Zeitung Heute : Wut

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KAMPF DER KULTUREN

Am Vormittag des 7. Juli unterbrechen die Nachrichtensender ihr Programm und zeigen minutenlang Luftaufnahmen der Londoner U-Bahnhöfe. Dann wird klar: Vier Rucksackbomber, wie die Männer genannt werden, rissen 52 Menschen mit in den Tod. Wenige Tage später folgt der nächste Terroralarm, doch die Bomben detonieren nicht. Als sich herausstellt, dass die muslimischenTäter in England aufwuchsen, beginnt ein großer Kulturstreit.

TATMOTIV: FRUST

Berlin trauert um einen Siebenjährigen: Christian ging an einem Tag im August im Berliner Bezirk Zehlendorf spielen, kehrte aber nicht nach Hause zurück. Später fand der Vater den Jungen, er war nackt, seine Haut mit blauen Flecken übersät. Täter: ein 16-Jähriger aus der Nachbarschaft. Motiv: allgemeiner persönlicher Frust.

MEINE STADT, MEIN BLOCK

„Aggro“ in aller Munde: Nachdem ein Rapper des Berliner Labels wegen seines Albumtitels „Ab 1. Mai wird zurückgeschossen“ in die rechte Ecke gerückt wird, ziehen seine Kollegen nach: Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert viele Alben. Gewalttätig, Frauenverachtend seien diese. Später bekennt Rapper Sido marketinggerecht, dass er eine kleine fünfjährige Tochter habe.

LANGSAM VORGETASTET

Am 7. April wird ein Mann an einem Strand in England gefunden. Er trägt einen Anzug, hat keine Papiere, ist durchnässt. Er wirkt verwirrt und sagt kein Wort. Als er ein Piano zeichnet, nennt man ihn den „Piano-Mann“. Viereinhalb Monate später stellt sich heraus: Er ist Andreas G. aus der bayerischen Provinz, kann gar nicht Klavier spielen. Er ist dem Alltag in der Provinz entflohen, ging nach Paris, wurde arbeitslos, wollte sich umbringen – und landet doch wieder in seiner ungeliebten Heimat.

PARALLELGESELLSCHAFT

Wenn sie weiter mit Männern in der Disko tanze, geschehe ein Unglück, drohte ein Bruder seiner 23-jährigen Schwester Hatun. Neun Monate später, im Februar , erschießt er sie in Berlin an einer Bushaltestelle.

DER RÄCHER VON BERNAU

Im September brennt die Mülldeponie in Bernau. Der Gestank ist noch in Berlin zu riechen. Täter ist, wie die Polizei später ermittelt, der 47-jährige Uwe N. Er hatte eine große Flasche Schnaps getrunken, war zur Deponie geradelt, hatte das Feuer gelegt. Der Mann war wütend: Schaben hatten die Anwohner tyrannisiert – betroffen war der Mann nicht: Er wohnt woanders.

NACH DER FLUT

Hurricane Kathrina wütet im September in den USA, Häuser und Menschen in New Orleans versinken in den Fluten. Die Evakuierung von 30 000 Menschen muss unterbrochen werden, weil auf einen Rettungshubschrauber geschossen wird. Anarchie herrscht auf den Straßen, es kommt zu Plünderungen. Kritiker sagen: Die Hilfe der US-Armee kommt viel zu spät.

GIFT AUS DEM KRAN

Auf die Trinkwasseranlage im Bodensee wird im November ein Giftanschlag verübt. Das Anwesen eines Landwirtes wird anschließend von 40 Polizisten durchsucht, die auf seinem Hof das Pflanzenschutzmittel Atrazin vermuteten. Drei Jahre zuvor hatte der Mann bereits Drohbriefe an Politiker geschrieben, doch nun wehrt er sich und spricht von „Vorverurteilung“. Die Polizisten ließen ihn laufen.

DIE TÜRKEN HINTER BERN

In Istanbul kommt es zum Eklat beim WM-Qualifikationsspiel zwischen der Türkei und der Schweiz: Nachdem die türkische Nationalhymne beim Hinspiel in Bern von Pfiffen übertönt wird, folgt die Rache beim Rückspiel im November . „Ihr Hurensöhne“, schreiben türkische Fans auf Plakate. Als die Schweizer sich für die WM qualifiziert haben, prügeln die Spieler aufeinander ein.

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