Zeitung Heute : Wut der Muslime – Berlin schließt Botschaften

Neue Ausschreitungen befürchtet / Pakistan holt Armee zur Hilfe / Bundesinnenministerium stoppt umstrittene Plakatkampagne.

Berlin/Islamabad - Aus Angst vor Ausschreitungen sind in Pakistan vor den für den heutigen Freitag angekündigten Protesten gegen ein antiislamisches Schmähvideo die Sicherheitsvorkehrungen massiv verstärkt worden. In der Hauptstadt Islamabad zogen am Donnerstag tausende Polizisten vor Regierungsgebäuden und westlichen Botschaften auf, auch die Armee wurde in Marsch gesetzt. Die Zufahrtsstraßen zum Diplomatenviertel wurden gesperrt. Auch in anderen Metropolen wurden zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen. Washington warnte unterdessen seine Bürger vor Reisen nach Pakistan.

Aus Sorge vor neuen Protesten bleiben an diesem Freitag zahlreiche deutsche Botschaften in der islamischen Welt komplett geschlossen. Darüber hinaus wird nach Angaben von Außenminister Guido Westerwelle (FDP) zusätzlicher Schutz für andere deutsche Einrichtungen geprüft. Wegen eines islamfeindlichen Videos über den Propheten Mohammed hatte ein Mob vor einer Woche die deutsche Botschaft in Sudans Hauptstadt Khartum in Brand gesetzt.

Pakistans Premierminister Raja Pervez Ashraf hatte den Freitag zum landesweiten Feiertag zu Ehren des Propheten Mohammed erklärt. Geschäfte und Schulen sollen entgegen der üblichen Praxis an einem Freitag heute geschlossen bleiben, öffentliche Verkehrsmittel nicht fahren. Gleichzeitig hatte Ashraf die Kritik seiner Regierung an dem Mohammed- Film aus den USA erneuert und Verständnis für die Demonstranten geäußert.

In der islamischen Welt sind viele Botschaften freitags ohnehin geschlossen. In mehreren Ländern bekamen die deutschen Diplomaten jetzt aber zusätzlich die Anweisung, den Botschaften unbedingt fernzubleiben. Über weitere Schließungen werde „lageabhängig“ entschieden, sagte Westerwelle. „Das kann sich auch sehr kurzfristig ergeben.“ Zugleich bekräftigte er: „Keine Karikatur und kein noch so schändliches Video rechtfertigen Gewalt gegen unsere Botschaften und Auslandsvertretungen.“

Sorgen wegen der Veröffentlichung von neuen Mohammed-Karikaturen gibt es auch in Frankreich. Die Regierung rief Auslandsfranzosen zu besonderer Vorsicht auf, allein in Tunesien sollen 30 000 entsprechende Kurznachrichten auf Handys (SMS) verschickt worden sein. Aus Wut über die Karikaturen in einem Pariser Satire-Magazin haben hunderte Islamisten die französische Botschaft in Teheran angegriffen. Ein Polizeiaufgebot hinderte die aufgebrachte Menge daran, das Botschaftsgelände zu stürmen.

Tausende Muslime wollen am Wochenende in deutschen Städten gegen das umstrittene Islam-Video auf die Straße gehen. Am Freitag werden in Freiburg rund 800 Menschen erwartet, in Karlsruhe wollen am Samstag etwa 1000 Muslime demonstrieren. Auch in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen sind Protestveranstaltungen angemeldet.

Das Bundesinnenministerium hat den Start einer Plakataktion gegen eine islamistische Radikalisierung Jugendlicher gestoppt. Der für diesen Freitag geplante Beginn der Kampagne unter dem Motto „Vermisst“ werde wegen einer aktuellen Gefährdungsbewertung des Bundeskriminalamts verschoben, teilte das Ministerium von Hans-Peter Friedrich (CSU) mit. Vier muslimische Verbände hatten wegen der Aktion die Zusammenarbeit mit dem Ministerium in der sogenannten Sicherheitspartnerschaft aufgekündigt. Sie warfen Friedrich vor, die Plakate stellten Muslime unter Generalverdacht. Die Plakate ähneln Vermisstenanzeigen. Der Text lautet zum Beispiel: „Das ist unser Sohn. Wir vermissen ihn, denn wir erkennen ihn nicht wieder. Wir haben Angst, ihn ganz zu verlieren an religiöse Fanatiker und Terrorgruppen.“ dpa

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