Zeitung Heute : Wut auf Verdi

Protest gegen Protest: Warum die Eltern der bestreikten Kitas auf die Barrikaden gehen

Gabriele Renz[Stuttgart]

Wenn die kleine Lena ihren Mittagsschlaf macht oder abends im Bettchen liegt, zieht die Stuttgarterin Petra Hummel schnell ihre Arbeitsunterlagen aus der Mappe. Die 35-jährige Marketingfrau einer Bank ist verantwortlich für ein Messe-Projekt, und die Vorbereitungen sind gerade in der „heißen Phase“, sagt sie. Eigentlich darf sie da nicht fehlen. Eigentlich.

Doch auch die Vereinigte Dienstleistungsgesellschaft (Verdi) ist mit ihrem Streik im öffentlichen Dienst in der „heißen Phase“. Ob Müll, Kliniken oder Kitas: Stuttgart ist Großkampfzone. Alle 183 städtischen Kindergärten sind erneut in der sechsten Woche zum Streik aufgerufen. Das heißt: Berufstätige Eltern von Kleinkindern werden wieder improvisieren müssen. Und Petra Hummel bekommt „langsam berufliche Schwierigkeiten“. Ihre Arbeit machen und gleichzeitig ihre Tochter zu versorgen, das klappt nicht, sagt sie. Und über jene Werbebilder der am Computer arbeitenden Mütter mit Kleinkind auf dem Schoß kann sie nur lachen. Nur das „Allerbrenzligste“ sei auf diese Weise zu erledigen. Weil das auf Dauer nicht geht, hat Petra Hummel inzwischen Urlaub genommen, anders schafft sie es nicht. „Im Prinzip geht der ganze Jahresurlaub drauf“, rechnet die arbeitende Mutter vor, weil die regulären 21 Schließtage der Tageseinrichtung hinzukämen. „Unverschämt“ findet das Petra Hummel.

„Zu Beginn des Streiks in der ersten Februarwoche hatte sie durchaus noch Verständnis für das Streikziel, die 38,5-Stunden-Woche beizubehalten. Das Motiv der Arbeitsplatzsicherung schien ihr plausibel. Der Kredit ist inzwischen verspielt. „Verdi sagt immer: Es kommt niemand zu Schaden“, empört sich Petra Hummel. „Bei uns sieht es konkret doch ganz anders aus.“

Nun hat sie einen offenen Brief von Eltern an Verdi unterzeichnet mit der Forderung, den Streik zu beenden. Mit dem Streik gefährde die Gewerkschaft „konkret Arbeitsplätze, insbesondere von Müttern“, heißt es darin. Und die von der Gewerkschaft organisierte Notbetreuung vorwiegend für Alleinerziehende sei „nicht praktikabel“. Für Kleinkinder, die schließlich eine gewisse Eingewöhnungszeit in einer neuen Einrichtung brauchten, sei das „seelisch nicht zumutbar“.

Immer mehr Eltern stellen sich gegen Verdi. Die Gewerkschaft reagierte: Sie weitete die Notbetreuung aus. In Petra Hummels Kindergarten hat die Leiterin einen Zettel mit Bedarfsanmeldungen aufgehängt. Die Hummels und zig andere Eltern trugen sich ein. Und so bröselt die Streikfront langsam, aber sicher. Die Stadt versucht ohnehin, die Eltern auf ihre Seite zu ziehen, erstattet Betroffenen eine halbe Monatsgebühr. Der Gesamtelternbeirat (GEB) organisiert einen Gegenstreik und fordert Mütter auf, in Kitas bei der Betreuung auszuhelfen. Man habe den „Ball lange flach gehalten“, aber die Nöte der Eltern seien von Verdi „nicht verstanden worden“, verteidigt die GEB-Vorsitzende Anna Kedziora den Schwenk. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Verdi sich nun auch gegen engagierte Eltern stellt“, giftet Stuttgarts Bürgermeister Klaus Murawski (Grüne) dankbar. Tatsächlich lenkte die Gewerkschaft ein und unterschrieb eine „Notfallvereinbarung“ – „aus Rücksichtnahme auf die Situation der Eltern“, wie Verdi-Bezirksgeschäftsführer Bernd Riexinger sagt. Vor kurzem hieß es noch: Die Stadt müsse selbst schauen, dass sie ihre Dienstleistung erbringe. Der Ton ist moderater geworden.

Gut 1200 von 1996 Erzieherinnen sind dauerhaft im Ausstand, sehr viele der 10 000 Betreuungsplätze fallen in Stuttgart weg. Trotzdem, sagt Daniela Hörner vom Jugendamt, sei die Anzahl der Protestanrufe zorniger Eltern „überschaubar“. Die Einrichtungen vor Ort bekämen die meiste Wut ab. „Ich kann mich anbrüllen lassen, ich muss mit den Eltern nach dem Streik nicht zusammenarbeiten“, sagt Hörner.

Problematischer als die „Unmenge Geld“, die der Streik koste, seien die Nachwirkungen. Das Vertrauen zwischen Eltern und Erzieherinnen sei nach bald sechs Wochen Streik doch ziemlich gestört. „Es wird eine gewisse Zeit dauern, bis es sich wieder eingespielt hat.“

Petra Hummel weiß, dass auch Erzieherinnen ihrer Kita, vor allem die nicht gewerkschaftlich organisierten, „die Schnauze voll“ haben. Ihr gehe es bei ihrem Protest gegen den Protest auch ums Prinzip. Die berufstätigen Mütter hätten es ohnehin schwer genug. Immer Stress, immer organisieren. „Die überlegen sich überhaupt nicht, wen sie da treffen.“ Die – das sind die Gewerkschafter von Verdi. Auf die Solidarität der Familie Hummel kann die Gewerkschaft so bald wohl nicht mehr zählen.

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