Zeitung Heute : Wütend werden

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Dorothee Nolte

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Ist das zu viel verlangt? Eben mal beim kleinen Bruder am Wickeltisch stehen zu bleiben, damit die Mutter etwas holen kann? „Mach ich nicht“, antwortet das Kind. „Bin ich etwa dein Diener?“ Erst versuche ich es höflich, dann autoritär, schließlich drohe ich, heute nicht vorzulesen. „Dann zerreiße ich den Brief!“, droht das Kind zurück. Ausgerechnet! Gerade erst haben wir, in einem Moment größter Harmonie, auf seinen Wunsch hin einen Brief an die Tante geschrieben, eingetütet und mit Briefmarke beklebt, ein Akt, den ich als Krönung meiner schreibpädagogischen Bemühungen empfand, und dieses libidinös besetzte Schriftstück will der kleine Kerl zerstören? Das ist nicht mehr die harmlose Wut des Kleinkinds. Das ist gezielte Provokation, bewusste Vernichtung dessen, was dem anderen teuer ist, das ist, oh Schreck, Pubertät! Mit vier!

Tatsächlich: Er läuft zur Kommode. Er holt den Brief. Er knickt daran herum und guckt mir rotzfrech in die Augen. „Mach doch“, fauche ich hilflos, plötzlich selbst pubertär. Erinnerungen an die Zeit der heftigen Gefühle wachen auf: der siedende Kochtopf, den ich mal aus dem Fenster schmiss, weil mein Bruder mich bis aufs Blut gereizt hatte. Der Laternenpfahl, den ich, von Tobsucht verblendet, mit einem einzigen Tritt davonfegen wollte, der mir aber wider Erwarten standhielt und fast den Fuß zertrümmerte. Und die Nase meines Bruders, die ich bei einer Silvesterparty brach, ohne Absicht, einfach durch eine jugendlich-ungestüme Bewegung. Vorbei, zum Glück!

Der Kleine knickt weiter. Der schöne Brief, der herausfordernde Blick! Sagt nicht die Psychologie: Am schwersten ertragen wir beim Kinde die schlechten Eigenschaften, in denen wir uns selbst erkennen? Meine Sicherung brennt durch. Ich entreiße ihm den Brief und zerknülle ihn (Überreaktion! Pädagogisch falsch!), knalle die Tür und lasse ihn brüllen. Fünf Minuten später ist das Wohnzimmer verwüstet, die Sessel umgekippt, alle Zeitungen auf dem Boden verstreut und zerrissen.

Zeit zum Innehalten, Zeit für Pädagogik. Einer von beiden muss schließlich vernünftig sein – und habe ich nicht einige Jahrzehnte Vorsprung an Reife? Lange schon habe ich niemandem mehr die Nase gebrochen, Töpfe und Laternenpfähle sind vor mir sicher, wie andere Erwachsene auch schleiche ich altersweise durch die Gegend, die ehemals wilden Gefühle hübsch aufgeräumt und in Fächer gestopft wie in einer Handtasche. Ich beruhige mich also. Zusammen schichten wir die Zeitungen wieder auf und analysieren den Hergang des Debakels. Ich erkläre, dass Wutanfälle menschlich sind und beichte die Nase, den Topf und die Laterne. „Mama, findest du mich jetzt blöd?“, fragt das nun wieder liebliche Kind. „Natürlich nicht“, sage ich, endlich in trautem Einklang mit meinen pädagogischen Grundsätzen, „aber was du vorhin gemacht hast, fand ich doof.“ (Merke: Kritisiere nie das Kind an sich, nur das konkrete Verhalten.) Ach, Pädagogik! Manchmal verlangst du einfach zu viel.

Wie man pädagogische Konsequenz und die Fassung bewahrt, kann man in Triple P-Elternkursen trainieren, die auch in Berlin und Umgebung angeboten werden (www.triplep.de, Infos unter (0251) 518941).

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