Zeitung Heute : Wünsche ich einen schönen Tag?

Elisabeth Binder

Immer wieder sonntags fragen Sie

Ich bin in einem Geschäft, kaufe etwas und zum Abschied sagt die Verkäuferin: „Einen schönen Tag noch!“ Kann ich dann antworten: „Ihnen auch“ – oder ist das unhöflich, weil die arme Frau ja noch arbeiten muss, während ich einen Einkaufsbummel mache?

Während Sie Ihr Geld mit mehr oder weniger schlechtem Gewissen unter die Leute bringen, arbeitet die Frau in dem doch meist guten Gefühl, Geld zu verdienen. Wer sagt Ihnen also, dass sie keinen schönen Tag hat? Und wieso ist jemand „arm“, der arbeiten muss? Ich glaube, dass die Einteilung in „schöne Freizeit“ und „schreckliche Arbeitszeit“ überholt ist. Wo die Alternative darin besteht, in einem Bergwerk Kohlen zu ernten oder Unter den Linden zu flanieren, mag sie ihre Berechtigung haben. Aber heute werden viele, die Arbeit haben, von denen, die keine besitzen, beneidet. Und viele Jobs machen ja auch Spaß. Ich kenne Verkäuferinnen, die lieben den Umgang mit Menschen, finden echte Erfüllung darin, andere zu beraten, ihnen zu helfen, genau das Richtige zu finden und fühlen sich trotz der vielen Steherei, die der Beruf mit sich bringt, wohl in ihrer Haut.

Umgekehrt gibt es auch viele Menschen, denen es regelrecht graut vor ihrer Freizeit mit ihrem eigenen Stress: Shoppen, Sport-Training, Kultur-Programm… Man kann also grundsätzlich nicht wissen, was einen Menschen, den man nicht näher kennt, wirklich erfüllt oder nicht. Das erwartet auch keiner von Ihnen. Die Verkäuferin weiß schließlich auch nicht so genau, ob Sie Ihren Einkaufsbummel fortsetzen oder sich gleich um die Ecke einen Weisheitszahn ziehen lassen müssen. Der Wunsch, den sie Ihnen mit auf den Weg gibt, ist ja eigentlich eine Floskel, ein Ausdruck von Goodwill, der versucht, die Begegnung angenehm ausklingen zu lassen. Wenn Sie da entsprechend drauf antworten, sind Sie auf keinen Fall unhöflich und müssen sich auch nicht darauf gefasst machen, eine Sozialneid-Antwort zu bekommen: „Na, Sie haben gut reden…“ Es kann nie schaden, jemandem einen schönen Tag zu wünschen oder sonst etwas Gutes. Je unbefangener und großzügiger man damit umgeht, desto angenehmer wird das Klima, in dem wir alle leben.

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