Zeitung Heute : Wunder in der Wüste

Seit Jahrzehnten ist Muammar al Gaddafi isoliert – jetzt will er helfen, eine neue Welt aufzubauen

Birgit Cerha

Muammar al Gaddafi, 34 Jahre lang autokratischer Herrscher des libyschen Ölreiches, liebt dramatische Gesten. Um seiner jüngsten volle Glaubwürdigkeit zu verleihen, versäumte der „Bruder Führer“, wie der Diktator in seinem Heimatland genannt wird, keine Zeit. Wenige Stunden nach der überraschenden Erklärung, dass Libyen künftig auf Massenvernichtungswaffen verzichten wolle, reiste eine Delegation aus Tripolis zu ersten Gesprächen mit der Atomenergiebehörde (IAEO) nach Wien, um neue Wege der Inspektion, ohne jegliche Vorbedingung, auszuhandeln.

Diese von Gaddafi selbst als „weise und mutig“ gewürdigte Entscheidung ist der zweite dramatische Schritt in diesem Jahr, durch den Libyen endgültig seine internationale Isolation zu überwinden hofft und die Beziehungen zu Europa, vor allem aber auch zu den USA, auf eine neue Basis stellen will. US-Präsident George W. Bush reagierte prompt: „Alte Feindschaften“ müssten nicht ewig währen. „Der gute Wille wird erwidert werden.“ Eben darum geht es dem libyschen Führer.

Gaddafis Sohn Saif al-Islam wies Sonntag empört und stolz Behauptungen zurück, sein Vater wolle unter allen Umständen vermeiden, dass auch ihn das Schicksal des gestürzten irakischen Diktators Saddam Hussein ereile. Die Geheimgespräche über die Massenvernichtungswaffen hätten viele Monate vor Saddams politischem Ende begonnen. Tatsächlich ist die international beinahe einzigartige Bereitschaft zum freiwilligen Verzicht auf diese Waffen nur ein weiterer Schritt in den bereits in den späten 90er Jahren begonnenen Bemühungen Gaddafis, sein Schurkenimage abzuschütteln und aus der weltweiten Isolation auszubrechen. Zunächst hatte sich der libysche Feuerkopf, der seit seiner Machtübernahme 1969 sein anti-imperialistisches Gehabe gepflegt und nach Kräften Befreiungs- und Terrororganisationen der unterschiedlichsten Couleur unterstützt hatte, Zug um Zug von den diversen Gewaltgruppen distanziert.

„Wilder Hund“

Der Schock der Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA bot dem einst von dem damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan als „wilden Hund“ beschimpften Libyer die Chance, seine neuen Gefühle gegenüber der einst so verhassten Supermacht eindrucksvoll zu bekunden. Als einer der ersten arabischen Führer verurteilte Gaddafi, der 1986 nur knapp dem Tod durch US-Bomben entkam, die Attentate und bot den Amerikanern volle Kooperation im Kampf gegen den internationalen Terrorismus an, eine Kooperation, die unterdessen auch die Würdigung amerikanischer Geheimdienste fand.

So sehr Gaddafi einst die Amerikaner hasste, so sehr fürchtet er, wie die Supermacht, die radikalen Islamisten vom Schlage der Al Qaida, die auch an seiner Herrschaft zu rütteln suchen. Doch es sind vor allem auch handfeste ökonomische Interessen, die den libyschen Revolutionär zu seinem wundersamen Wandel und zu dem Entschluss bewogen, künftig eine wichtige Rolle beim Aufbau „einer neuen Welt, frei von Massenvernichtungswaffen und jeder Form des Terrors“, aufzubauen. Unter dem 1986 nach einem Anschlag auf eine von US-Soldaten besuchte Berliner Diskothek von den USA verhängten totalen Wirtschaftsboykott, dem 1992 Teilsanktionen der UN folgten, hatte Libyens Wirtschaft schwer zu leiden.

Die Auslieferung von zwei Geheimdienstlern, die den Anschlag auf den über dem schottischen Lockerbie vor 15 Jahren explodierten PanAm-Jumbo vorbereitet haben sollen, an ein schottisches Gericht vor zwei Jahren und schließlich die Entscheidung Gaddafis, den Familien der 270 Opfer Kompensation von je zehn Millionen Dollar zu zahlen, führte Anfang September zu einem offiziellen Ende der UN-Sanktionen. Doch die Amerikaner blieben skeptisch und hielten an einem totalen Einreiseverbot für US-Staatsbürger nach Libyen und ökonomischen Sanktionen fest. Der Libyer begriff, dass er mehr tun müsse. Ob der jüngste Schritt Washington reicht, bleibt fraglich. Die Amerikaner setzen auf Demokratisierung des Nahen Ostens, und davon ist Gaddafis Libyen, mit seiner Repression, weit entfernt.

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