Wulffs Mailbox-Nachricht : „Wenn das Kind im Brunnen liegt, ist das Ding nicht mehr hochzuholen“

Es war ein früher Höhepunkt in der Wulff-Affäre: Als der Bundespräsident von Kuwait aus das Erscheinen eines Artikels in der "Bild"-Zeitung verhindern wollte - durch einen Anruf bei Chefredakteur Kai Diekmann. Die "Bild"-Zeitung veröffentlichte jetzt den kompletten Wortlaut.

Tsp

Der damalige Bundespräsident Christian Wulff stand unter erheblichem Druck: Ausgerechnet während er auf einer Reise nach Kuwait war, wollte die „Bild“-Zeitung Rechercheergebnisse über Umstände seines Hauskaufs präsentieren. Das Staatsoberhaupt versuchte am 12. Dezember 2011 mit einem Anruf bei Chefredakteur Kai Diekmann, die Veröffentlichung zu verhindern. Teile der Nachricht, die Wulff auf Diekmanns Mailbox sprach, gelangten Anfang Januar 2012 an die Öffentlichkeit, was zu einem rapiden Ansehensverlust des Bundespräsidenten führte. Der Vorgang wurde als Eingriff in die Pressefreiheit gewertet. Am Mittwoch veröffentlichte „Bild“ den kompletten Text. Er hat folgenden Wortlaut:

„Guten Abend, Herr Diekmann, ich rufe Sie an aus Kuwait. Bin grad auf dem Weg zum Emir und deswegen hier sehr eingespannt, weil ich von morgens acht bis abends elf Termine habe. Ich bin in vier Golfstaaten unterwegs und parallel plant einer Ihrer Journalisten seit Monaten eine unglaubliche Geschichte, die morgen veröffentlicht werden soll und die zum endgültigen Bruch mit dem Springer-Verlag führen würde. Weil es einfach Methoden gab, mit Dingen im Nachbarschaftsumfeld, die über das Erlaubte hinausgehen und die Methoden auch öffentlich gemacht werden von mir. Ich habe alles offengelegt, Informationen gegeben, gegen die Zusicherung, dass die nicht verwandt werden. Die werden jetzt indirekt verwandt, das heißt, ich werde auch Strafantrag stellen gegenüber Journalisten morgen und die Anwälte sind beauftragt. Und die Frage ist einfach, ob nicht die Bild-Zeitung akzeptieren kann, wenn das Staatsoberhaupt im Ausland ist, zu warten, bis ich Dienstagabend wiederkomme, also morgen, und dann Mittwoch eine Besprechung zu machen, wo ich mit Herrn …, den Redakteuren und Ihnen, wenn Sie möchten, die Dinge erörtere und dann können wir entscheiden, wie wir die Dinge sehen und dann können wir entscheiden, wie wir den Krieg führen. Aber so, wie das gelaufen ist in den letzten Monaten, ist das inakzeptabel und meine Frau und ich werden Mittwochmorgen eine Pressekonferenz machen zwischen dem japanischen Ministerpräsidenten und den weiteren Terminen und werden dann entsprechend auch öffentlich werden, weil diese Methoden Ihrer Journalisten, des investigativen Journalismus nicht mehr akzeptabel sind. Und Sie werden ja voll umfassend im Bilde sein. Ich vermute, nicht voll richtig objektiv informiert sein – aber im Bilde sein. Und ich wollte einfach, dass wir darüber sprechen, denn wenn das Kind im Brunnen liegt, ist das Ding nicht mehr hochzuholen – das ist eindeutig, nach den Erfahrungen, die wir die letzten Wochen gemacht haben. Es gab immer dieses jahrelange Gerücht, Maschmeyer hätte was damit zu tun. Wir haben dargelegt, dass das alles Unsinn ist. Und jetzt werden andere Geschichten behauptet, die Unsinn sind. Und da ist jetzt bei meiner Frau und mir einfach der Rubikon in dem Verhalten überschritten. Und ich erreiche Sie leider nicht. Ich höre, Sie sind in New York – insofern ist es da jetzt ja Mittag und hier ist natürlich schon Abend. In Berlin ist es jetzt 18 Uhr. Es wäre nett, wenn ihr Büro versuchen kann, Herrn Glaeseker oder Herrn Hagebölling, den Chef des Bundespräsidialamtes, oder mich zu erreichen. Ich bin nur jetzt im Gespräch und dann hab ich hier eine Rede zu halten und ich bin also erst wieder etwa in eineinhalb Stunden in der Lage, dort in der deutschen Botschaft zu sprechen. Ich würde aber dann natürlich gern mit Ihnen sprechen. Denn dass man nicht bis Mittwoch wartet, die Dinge bespricht und dann sagt: Okay, wir wollen den Krieg und führen ihn, das finde ich sehr unverantwortlich von Ihrer Mannschaft und da muss ich den Chefredakteur schon jetzt fragen, ob er das so will, was ich eigentlich mir nicht vorstellen kann. Vielen Dank … und … bis … dann … wo wir uns dann sprechen. Ich hoffe, dass Sie die Nachricht abhören können, und bitte um Vergebung, aber hier ist jetzt für mich ein Punkt erreicht, der mich zu einer Handlung zwingt, die ich bisher niemals in meinem Leben präsentiert habe. Die hatte ich auch nie nötig. Die Dinge waren immer ordentlich sauber bei allen Vorbehalten und Gerüchten, die es immer verbreitet gab, die alle falsch waren. Und jetzt würde ich diese Dinge dieser investigativen Journalisten dieses Netzwerkes offenlegen. Und… Insofern – ja… denke ich mal, es gibt jetzt noch ’ne Chance, und die sollten wir nutzen. Dankeschön! Wiederhören, Herr Diekmann.“

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