Zeitung Heute : Wütet, steht auf und ist Geschichte

Jan Ullrich tritt zurück. Zum Schluss beschimpft er die halbe Republik. Nur über eines mag er so gar nicht reden: das Wichtigste

Helmut Schümann[Hamburg]

Als das Donnergrollen verhallt war, lud er noch die Familie, die alten Trainer nebst Gattinnen und ein paar Claqueure, äh, Freunde, zum Mittagessen ein. Stand auf, verschwand und war Geschichte.

Jan Ullrich, der erfolgreichste deutsche Radsportler aller Zeiten, fährt nicht mehr. Um 11 Uhr 25 am gestrigen Montag verkündete er im Ballsaal II des Hamburger Interconti-Hotels seinen Rücktritt. Aber das war an diesem Tag eigentlich eine Marginalie. Verglichen mit jener Tirade, in der Ullrich die halbe Republik beschimpfte. Nur von eigenen Fehlern sprach er nicht.

Aber hatte man Enthüllungen in der Dopingaffäre, Klärungen erhoffen dürfen von einer Pressekonferenz, in der Fragen nicht zugelassen waren, wie Ullrichs Umfeld schon vorher bekannt gegeben hatte? Und doch waren 150 Medienvertreter aus halb Europa angereist, und sei es nur, um zu beobachten, mit welcher Chuzpe Jan Ullrich die Realität ausklammert. Fragen gab es ja viele, aber die durfte allenfalls Reinhold Beckmann stellen. In dessen Sendung war Ullrich am Abend als Gast eingeladen.

Kein Wort zum Beispiel zu den Blutkonserven, die beim spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes gefunden wurden und die mit hoher Wahrscheinlichkeit Ullrich zuzuordnen sind. Eine Realität, in der Gesprächsprotokolle, Telefonmitteilungen und andere Indizien eine Rolle spielen, die herauszubrüllen scheinen: Jan Ullrich war ein gedopter Radsportler.

Ullrich sagte: „Ich habe nie betrogen und niemand geschädigt.“ Das sollte wohl die Kernaussage des 43-minütigen Vortrages sein. Befragt, ob Ullrich nicht etwas konkreter hätte sein sollen, verwies dessen längjähriger Manager Wolfgang Strohband auf diesen einen Satz: „Ich habe niemand betrogen und niemand geschädigt.“ Man kann das glauben, muss es aber nicht.

Dass es bizarr zugehen würde im Ballsaal II war schon vorher klar. Es wurde sehr bald deutlich, als eine junge Frau aus Ullrichs PR-Team die versammelten Journalisten eine Viertelstunde vor Beginn in den Saal drängte, um den Vorraum zu räumen. Warum? „Wir müssen doch die Einflugschneise für Jan Ullrich frei halten.“

Ullrich kam dann aber doch zu Fuß, im grauen Tuch, scheinbar locker, ausgiebig lächelnd, einen Stapel Karteikarten in der Hand. Von denen las er seine Stichworte ab, unter anderem eine sehr rührende vorweihnachtliche Geschichte von seiner kleinen Tochter. Die nämlich habe ihn vor dem Fest zur Seite genommen und ihren einzigen Weihnachtswunsch geäußert: „Papa, ich wünsche mir, dass du nicht mehr so viel arbeitest und mehr Zeit für mich hast.“ Das gute, bescheidene Kind, ob es wohl ahnte, dass dieser Wunsch einer der Gründe für den Rücktritt war? Zumindest erzählt es der Papa so.

Aber wenn all die PR-Tätigkeiten und Beratungen erfüllt werden sollen, die Ullrich in Zukunft beschäftigen: beim unterklassigen österreichischen Profiteam Volksbank zum Beispiel, in der Jugendarbeit, bei diversen Sponsoren und „es wird mir eine Freude sein beim Rennen in Kapstadt“ – einem Jedermannrennen mit 40 000 Teilnehmern – „den Startschuss zu geben“, wenn er das also alles bewerkstelligt, wird Tochters Wunsch wohl unerfüllt bleiben.

Zum Zeitpunkt, als Ullrich die Familienstory zum Besten gab, saß die Journalistenschar – Ullrich: „Seid ihr schon eingeschlafen“ – einigermaßen fassungslos im Raum. Fassungslos darüber, dass Ullrich in den vergangenen 25 Minuten zum eigentlichen Thema, dass ihm eine Verstrickung in einen veritablen Dopingskandal vorgeworfen wird, nichts zu sagen hatte. Stattdessen wütete Ullrich gegen jene, von denen er sich umstellt wähnt.

„Die schwarzen Schafe unter den Medienvertretern“, er sah in den Raum, „von denen auch einige hier sind und nur geduldet sind.“ Da waren die schwarzen Schafe doch sichtbar auch ein wenig stolz, dass wenigstens sie sich an die Fakten halten. Die Tirade traf auch den Heidelberger Molekularbiologen und Dopingbekämpfer Werner Franke. „Dieser zerstreute Professor, der sich selbst disqualifiziert. Der hat aus spanischen Berichten zitiert, obwohl er gar kein Spanisch spricht.“ Franke hatte Einsicht in die Ermittlungsunterlagen der spanischen Behörden. Möglicherweise hatte er, woher soll Ullrich das wissen, einen Dolmetscher zu Rate gezogen. Und schließlich traf Ullrichs Wut eine Frau namens Britta Bannenberg, Bonner Juraprofessorin. Sie hatte die Anzeige gestellt wegen Sponsorenbetrugs. „Eine Rechthaberin, die sich populieren will, um ihren Buchverkauf anzukurbeln.“

Ullrichs Wut traf alle Radsportverbände und vor allem Rudolf Scharping. „Meinen alten Kumpel, der abgestiegen ist vom Verteidigungsminister zum Präsident des deutschen Radsportverbandes.“ Scharping hatte im Zuge der Dopingaffäre geäußert, dass Ullrich große Verdienste um den deutschen Radsport hat – aber ihm eben auch großen Schaden zugefügt hat. „Der Scharping“, sagt Ullrich schließlich, „war mal mein größter Schulterklopfer.“ Jetzt gehöre er noch zu jenen „Gestalten, die da so rumspringen und auch mal ins Fernsehen wollen“.

Zur Sache selber? Zu den Vorwürfen, den Indizien, Belegen? „Ich habe kein Vertrauen, da ist viel scheiße gelaufen.“ Aber das war es dann auch. Und das ist das eigentlich Tragische an der Laufbahn des Jan Ullrich. Der erste und bislang einzige deutsche Tour-de-France-Sieger beendete seine Karriere schimpfend, zeternd, nur nicht klar.

Als er gegen Ende „dem Scharping noch mal eine mitgeben“ will, stellt Ullrich die rhetorische Frage, wo denn der deutsche Radsport vor zehn Jahren gestanden habe, also bevor er, Ullrich, antrat. Die Antwort gibt er gleich selbst. „Er war nicht sichtbar, er war nicht existent, so viel zu meinen von Scharping nicht gewürdigten Verdiensten.“

Es ist ja wahr, dass allein Jan Ullrich Radsport hierzulande populär gemacht hat. Nur wird das nichts zählen, wenn der Verdacht weiter besteht, den auszuräumen Ullrich bisher nichts beigetragen hat. An diesem Tag, so scheint es, ist das gar nicht sein Ziel. Zu Beginn hat er seine Karteikarten vor sich hingelegt, hat gesagt, dass niemand ihm die Rede geschrieben habe, sondern er nur mal sage, was er so denke. „Gott weiß, dies sind meine Gedanken.“ Wenigstens einer, der nun Bescheid weiß.

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