Zeitung Heute : Wüste der Weltrekorde

Keine Verbrechen, keine Steuern, keine Sozialabgaben, gigantisches Wachstum: In Dubai ist es fast wie im Schlaraffenland. Es gibt nur ein kleines Problem: In 15 Jahren geht das Öl aus. Besuch in einem Land, das dem Westen als Modellstaat in Arabien gilt.

Harald Martenstein[Dubai]

Ein paar Dinge, die in den letzten Jahren in Dubai gebaut worden sind: Der größte künstliche Hafen der Welt. Das einzige Sieben-Sterne-Hotel der Welt. Internet-City. Media City. Und ein World Trade Center.

Zurzeit im Entstehen: Die größte künstliche Insel der Welt. Das größte künstliche Skigebiet der Welt. Der höchste Turm der Welt. Der größte Wasserfunpark der Welt. Festival City.

Dubai ist die neue arabische Megacity. Sie haben dort, zusammen mit den USA, sogar den höchsten Wasserverbrauch der Welt. In der Wüste! Um den Rekord zu verteidigen, fehlt in den Hotelbadezimmern die sonst übliche Bitte, Wasser zu sparen. Das Wasser kriegen sie aus den größten Wasserentsalzungsanlagen der Welt.

Bloß das Fernsehprogramm sprengt keine Superlative. Der langweiligste Sender kommt aus Saudi-Arabien. Egal, ob nachts um eins oder morgens um zehn, in Saudi TV sieht man immer bärtige Männer mit Kopfputz, die mit erhobenem Zeigefinger vor anderen bärtigen Männern Reden halten. Anschließend kommt ein Schnitt, und man sieht, wie der Redner zufrieden ins Auto steigt. Außerdem gibt es einem indischen Rapperkanal. In dem meistgesendeten Clip steigt ein sich anschmachtendes Paar in den Fahrstuhl, der Fahrstuhl bleibt stecken, und die Frau zieht unter verführerischem Augenrollen mit Kreide eine Trennlinie auf den Fahrstuhlboden. Dann rappen beide los. Sie dürfen mit Hilfe von Zuckungen alles Mögliche andeuten, sich aber nicht berühren oder küssen, das ist bei den Indern nun mal tabu.

Am eigenartigsten ist ein Kanal, der ununterbrochen alte Wüstenkriegsreportagen zeigt, in Schwarzweiß, 24 Stunden lang. Meistens kommt die Schlacht von El Alamein. Du kannst zu jeder Tageszeit den Fernseher anmachen, immer schaut Feldmarschall Rommel dich grimmig an. Im ersten Moment denkt man, es ist CNN, Big Trouble in Bagdad, nur die Farbe ist ausgefallen.

Wo sind die Russen?

Rommel, sagt Pracheer, ist für viele in Arabien ein Held. Weil er ein oder zwei Schlachten gegen die Engländer gewonnen hat. Pracheer arbeitet für eine Reiseagentur. Elf Monate im Jahr. Im zwölften Monat fährt er nach Hause, nach Kerala in Südindien, sieht Frau und Kinder und macht meistens ein neues Kind. Seit 13 Jahren geht das so.

Helmut, ein netter Düsseldorfer, Mitte 40, macht hier mit seiner Freundin schon zum vierten Mal Urlaub. Zehn Tage, 700 Euro. Er sagt, es sei noch nie so leer gewesen. „Wo sind die Russen?“, fragt Helmut. „Sonst ist hier immer alles voller Russen.“ Baden und Shoppen. Aber im Moment gibt es in Dubai nicht mal mehr eine Rush Hour. Der Krieg und die Folgen! Die Flieger fliegen, aber sie sind halb leer. Obwohl es Quatsch ist, Angst zu haben. Irak, Iran, Syrien, das ist alles ein paar 100 Kilometer weit weg, und zweitens, sagt Helmut, „gibt es fast keine Araber, das sind alles Inder hier. Die tun keinem was.“ Allein bei uns, im Hotel Versailles, gibt es zwei indische Nachtklubs, einen nordindischen im ersten Stock und „The South India Experience“ im Erdgeschoss.

Wir fahren zum öffentlichen Strand, erst durch Hochhausschluchten, dann vorbei an kilometerlangen Bauzäunen mit der Aufschrift „Binladin“. Es sind keine Graffiti, sondern Firmenzeichen. Die Baufirma der bin-Laden-Familie gehört zu den großen Gewinnern des Dubai-Booms.

