-Flügel. Zuletzt habe sie dort vor einem Jahr eine befreundete Sängerin bei Schubert- und Brahms-Liedern begleitet. Sie liebt die Kammermusik, dafür „reicht die Technik gerade noch“, trotz einer vom Schreiben beförderten Arthrose im Daumen. „Aber eigentlich habe ich gar kein Recht mehr auf diesen Flügel.“

Da ist sie wieder, die sanftmütige Bescheidenheit, mit der sie auch sagt, ganz andere hätten ja den Nobelpreis verdient, der erratische Amerikaner Thomas Pynchon, ihr verehrter und als Person ein wenig gefürchteter Landsmann Peter Handke („wir sind uns nur ein Mal kurz begegnet“) oder in Berlin die Erzählerin Christa Wolf. Wieder die selbstkritisch selbstbewusste Sanftmut einer Frau, die den Haider-Rechten und der auflagenstarken Wiener „Kronen-Zeitung“ als Hass-Projektion gilt; die von ihren Bewunderern als Österreichs „kälteste und erbarmungsloseste Moralistin“ gerühmt wird und die der „Bild“-Zeitung nach der Nobel-Entscheidung eine Seite mit vermeintlich pornografischen Stellen der „obszönen Frau Jelinek“, wert war.

Bevor wir zum Obszönen kommen – da ist sie erst einmal selbst, ihre Außenansicht: Die glatten blondierten Haare, aus der Stirn gefönt und aufgesteckt zu einer leichten Tolle; aus dem blassen, kaum merklich geschminkten Gesicht leuchten vor allem die orange kolorierten Augenbrauen; kein Nagellack, ein schöner Kopf auf einem schlanken, großen Körper. Sie ist eine sportlich wirkende Sporthasserin; der Nobelpreis-Anruf erreichte Jelinek im Jogginganzug, zu Hause trägt sie am liebsten Turnschuhe, heute dunkelgraue Pumas, Modell „Roma“. Früher trat sie auch in Leder auf und mit Zigarillo. Aber diese Posen waren ihr Panzer, sie ist so eitel wie scheu, die Stilisierung soll sie unverletzlicher machen gegen die fremden Augen. Denn das ist ihr Leitsatz: „Das Recht des Blicks, wie Derrida sagt, hat der Mann. Die Frau muss sich zeigen.“

Natürlich ist auch das Obszöne, auf das man sie seit ihrem Bestseller „Lust“ gerne männlich festlegen will, ihre weibliche Finte. Eine Demonstration im Schutz wie in der Aussetzung durch die Literatur. Obschon ihre Versuche einer feministischen Pornografie an den Grenzen der Körper, der Sprache, des Denkbaren scheitern mussten. Was dann bleibt, ist die Kunst und eine mitunter manische Künstlichkeit. Jelinek schreibt keine realistische Einfühlungsprosa. Sondern schwallhaft, eruptiv mit ihren rasend schnell über die Tastatur huschenden zehn Pianistenfingern ein Gemisch aus Wirklichkeitsfetzen, Zitaten, Redewendungen und zwischen Katastrophe und Kalauer mäandernden Wortspielen. Ein (harmloses) Beispiel aus ihrem Ende der Woche erscheinenden monologischen Irakkriegsdrama „Babel“: „Jeder Mensch zählt. Jeder Mensch zählt sein Geld. Der eine mehr, der andere weniger. Dick Cheney mehr, wir weniger.“ Dick, das ist hier nicht nur der Knubbel von Vizepräsident.

Zwar gibt es, von den Romanen „Lust“ und „Gier“ bis zum jüngsten „Babel“, auch die Arschschwanzundtitten-Floskeln. Doch bevor es je feucht und schwitzig wird, sprüht Jelinek das Trockeneis ihrer mechanischen Metaphern, mit denen die Organe im ewigen Stellungskrieg zu Kolben, Hinterladern, Abzugsgräben werden. Zur Charakterisierung von Jelineks Texten müsste man wohl ein Kunstwort erfinden, vielleicht dieses: Perversiflage.

Je weiter sie sich, auch in ihrem Riesenroman „Die Kinder der Toten“, buchstäblich fortschreibt, desto weniger leibhaftig werden dabei die Personen. Es sind untote Typen. Gespenster in Menschenhaut. Nur die Rollenverteilung bleibt feministisch und stoisch die alte: die Frau Welt eine Wunde, der Herr Gott ein Wunder. Die Frau duldet, blutet, gebiert und schluckt, sie ist die „Liebesmüllabfuhr“. Der Mann zeugt, tötet, foltert, spritzt, kein Beladener, ein Entlader. Nicht einmal der erlösende Liebestod bleibt, denn die Liebe hier ist sterbenslang kälter, viel kälter als der Tod.

