Zeitung Heute : Wut ausleben

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Nicola Kuhn

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Beim ersten Mal musste ich noch lachen. Als Josefine ihren ersten Wutanfall bekam, da sah das genau so aus wie im Comic. Sie warf sich hin, trommelte mit den Fäusten auf den Boden und strampelte mit den Füßen. Lachen ist natürlich das Verkehrteste, was man da machen soll. Aber ich lache auch nicht mehr, seit das rasende Kind sein Mütchen nicht mehr am Dielenboden kühlt, sondern seinen Zwillingsbruder traktiert. Der wusste nämlich sofort ihre Wutanfälle zu würdigen.

Josefine trotzt also tipptopp wie es im Buche steht: Sie heult, sie tobt und das mit einer bemerkenswerten Hartnäckigkeit. Jan macht es ihr inzwischen tadellos nach. Nur wählt er als Punchingball statt der Schwester freundlicherweise einen Stuhl oder andere schmerzunempfindliche Gegenstände, so dass es anschließend nicht zwei, sondern nur ein Kind zu beruhigen gilt. Wie durch ein Wunder haben sich diese Show-downs bisher auf den häuslichen Bereich beschränkt, wo sich zwar der mütterliche Pulsschlag erhöht, aber eben das echte Publikum fehlt.

Mit jedem Supermarkt-Besuch, dem klassischen Ort für solche Szenen, erwarte ich einen solchen Auftritt Josefines, die in diesen Momenten von ihrem Vater gerne „das Biest“ genannt wird. Vor mein geistiges Auge schiebt sich dann immer die Erscheinung von Alexis Carrington aus dem „Denver-Clan“, die denselben Beinamen trug. Gewiss, ein ungerechter Vergleich mit einer gerade Zweijährigen mit unschuldigen blonden Löckchen. Aber trotzdem spürt man schon jetzt dieses Brodeln und das Bedrohliche eines Raubtieres, wenn man sie mit ihrem Bruder an den bislang uninteressanten Süßigkeiten-Regalen vorbeichauffiert.

Wenn es mal so weit ist, wenn der Supergau eintritt und beide Kinder gleichzeitig den Tobsuchtsanfall zwischen Tomatenmark und Filtertüten ausleben, werde ich mir selbst zusäuseln: „Die Kinder sind in einer Phase der Ich-Findung. Das ist wunderbar! Sie müssen sich aus der engen Mutterbindung befreien, sie müssen Grenzen austesten. Lass sie sich ein bisschen ausschreien, sie brauchen das. Zeige Verständnis und suche nach Alternativen zur Ablenkung…“

Den Tipp hat uns Frau Dercksen von der DRK-Familienberatung gegeben, der wir neulich unsere Aufwartung gemacht haben. Natürlich benahmen sich Jan und Josefine dort wie die Engel. Jan hat ganz entzückend mit dem Baby-Spielzeug gespielt, während sich Josefine allerliebst ins Puppenbett zu legen versuchte. Klar, dass die nette Frau Dercksen nicht den geringsten Anlass fand, an der Persönlichkeitsbildung der liebreizenden Wesen zu arbeiten. Ich hätte einem Profi so gerne einmal zugesehen.

Aber zum Profi kann ich mich selbst ja noch entwickeln. Schließlich soll die Trotzphase im allerschlimmsten Fall bis ins Schulalter reichen.

DRK Berlin-Südwest, Haus der Familie, Düppelstraße 36, Telefon 790113-0. Rat suchenden Eltern bietet Bärbel Dercksen, Diplompsychologin und Psychotherapeutin, zum Thema Trotzen außerdem am 23. September im Nachbarschaftsheim Schöneberg (Holsteinische Straße) ein Seminar.

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