Zeitung Heute : Würdevoll von der Bühne treten

Marc Neller

Wie ein Westberliner die Stadt erleben kann

Das Spiel ist aus.

Schuld an dieser Einsicht sind ein paar argentinische Fußballer, die mit ihrer, zugegeben unglücklichen, Niederlage nicht umgehen konnten.

Sie nutzten das verlorene Elfmeterschießen gegen die Deutschen, um ein paar zuvor schon aufgeführte Nahkampftechniken ohne Ball, dafür aber mit etwas mehr Härte fortzusetzen. In diesem Moment fiel mir ein, dass ich seit vier Jahren mein Schlagzeug im Keller allmählich vergammeln lasse. Der Zusammenhang scheint nur willkürlich. Ein Fußballspieler, der nach einer Niederlage blindwütig um sich schlägt und tritt wie ein Kleinkind, dem man ein Eis versagt hat; und ein Musiker, der sein Instrument achtlos einem feuchten Keller überlässt. Es gibt da keinen Unterschied.

Beider Verhalten ist würdelos. Beide erkennen das Offenkundige nicht an. Und beide bedienen sich reichlich alberner Mittel, um das Unausweichliche so lange wie möglich abwendbar erscheinen zu lassen, wenigstens vor sich selbst. Vielleicht kann der Musiker sich zu Gute halten, dass es für ihn nicht um irgendein Weltmeisterschaftsspiel geht, sondern um sein letztes großes Finale. Ende der Karriere. Eines Selbstbildes. Einer Haltung oder des letzten Rests Jugend. Oder so. (Dass es für mich nie zu mehr gereicht hat, als zu ein paar Auftritten, die nur in sehr eingeweihten Kreisen Kultstatus erlangten, ändert nichts an der Seriosität des Gefühls.)

Als die Fußballer um sich schlugen, nahm ich mir vor, würdevoll von der Bühne zu treten. Ich beschloss, mein Schlagzeug zu verkaufen. Meine Frau verstand zwar den Zusammenhang nicht ganz, lobte mich aber. Im Gegensatz zu mir fand sie schon länger, dass meine Zeit als Rockstar erstens schon weit hinter mir liegt und, zweitens, auch nicht wiederkommen würde. Immerhin besaß sie den Takt, mir das nicht allzu häufig zu sagen.

Ich bot das Schlagzeug bei einem Internet-Auktionshaus zum Verkauf an. Kurz bevor „Wichtelwerner“ den Zuschlag erhielt, rief ich meinen Freund M. an und bat ihn, ein exorbitant hohes Gebot abzugeben. Hab die Niederlage ja anerkannt. Aber ein paar Träume werden doch wohl erlaubt sein.

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