Zeitung Heute : Wunden heilen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Sigrid Kneist

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Im Sachkundeunterricht lernt Charlotte viel Nützliches. Ich dadurch auch. Vor kurzem war das Kapitel Hausapotheke dran. Da ging es um elastische Binden, Brandsalben, Pflaster und ähnlich wichtige Dinge, die man zu Hause haben sollte. Über unsere Hausapotheke habe ich mir eigentlich nie Gedanken gemacht. Wir sind ziemlich gesund (drei Mal auf Holz geklopft), und Pflaster und ein paar Cremes haben wir da. Wenn einer mal krank wird, dann können wir jederzeit zu einer Apotheke fahren und das Nötige kaufen. So dachte ich. Aber finden Sie mal mitten in der Nacht raus, welche Apotheke gerade Notdienst hat. Jetzt bräuchten Sie nämlich ein Fläschchen Nasentropfen, weil das Kind über Ohrenschmerzen klagt. Nasentropfen haben bislang bei diesen Beschwerden super gewirkt, nur leider sind keine zu finden. Also improvisiere ich mit Hausmitteln. Das bewährte Zwiebelsäckchen scheidet aus: Mitten in der Nacht will ich genauso wenig Zwiebeln andünsten wie zur Apotheke fahren. Dann lieber Wattepfropfen mit warmem Olivenöl. Der hilft, das Kind schläft wonniglich in unserem Bett. Hinterher haben wir einen Fettfleck in der Bettwäsche, weil sich der Pfropfen aus dem Ohr gelöst hat.

Als noch unzureichender erweist sich der häusliche Medikamentenschrank, als unsere Tochter von einem Hund gebissen wird. Eigentlich ist es nur ein Bisslein. Der Schrecken ist zwar groß, die Wunde an der Hand aber winzig klein, eigentlich kaum zu sehen. Sie blutet nicht, ein Pflaster kommt trotzdem drauf, um die Tränen zu trocknen. Die Hundebesitzer versichern, dass ihr Tier geimpft ist und ich mir deswegen keine Sorgen machen muss. Das tu ich zunächst nicht. Als jedoch nach einigen Stunden das Pflaster gelöst wird, stelle ich fest, dass mindestens ein Tropfen Blut geflossen ist. Können nicht irgendwelche bösen Bazillen auch durch eine millimeterkleine Wunde in den Körper gelangen und dort grässlichste Dinge anrichten? Inzwischen ist es Abend, Samstagabend. Der ärztliche Notdienst verweist uns telefonisch an die Ambulanz eines Krankenhauses. Dort meldet sich eine resolute Frauenstimme. Da Charlotte gegen Tetanus geimpft ist, sei es nicht nötig zu kommen, sagt sie. Wir sollen aber dennoch die Wunde desinfizieren. Ja, womit denn? Haben Sie denn nichts in Ihrer Hausapotheke? Dann nehmen Sie eben Schnaps!, sagt die resolute Stimme. Aber was richtig scharfes Klares und nicht nur ein Likörchen.

Ich durchforste also die Alkoholika im Buffetschrank. Der milde Obstbrand aus dem schönen Spirituosengeschäft in Salzburg kommt nicht in Frage: nur 40 Prozent; der Tequila mit dem so revolutionär anmutenden Etikett hat sogar nur 38 Prozent, Bacardi ebenso. Dahinter steht unser Höchstprozentiger: Bombay Sapphire Gin: 47 Prozent. Den nehme ich und tränke einen Wattebausch damit. Es riecht richtig medizinisch. Der Bombay Sapphire brennt mindestens ebenso wie Jod. Charlotte zuckt. Dann hat er bestimmt gewirkt wie Jod. Vielleicht sollte ich ein Fläschchen für Notfälle abfüllen. Kommt in die Hausapotheke.

Tipps für den heimischen Medizinschrank geben die Apotheken. Den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst erreichen Sie unter 31 00 31.

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