Zeitung Heute : Wut, Tränen und eine Mission

„Wir werden unsere Feinde besiegen“, sagte George W. Bush gestern in seiner Rede vor dem Pentagon. Und alle Amerikaner wissen: Die Gefahr ist nicht gebannt.

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Von Malte Lehming,

Washington

Der Tag ist lang für ihn. Er wird beten, reden, Kränze niederlegen, trauern. Das kostet Kraft. Früh morgens, um kurz nach sieben, fährt die gepanzerte Limousine vors Weiße Haus. George W. Bush und seine Frau Laura fahren zur St. John’s Episcopal Church. Die liegt zwar nur etwa 100 Meter entfernt, aber der Tag der Erinnerung ist auch ein neuer Tag der Angst. Nicht nur in Washington, sondern überall in Amerika gilt die zweithöchste Sicherheitsstufe – Alarm Orange. Jeder weiß: Die Gefahr ist nicht gebannt.

Um Punkt 8 Uhr 46, als vor einem Jahr das erste Flugzeug ins World Trade Center raste, läuten im ganzen Land die Glocken. Bush steht, umringt von engsten Mitarbeitern, im Garten des Weißen Hauses. Hier, wie an Tausenden von Orten, haben sich die Menschen versammelt, um zu schweigen. Eine Minute lang. In New York werden wenig später die n der Opfer verlesen. 3025 Menschen sind dort, in Washington und Pennsylvania ums Leben gekommen. „Wir werden nie vergessen“, steht auf einem riesigen Plakat. Als ob das betont werden müsste.

Auch Bush vergisst nicht. Die Szene ist ihm sogar ins Gedächtnis eingebrannt. Heute vor einem Jahr, ein Klassenraum in Florida, Kindergesichter, steigende Nervosität unter den mitgereisten Journalisten. Der Präsident sitzt auf einem Holzstuhl vor Dutzenden von Schülern. Die Welt ist noch heil. Es geht um ein neues Unterrichtsprogramm. Dann tritt ein Mitarbeiter an Bush heran und flüstert ihm etwas ins Ohr. Für den Bruchteil einer Sekunde versteinert dessen Gesicht. „Plötzlich waren wir im Krieg, und ich saß vor diesen Kindern und musste Haltung bewahren“, erinnert sich Bush. „Aber mir war schon in dem Moment klar: Die Welt hat sich verändert.“

Auch seine Welt. Die nächsten Stunden sind eine Mischung aus Hektik, Furcht und Chaos. Bush fliegt mit der „Air Force One“ im Zickzack durch die USA. An Bord herrscht Panik. Ist die Präsidentenmaschine ebenfalls ein Ziel der Terroristen? Der „Secret Service“ überprüft noch einmal die Identität jedes Mitreisenden. Eine Rückkehr nach Washington sei zu gefährlich, sagen sie. Doch Bush setzt sich am Abend schließlich über alle Bedenken hinweg: „Sagt meiner Frau, dass sie im Weißen Haus auf mich warten soll.“

All diese Szenen sind den Amerikanern gestern wieder bewusst geworden. In einer einstündigen Sonderausgabe der CBS-Sendung „60 Minutes II“ sprach Bush ausführlich und exklusiv über die Stunden unmittelbar nach dem Attentat. Es ist ein ungewöhnliches Interview. Mittendrin haut der Präsident wütend mit der Faust auf den Tisch. Als er über seinen Besuch in New York, drei Tage nach den Anschlägen, berichtet, laufen ihm Tränen über die Wange. „So emotional habe ich ihn noch nie erlebt“, sagt der Moderator Scott Pelley.

Das ist die Mutter, heißt es neuerdings zur Erklärung. Nicht der Vater, Bush Senior, sei die prägende Person im Leben des 43. US-Präsidenten, sondern die Mutter, Barbara Bush. Von der habe er die scharfe Zunge, den eisernen Willen, die Schwarzweiß-Moral, das Verlassen auf die Instinkte. Der Senior wollte von allen geliebt werden, versteckte seine Ansichten oft hinter sanften Worten.