Sie aber, Elfriede selbst, hat eine Lebensliebe. Und sie, die in ihrem charmanten, weichen Wiener Ton und mit einer altmädchenhaften Unschuld von Psychoanalytikern erzählt, die Satansmessen mit nackten Frauen feiern, oder bei einer leisen Gesprächswendung ihre „Faszination durch den Kannibalen von Rotenburg“ bekennt, sie lebt immer kürzer in Wien. In dieser schönen, für unsere deutschen Augen und Ohren freilich auch immer ein wenig morbiden Stadt. Dort wird Elfriede Jelinek in ihrem Abseits den morgigen Nobelfreitag verbringen und eine Woche später in kleinstem Kreis in der schwedischen Botschaft endlich die Preisurkunde und den Scheck entgegennehmen. „Dann ist es überstanden“, lacht sie, „nach diesem Preis hat es sich ja wohl ausgepreist!“

In den Tagen davor aber war ihr Refugium die Wohnung in München. Hier lebt ihr Mann Gottfried Hüngsberg, der vor 30 Jahren im Nachtstudio des Bayerischen Rundfunks Elfriedes Stimme gehört hatte, sie hierauf unbedingt kennen lernen wollte. Und dabei, sagt sie amüsiert, aber jetzt völlig unironisch, „hat es sofort gefunkt“. Nach wenigen Wochen haben die beiden geheiratet, seitdem pendelt sie mit dem Zug zwischen Wien und München. Gottfried, ein hochgewachsener Bayer, südlicher Typ und hyperdiskret im Hintergrund, wenn sie beruflichen Besuch empfängt, er ist Informatiker und digitaler Komponist. Für Fassbinder und Daniel Schmid hat er ein paar elektronische Filmmusiken gemacht, auch für ein Jelinek-Hörspiel. Und sie schreibt auf Computern, die Unikate sind, weil die Software von Gottfried Hüngsberg stammt. Kinder wollten sie keine, auch nicht dauerhaft zusammenziehen. „Wir sind in der Arbeit Einzelgänger; außerdem hält die Freude des Wiedersehens die Liebe frisch.“

Freude und Liebe, die scheinen nicht so gut in den Wiener Weg zu passen, der nach dem allgewaltigen, sextollen Göttervater benannt ist. In München ist die Adresse statt eines Hauses mit Garten ein eher trutziger 30er-Jahre-Wohnblock, doch im feinen Stadtteil Bogenhausen, in der Schumannstraße gleich hinter dem bekannten Feinkost-Käfer. Schumann, der Musiker, auch Clara Schumann, die Titelheldin eines frühen Jelinek-Stücks. Die kleine Wohnung im Hochparterre, hinter geschlossenen Jalousien, in der auch Jelinek mehr und mehr lebt, vermittelt sofort Geborgenheit. „Berlin wäre die interessantere Stadt, aber das ist für mich mit dem Zug zu weit, und Gottfried ist nun mal hier“, sagt sie in ihrem Arbeitszimmer, das einer Bücher- und Filmkassettenfestung mit großem Schreibtisch gleicht. Ringsum metallene offene Regale, wie in einer Leihbibliothek, mit Durchblick in „Gottfrieds Labor“.

Auf Elfriede Jelineks Tisch liegen die „Liebesgeschichten“ des wunderbar versponnenen, einst in der offenen Anstalt dichtenden Robert Walser. Und ein altes Rotbuch mit Ulrike Meinhofs „Bambule“. Vielleicht schreibt sie ein Stück nach Schillers „Maria Stuart“, mit der Meinhof als Maria und Gudrun Ensslin als tödlicher Elisabeth. „Ein Dialog, um aus meiner Monologik rauszukommen.“ Aus drei Monologen besteht noch „Babel“, das übermorgen mit dem früheren Stück „Bambiland“ in den Buchhandel und im Frühjahr in Wien auf die Bühne kommt. Es geht darin weitläufig um Menschenfresserei, um Schindung und Schändung, um die verbrannten Amerikaner in Falludscha, die Folterer von Abu Ghraib, um „Jesus W. Bush“, die fotoposierende Soldatin Lynndie England und, hinter allem, um den Mythos der Häutung des Sängers Marsyas durch den Gott Apoll. Schwärzer, blutiger geht es nimmermehr.

„Ja, das ist womöglich ein Endpunkt.“ Sagt Elfriede Jelinek und holt das erste Vorausexemplar, das ihr eben der Rowohlt Verlag geschickt hat. „Bambiland“ ist der Obertitel des Buchs, so hieß auch der balkanische Vergnügungspark, die Unterhaltungshölle des Sohnes von Milosevic. Auf dem Buchcover schaut uns ein treuherziges Reh entgegen. Das Foto haben Jelinek und ihr Mann hier aufgenommen, mit zwei Spielzeugbäumen und Maggisuppenpulver als sandigem Untergrund. Jelinek holt auch das Bambi: ein winziges Porzellanreh aus ihren Kindertagen, dem zwei Beinchen zur Hälfte abgebrochen sind. Es gehört, wie der kleine Bär in weißblauer Galauniform auf dem Schreibtischfoto – Teddy „als König Ludwig – zu „meiner Kitschecke“.

Also stecken in aller poetischen Weltverwünschung doch auch Wünsche. Elfriede Jelinek lacht einmal mehr: „Nach Ruhe und Frieden. Aber die hat man eh’ so lang im Grab!“ Darauf gehen wir in die Küche, einen steirischen Nußschnaps trinken, aus ihrer Geburtsgegend. „Weine und Schnäpse, das zumindest können wir!“ Noch unangebrochen steht dort auch ein Slibowitz, „die Nobelpreispflaume“. Marke: „Jelinek“.

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