Am Jumeirah Beach sagen jede Menge Schilder in kyrillischer Schrift: „Oben ohne verboten! Alkohol verboten!“ Über solche Schilder, sagt Helmut, lacht ein echter Russe bloß. Durch den Sand fahren im Fünf-Minuten-Abstand Polizeijeeps mit Bewaffneten. Der indische Rettungsschwimmer hat hauptsächlich die Aufgabe, die Spanner zu verscheuchen. Männer aller Ethnien des Erdkreises, Tamilen, Belutschen, Iraner, Eritreer, auch Araber, sie alle strömen unaufhörlich herbei, in der vagen Hoffnung, dass vielleicht doch noch eine russische Touristin kommt. „Die armen Kerle kaufen sich von ihrem letzten Geld Badehosen“, sagt Helmut. „Das ist im Umkreis von 1000 Kilometern einer der ganz wenigen Orte, wo sie eine blonde Frau im Bikini sehen können.“

Eine Zeit lang gab es auch viele russische Prostituierte. Darauf hat die Regierung ein Einreiseverbot für allein stehende jüngere Damen verhängt – und sich zusätzlich ein Zuhälterproblem aufgehalst, weil sie jetzt alle in Begleitung kamen.

Wenn der Irak unter Saddam Hussein in den Augen von George W. Bush das böse Arabien verkörpert, dann verkörpert Dubai unter Scheich Maktoum sozusagen das gute Arabien. Es funktioniert, kurz gefasst, so: wirtschaftliche Freiheit plus relativ milde Diktatur. Die anfallende Arbeit wird im Wesentlichen von braunhäutigen Menschen erledigt, Entscheider und Manager sind weiß, diejenigen, denen der Laden gehört, tragen die Dischdascha, die arabische Tracht. Eine Million Einwohner, davon 90 Prozent Gastarbeiter.

Die Ausländer bilden im Grunde das Staatsvolk. Sie dürfen sich nicht politisch betätigen und vor allem keine Gewerkschaften gründen, ihre Familien dürfen nur Besserverdienende nachkommen lassen. Wenn die Braunhäutigen Ärger machen, fliegen sie raus. Dubai ist eine absolute Monarchie, die Scheichfamilie steht außerhalb des Rechtssystems. Kritik an ihr, auch angedeutete, ist streng verboten. Überall hängen Scheichbilder in Öl. Der Scheich selber tritt selten auf, sein Bruder Mohammed regelt die laufenden Geschäfte. Bei irgendeinem Anlass hat Mohammed einmal gesagt: „Ich habe eine Vision! Internet-City!“ Ein Jahr später, auf den Tag genau, war Internet-City fertig, eine Ansammlung von Firmenniederlassungen aus aller Welt, die von hier aus mit ganz Arabien Geschäfte machen. Solch ein Mann ist Scheich Mohammed.

Verglichen mit Saudi-Arabien ist Dubai liberal. Verglichen mit Deutschland ist Dubai eine Diktatur.

Die Küste sieht aus wie mit dem Lineal gezogen, dahinter befindet sich baumlose Ebene. Sand und Häuser, im Sommer fast 50 Grad Hitze – wer hätte gedacht, dass so der Traum von Millionen Urlaubern aussieht? Hamad bin Mejren gehört zu den Managern des Tourismuswunders. „Der Krieg bedeutet gar nichts“, sagt bin Mejren. „Nach dem 11. September hatten wir vier schwache Wochen, danach war wieder alles wie vorher. Unsere Kriminalitätsrate liegt übrigens bei null.“ Keine Verbrechen, ewiges Wachstum, keine Probleme. Wie in Utopia. Neben bin Mejren sitzt ein jüngerer, kleinerer Inder, der die Zahlen auswendig weiß und blitzschnell alle Unterlagen parat hat. Wenn bin Mejren sagt: „Deutsche Touristen, hm, tja…“, dann sagt der kleine Inder: „171140 in the year 2002."

Alle Krisen der letzten Jahrzehnte haben Dubai nur stärker gemacht. Als im Iran die Ajatollahs an die Macht kamen, flohen viele reiche Iraner hierher. Beim Golfkrieg von 1991 sind die reichen Kuwaiter gekommen, um in den Luxushotels in aller Ruhe das Kriegsende abzuwarten. Und jetzt heißt es, dass viele Saudis ihr Kapital aus den USA abziehen, aus Angst davor, dass es beschlagnahmt wird. Das Geld, Milliarden angeblich, fließt nach Dubai. „Ich habe auch von diesem Gerücht gehört“, sagt Herr bin Mejren.

Dubai ist auch deshalb ein arabisches Modell, weil es eines der ersten Scheichtümer ist, denen das Öl wieder ausgeht. In spätestens 15 Jahren ist es alle, schon jetzt steuert es nur noch sechs Prozent zu den Staatsfinanzen bei. Die Maktoums aber haben ihre Ölmilliarden, anders als zum Beispiel die Saudis, zum größten Teil im eigenen Land investiert. Sie wollen, dass Dubai nach dem Boom wieder das wird, was es vorher schon war, ein Handelshafen, nur eben auf höherem Niveau. Außer Sand aber besitzt das Dubai der Zukunft im Grunde nur Sonne, deswegen haben die Maktoums ein Hotel nach dem anderen an ihren schnurgeraden Strand gestellt, über 300 schon, die meisten davon in der Luxusklasse. Außerdem bauen sie ein Shopping-Center nach dem anderen, zum Teil mit Eisbahn oder mit gekühlter Rollerbladebahn, die sich rund um das Shopping-Center schlängelt, oder in Pyramidenform oder mit einem fast originalgroßen Nachbau der Tower Bridge. Das neueste Center, „Mercato“, ist der Nachbau einer italienischen Kleinstadt.