Der Einfluss der Mutter wurde besonders deutlich am 14. September. Dieser Tag markiert eine Zäsur in der Präsidentschaft. Bush war nach New York gekommen, um den Opfern, deren Angehörigen und den Helfern Respekt zu zollen. Er stand mitten in den Schuttbergen auf Ground Zero und redete ins Megaphon, als ihm eine Stimme zurief: „Ich kann Sie nicht hören.“ Daraufhin ließ Bush Dampf ab: „Aber ich kann euch hören. Und der Rest der Welt hört euch. Und die Kerle, die diese Gebäude zum Einstürzen gebracht haben, werden schon sehr bald von uns allen hören.“ Die Menge johlte. Aus dem Zufallspräsidenten, der durch ein Gerichtsurteil ins Amt gekommen war, der wegen seiner Schlichtheit und sprachlichen Schnitzer eher belächelt wurde, war der Präsident aller Amerikaner geworden.

Bereits der Tagesablauf von Bush ist ein Schlüssel, um sein Denken zu verstehen. Wo immer er sich gerade befindet, ob in Washington, Camp David oder Texas, seine Arbeitstage beginnt er stets mit einer „Gefahrenanalyse“. Keinem US-Präsidenten vor ihm wurde täglich ein derart ausführlicher und detaillierter Katalog vorgelegt. Der Bericht, erstellt von CIA und FBI, ist zwischen fünf und 25 Seiten lang. Im Weißen Haus studiert ihn Bush morgens ab 6 Uhr 45. Danach hat er sein erstes Treffen mit dem Vizepräsidenten, einigen Mitarbeitern und dem CIA-Direktor. Anschließend trifft er sich mit dem Chef des FBI. „Meine Amtszeit wird daran gemessen“, ist Bush überzeugt, „in welchem Maße es mir gelingt, die Terrorgefahr zu reduzieren.“

Der Kampf gegen den Terror ist seine Mission. Ob in seinen Reden vor dem Kongress und an die Nation, ob in Hintergrundgesprächen oder bei Empfängen: Kein anderes Thema scheint ihn seit dem 11. September noch zu interessieren. Gelegentlich schieben sich die Wirtschaft, die Unternehmensskandale und der Nahe Osten in den Vordergrund. Doch ersetzen können sie die Fixierung nicht.

Es ist ein langer Tag. Bush fährt zu allen drei Unglücksorten. Als die Gedenkfeier am Pentagon beginnt, hält ihm seine Frau Laura die Hand. Dann spricht der Präsident vor dem wieder aufgebauten Flügel des Verteidigungsministeriums. „Was unserer Nation an einem Septembertag zugestoßen ist, hat den ersten großen Kampf eines neuen Jahrhunderts in Gang gesetzt“, sagt er. Dann fliegt er weiter nach Pennsylvania, wo das United-Flugzeug 93 abstürzte. Passagiere hatten die Entführer überwältigt. Vielleicht hat das auch den 150 Mitarbeitern, die Bush an diesem Mittwoch begleiten, das Leben gerettet. Die Maschine sollte angeblich aufs Weiße Haus oder das Kapitol gesteuert werden.

Am späten Nachmittag will Bush in New York eintreffen und an Ground Zero einen Kranz niederlegen. Und am Abend wendet er sich in einer Ansprache an die amerikanische Nation – von Ellis Island aus, wo im Hintergrund die Freiheitsstatue zu sehen ist. „Wir werden unsere Feinde besiegen“, hat Bush in seiner Rede vor dem Pentagon erneut versprochen. Wen er damit meinte, ließ er offen. Doch jeder weiß: Die Gefahr ist nicht gebannt. Am heutigen Donnerstag spricht der US-Präsident vor den Vereinten Nationen zum Thema Irak.

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