Zeitung Heute : Wut entbrannt

In Frankreich haben die Unruhen jetzt selbst kleine Provinzstädte erreicht. Warum nimmt die Gewalt kein Ende?

Hans-Hagen Bremer[Paris]

Was hat dazu geführt, dass es an manchen Orten Frankreichs so große soziale Spannungen gibt?

Das Problem hat viele Facetten, eine davon ist die Wohnungsnot. Bis Anfang der 60er Jahre hausten viele Einwanderer, die damals vor allem aus Nordafrika kamen, in „Bidonvilles“, den berüchtigten Wellblechsiedlungen am Rande der großen Städte. Dann baute man so genannte HLM (habitations à loyer modéré), Sozialwohnungen in großen Wohnblöcken, ähnlich den Plattenbauten. Darin wohnten Franzosen und Einwanderer zusammen. Im Lauf der Zeit zogen die, die es sich leisten konnten, in bessere Wohnungen um und andere, vor allem Einwanderer, rückten nach. Einige dieser tristen Wohnblöcke wurden wieder gesprengt, doch der Bau neuer Sozialwohnungen kommt nicht genug voran. Der Pariser Vorort Neuilly, die reichste Stadt Frankreichs, in der Innenminister Nicolas Sarkozy bis vor kurzem Bürgermeister war, weist zum Beispiel trotz gesetzlicher Auflagen nur 2,6 Prozent Sozialwohnungen auf.

Welche Menschen leben in den betroffenen Gebieten?

In den französischen Statistiken werden Einwohnerzahlen nicht nach Herkunft oder ethnischer und religiöser Zugehörigkeit aufgeschlüsselt. Einwanderer, die die französische Staatsangehörigkeit erworben haben oder in Frankreich geboren sind, sind nach dem Gesetz Franzosen wie alle anderen. Nur den Anteil der Ausländer kennt man. In den so genannten ZUS, den 751 „sensiblen urbanen Zonen“ der Vorstädte, leben fünf Millionen Menschen. Der Anteil der Einwohner mit afrikanischer oder maghrebinischer Herkunft kann allenfalls geschätzt werden. In den Schulen dieser Zonen sind zwölf Prozent der Schüler ausländischer Nationalität, im nationalen Durchschnitt sind nur vier Prozent Ausländer. 64 Prozent der Schüler in den ZUS kommen aus sozial schwachen Familien. Viele verlassen die Schule ohne Abschluss oder eine Ausbildung, die mit der an anderen Orten vergleichbar wäre. Die Arbeitslosigkeit, die im nationalen Durchschnitt zehn Prozent beträgt, liegt in den ZUS bei 20 Prozent, bei Jugendlichen unter 25 Jahren reicht sie bis zu 40 Prozent.

Wie reagiert die Öffentlichkeit auf die Ausschreitungen?

Niemand nimmt die Gewalttäter in Schutz. In den Orten, in denen sie sich austoben, breitet sich ein „Schnauze-voll“-Gefühl aus. Doch die Leute sind ratlos. Der stramme Kurs des Innenministers ist vielen zuwider, doch wer sein Auto am Morgen nur noch als Wrack vorfindet, denkt dann vielleicht anders. In der politischen Öffentlichkeit sind jetzt die abenteuerlichsten Ideen zu hören. Ein Senator schlug vor, ertappte Randalierer wie früher vor die Alternative zu stellen: entweder Knast oder Straffreiheit in der Fremdenlegion. Ein sozialistischer Bürgermeister schlug vor, die Armee in die Problemviertel zu schicken, ein Abgeordneter der Regierungspartei verlangte die Verhängung einer nächtlichen Ausgangssperre.

Nach den Äußerungen von Innenminister Sarkozy über die randalierenden Jugendlichen verschärfte sich die Situation. Hat ihm das genutzt oder geschadet?

Die Wut der Randalierer kristallisiert sich im Hass auf den Innenminister, der sie pauschal als „racaille“, als Lumpenpack, bezeichnete. Sie verlangen seinen Rücktritt. Das wird er wohl nicht tun, und auch Präsident Jacques Chirac wird ihn kaum entlassen, nicht einmal seine Kritiker fordern dies. Denn damit würde der Präsident vor den Randalierern kapitulieren, und er könnte nicht einmal sicher gehen, dass diese das Opfer mit einer Beendigung ihres Treibens honorierten. Bei seinen Anhängern auf der Rechten findet Sarkozy im übrigen viel Beifall. Ob der stark genug ist, um sich Hoffnungen auf Chiracs Nachfolge zu machen, bleibt aber abzuwarten.

Was hat die Pariser Regierung in der Vergangenheit versäumt? Wie geht sie jetzt vor?

Es ist nie genug für die Vorstädte getan worden. Das ist der Fehler aller früheren Regierungen, auch der vormaligen Linksregierung. Die vielen Pläne einer „politique de la ville“, eine Art Entwicklungspolitik für die sensiblen Orte, wurden nie mit den notwendigen Mitteln ausgestattet. Die jetzige Regierung hatte dazu schon vor Monaten einen neuen Plan aufgelegt, er soll nun noch verstärkt werden soll. Sofortwirkungen sind davon nicht aber zu erwarten. Neue Wohnungen entstehen nicht über Nacht, neue Arbeitsstellen auch nicht, und die gestrichenen Stellen für Sozialhelfer, Mediatoren und die so genannte Nachbarschaftspolizei müssen erst wieder neu besetzt werden.

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