Historiker heben hervor, dass die Maktoums zu den wenigen Herrscherfamilien des Orients gehören, deren Angehörigen es ausnahmslos gelungen ist, im Bett zu sterben. Im Jahre 1939 haben die anderen Händler-Clans einmal energisch nach Mitsprache und Demokratisierung verlangt, daraufhin hat der Scheich einfach die Wortführer der Opposition zum Essen eingeladen. Seine Truppen haben noch vor dem Nachtisch das Feuer eröffnet. Seitdem wird das Thema Demokratie in Gegenwart des amtierenden Herrschers nur noch sehr selten angesprochen. Abgesehen von diesem Vorfall haben die Maktoums immer versucht, sich mit allen gut zu stellen. Händler müssen so sein. Sie haben in aller Stille einen US-Truppenstützpunkt zugelassen, aber bis zum 11.September hatten sie gleichzeitig gute Beziehungen zu den Taliban. Sie sollen islamische Söldner im Kosovo und in Bosnien finanziert haben, jetzt stehen Truppen der Vereinigten Arabischen Emirate in Kuwait.

Wut auf Bush

Die offizielle Position zum Irak hieß: Wir sind gegen den Krieg, aber auch gegen Saddam Hussein. Man kann aber fragen, wen man will, alle haben eine Wut auf die USA im Bauch. In einem Beliebtheitswettbewerb zwischen George W. Bush und Saddam Hussein sollte man sein Geld eher auf Saddam setzen. Saddam ist sozusagen der neue Rommel. Der indische Portier im Hotel Versailles sagt: „Nach dem Iran wird Bush Indien angreifen, da bin ich sicher.“ Warum sollten die Amerikaner das tun? „Sie wollen unsere Computerindustrie zerschlagen. Aber an der indischen Armee beißen sie sich die Zähne aus. Gut, dass wir Atombomben haben.“

In den Zeitungen, zum Beispiel den „Gulf News“, haben sie einen schlauen Weg gefunden, mit der Volksstimmung umzugehen. Die Berichte über den Krieg und die Zukunft des Irak sind sachlich und stammen meist von westlichen Agenturen. Die eigenen Kommentare sind vorsichtig. Aber auf den Meinungsseiten steht ein harter Anti-Bush-Gastkommentar neben dem anderen, fast alles Nachdrucke aus amerikanischen und englischen Zeitungen. Dagegen, dass man die „Los Angeles Times“ nachdruckt, werden die Amerikaner wohl kaum etwas sagen können. Ein Fest für den Zwischen-den-Zeilen-Leser sind die täglichen Koransprüche über dem Leitartikel. Zum Beispiel: „Nur Allah kennt den Sieger.“ Oder: „Die zu arrogant sind, Mir zu dienen, werden sicher in die Hölle kommen.“

Im Jumeirah Beach Hotel, Afternoon Tea mit Michaela und Gerd. Draußen, im Meer, steht das Sieben-Sterne-Hotel „Burj al Arab“ mit vergoldeter Lobby und einer Außenfassade aus Teflon, wie eine gigantische Bratpfanne. Gerd arbeitet seit drei Jahren in Dubai, Chemiebranche. „Man kommt, um Geld zu verdienen, danach geht man wieder. Das Gehalt ist brutto für netto. Null Steuern, null Sozialabgaben. Und das Leben ist gut. Nichts fehlt. Im Ramadan hängen sie Bettlaken vor die Poolbar, damit die Europäer weiter ungestört ihre Cocktails trinken können.“

Natürlich gibt es die Theorie, dass auch der Boom von Dubai sich am Ende als Luftblase herausstellen könnte, wie der Aktienboom, dann nämlich, wenn eines Tages kein Geld aus dem Öl oder aus Saudi-Arabien mehr hineinfließt in die Megacity, dann, wenn diese Stadt ihr Geld selber verdienen muss. Die meisten Wirtschaftsdaten sind geheim. Was wirklich los ist, weiß niemand. Und es gibt die Theorie, dass die Maktoum-Familie enden könnte wie der Schah von Persien, weil sie ihr Land zu schnell modernisieren und weil die Volksmassen völlig anders denken als die Führung. „Sie haben vor etwas ganz anderem Angst“, sagt Gerd. „Sie haben Angst, dass sie aussterben. Wenn ein arabisches Paar heiratet, zahlt der Staat die Hochzeit, und sie kriegen ein Haus fast geschenkt. Bei Mischehen gibt es nichts. Aber es nützt nichts. Es werden immer weniger.“ Eines Morgens wacht Scheich Maktoum auf, und er hat kein Volk mehr. Nur noch jede Menge indisches Personal.

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