Zeitung Heute : Wüste Gedanken

Vor zwei Monaten hat Andreas Mitko zuletzt mit seinem Vater telefoniert. Dann verschwand Witek Mitko spurlos in der Sahara. Der Sohn stellt sich vor, wie der Vater vor einer Höhle sitzt, das hilft gegen die Ungewissheit. Er darf nur nicht zu weit denken. Sonst kommen Zweifel.

Jörg Schallenberg[Augsburg]

Von Jörg Schallenberg,

Augsburg

Wenn sich Andreas Mitko vorstellt, wo sein Vater wohl gerade ist, dann sieht er eine Höhle, irgendwo in der Wüste. Die Höhle liegt auf einem Felsplateau, und der Vater sitzt vielleicht gerade davor. Falls es seinen Bewachern nicht zu riskant erscheint, denn dort draußen könnten sie ja entdeckt werden. Spätestens „wenn ein Helikopter kommt“, sagt Andreas Mitko, „müssten er und die anderen Geiseln dann sicher wieder in der Höhle verschwinden“. Deswegen hat man sie auch noch nicht gefunden.

So könnte es sein. Oder ganz anders. Andreas Mitko weiß es nicht. Sicher ist nur, dass sein Vater Witek am 20.Februar mit einem weißen Iveco Daily Allrad, einem geländegängigen Mini-Wohnmobil, in Augsburg losgefahren ist – Richtung Genua. Von dort ist er mit der Fähre nach Tunesien übergesetzt und dann Richtung Algerien weitergefahren. Am 8.März haben Vater und Sohn zum letzten Mal telefoniert. In den Tagen danach verliert sich dann irgendwo in der algerischen Wüste die Spur von Witek Mitko. Genauso wie die Spur von Michaela Spitzer und von Erna und Kurt Schuster, die mit Mitko unterwegs waren. Sie sind die fünfte Touristengruppe innerhalb weniger Wochen, die in der Sahara verschwunden ist. Insgesamt gelten dort 31 Urlauber als vermisst.

Täglich neue Gerüchte

Was mit ihnen geschehen ist, bleibt der Öffentlichkeit verborgen. Man vermutet, dass sie von islamischen Terroristen entführt wurden. Die Angehörigen der deutschen Vermissten stehen in engem Kontakt mit dem Auswärtigen Amt und der Kriminalpolizei – aber auch von dort gibt es nur Informationen im Konjunktiv. „Die sind supervorsichtig“, sagt Andreas Mitko, „bei denen heißt es immer: Alle Anzeichen sprechen dafür, dass es sich um eine Geiselnahme handeln müsste und alles spricht dafür, dass die Geiseln noch am Leben sein müssten.“ Das ist das Unheimliche an diesem Fall: Jeden Tag tauchen neue Spekulationen über den Verbleib der Urlauber auf. Nach fast zwei Monaten hat die algerische Regierung jetzt zum ersten Mal zugegeben, dass es sich um eine Entführung handelt. Den Touristen gehe es gut, das Militär habe das Versteck umzingelt und man bemühe sich um eine Freilassung. Aber bestätigen oder dementieren wollte das die Bundesregierung bisher nicht.

So muss sich Andreas Mitko daheim in Augsburg selbst ein Bild zusammenphantasieren. Es hilft gegen die Ungewissheit, sagt er, wenn er sich seinen Vater dort auf dem Felsplateau vorstellt. Dann überlegt er sich, wie Witek Mitko sich wohl in der Gefangenschaft verhält: „Er ist ein sehr rationaler Mensch, der macht sich nicht verrückt und seine Bewacher nicht nervös. Er wird den Kontakt suchen, er wird mit ihnen reden. Wissen Sie, der Vater ist sehr kommunikativ und auch rhetorisch fit.“ Das Reden hat Witek Mitko gelernt durch die unzähligen Verkaufsgesprächen in seinem Geschäft für Kaminöfen.

„Wir haben den Laden zusammen geführt“, sagt sein Sohn Andreas. Jetzt sitzt er alleine dort auf dem blauen Verkaufssofa inmitten der von Stahl und Speckstein glänzenden Öfen und malt in Gedanken an seinem Bild aus der Wüste. Er darf nur nicht zu weit denken. Sonst kommen die Zweifel: „Das ist ja auch ein logistisches Problem. Da gibt es 31 Geiseln, von denen muss jeder mindestens einmal am Tag essen. In der Wüste ist es wahrscheinlich schwierig, Essen zu besorgen. Oder haben die das so perfekt geplant, dass sie da schon Vorräte angelegt haben?“, fragt er sich.

Die linke Augenbraue von Andreas Mitko zuckt manchmal, wenn er eine Pause macht und nachdenkt. Im Laufe des Gespräches zuckt sie immer öfter. Dann fallen ihm tausend Dinge ein, die geschehen sein könnten: „Es gibt so viele Möglichkeiten, die offen sind, so viele Schienen, die man lang denken kann – es ist Wahnsinn!“ Sofort reißt er sich wieder zusammen. Rational bleiben, nicht verrückt machen, genau wie der Vater es jetzt wohl tut.

Äußerlich wirkt Andreas Mitko, 26, völlig gefasst, beinahe gelassen. Wie er da ganz aufrecht auf dem Sofa sitzt mit seinen knapp Einsneunzig, den breiten Schultern und den blauen Augen, die einen ruhig und aufmerksam mustern, erscheint er stark – wie einer, den so leicht nichts aus der Bahn werfen kann. Das sagt er auch selbst. Wenn er die Situation immer wieder zu analysieren versucht, macht er manchmal einen fast unbeteiligten Eindruck. Doch das täuscht. Jeden Tag zweifelt er ein Stückchen mehr an dem Bild, das er sich in Gedanken ausgemalt hat.

Seit dem 20. April spürt Andreas Mitko das besonders stark. An jenem Tag wollte sein Vater wieder nach Hause kommen: „Bis dahin ging es, weil ich ja nicht damit gerechnet habe, dass er vorher kommt. Aber jetzt ist das Datum verstrichen. Jetzt wird man langsam unruhig.“

Vor ihm auf dem Sofatisch liegen sein Handy und die zwei Geschäftsapparate. „Ich warte jeden Moment auf den Anruf der Kripo, die mir sagt, alles ist o.k., die Geiseln sind befreit.“ Er blickt zum Tisch, aber der Apparat bleibt stumm. Trotzdem: „Das Telefon kann im Prinzip jeden Moment klingeln.“ Und wenn nicht? Wenn es noch Wochen oder Monate stumm bleibt?

Darüber will Andreas Mitko lieber gar nicht nachdenken: „Ich hoffe, dass es bald zu Ende geht.“ Pause. „Ich weiß nicht, wie lange ich es noch aushalten kann.“ Denn zur Ungewissheit kommt noch die Untätigkeit hinzu. Alles, womit der Sohn dem Vater helfen konnte, hat er getan. Er hat den alten Prospekt mit den Reifen vom Iveco rausgekramt, hat Fotos zusammengesucht, einen Satz Kaffeelöffel dazugepackt, von denen der Vater zwei mit in die Wüste genommen hat, hat die Seriennummer des GPS-Navigationssystems des Vaters aufgeschrieben und alles den Beamten von der Kripo Augsburg gegeben. Die haben es ans Bundeskriminalamt weitergeschickt. Vielleicht lässt sich so in der Wüste eine Spur finden.

Doch jetzt kann er nicht mehr handeln. Nur warten. Und sich ablenken. Am besten gelingt das, wenn sich Mitko um das Geschäft kümmert. Aber jetzt kommt der Sommer und Kaminöfen verkaufen sich eher im Winter. Manchmal fährt er auch Motorrad und spielt Bowling. Aber als Angehöriger ist man auch Beteiligter. Wenn Andreas Mitko rausgeht auf die Bowlingbahn, in die Kneipe, ins Kino, dann fühlt er sich immer öfter beobachtet: „Ich weiß gar nicht mehr, wie ich mich in der Öffentlichkeit benehmen soll. Wenn ich lache, dann heißt es: Schau dir mal den an. Der Vater ist vermisst, hockt in irgendeiner Höhle – und er lacht noch. Also vermeide ich das, obwohl ich versuche, das Beste aus der Situation zu machen.“

Deshalb will er sich auch nicht mit den Angehörigen der anderen Verschwundenen treffen: „Das würde mich nur runterziehen.“ Psychologische Betreuung lehnt er ab. Da redet er lieber nur noch mit ein paar Freunden, mit seinem Bruder und seiner Mutter, die seit Jahren getrennt von ihrem Mann lebt.

Der Bus im Sand

Und mit den Medien. Eine Menge Fernsehteams waren schon bei ihm. Für jedes Interview nimmt Mitko ein so genanntes Informationshonorar. Angst vor den Vorwürfen, dass er mit dem Schicksal seines Vaters Geld verdient, hat Mitko nicht: „Ich mache das während meiner Arbeitszeit. Die Journalisten bekommen ihre Geschichten, und solange ich die Ermittlungen nicht behindere, kann ich nichts Falsches darin sehen. Der Vater hätte nichts dagegen, da bin ich mir sicher.“

Als vor drei Jahren das Göttinger Ehepaar Wallert und ihr Sohn auf die Philippinen-Insel Jolo entführt wurde, schloss der andere Sohn, der in Deutschland geblieben war, einen Exklusiv-Vertrag mit einem Fernsehsender ab und wurde daraufhin in anderen Medien heftig kritisiert. Andreas Mitko kennt die Geschichte, er zuckt nur mit den Schultern. Als wolle er sagen: Es gibt wirklich andere Probleme im Moment. Kühl wirkt er jetzt wieder und unnahbar.

Von den Wallerts konnte man Bilder sehen. Man wusste, wo sie sind und kannte die Entführer. Doch Witek Mitko ist einfach verschwunden. Kurz nach dem Gespräch wird der Iveco-Bus seiner Begleiter, des Ehepaars Schuster, in der Wüste gefunden. Andreas Mitko darf in der Öffentlichkeit nicht darüber sprechen, ob das die Ermittler auf eine Spur gebracht hat. Kurz darauf schreibt eine algerische Zeitung, die Geiseln seien wohlauf, nur etwas erschöpft von der Gefangenschaft. Außerdem heißt es, die deutsche Anti-Terror-Einheit GSG9 bereite sich auf eine mögliche Befreiung vor. Keine offizielle Bestätigung, kein Dementi. Andreas Mitko weiß genauso viel, wie er schon vor vier Wochen wusste. Nichts.

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