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„Matrix“, „Herr der Ringe“, „Findet Nemo“ – die Grundlagen für den Erfolg an der Kinokasse werden im World Wide Web gelegt

Merlind Theile

Alles, was einen Anfang hat, hat ein Ende. Diese philosophischen Worte bereiten das Kinopublikum auf ein besonderes Finale vor: Am 6. November läuft der dritte und letzte Teil des Science-Fiction-Spektakels „Matrix“ in Deutschland an. Im Internet stimmen sich Filmfans seit geraumer Zeit auf „Matrix Revolutions“ ein: Die Trailer, schon seit August online, sind die großen Klickbringer der Seite von Warner Brothers. Portale wie whatisthematrix.com gehören inzwischen fest zum Werberepertoire der Filmindustrie.

Die Studios haben dazugelernt. Als in den Wäldern von Burkittsville drei Studenten verschwanden, schaute Hollywood noch erstaunt und neidisch zu. Denn den unabhängigen Machern von „Blair Witch Project“, so der Name der Gruselgeschichte, war Anfang 1999 mit einfachsten Mitteln gelungen, was die großen Filmstudios mit ihren millionenschweren PR-Budgets oft nicht erreichen: Sie hatten die Neugierde der Zuschauer geweckt. Dank einer cleveren Kampagne im Internet, die dem Film mit vielen Verschwörungsdetails zusätzliches Leben verlieh, waren die Zuschauer schon vor dem Filmstart ungeheuer scharf auf „Blair Witch“. So scharf, dass der Streifen in kürzester Zeit 140 Millionen Dollar einspielte – das Fünftausendfache seiner Herstellungskosten.

Vier Jahre später haben die großen Filmstudios ihre Konsequenzen aus dem Lehrstück gezogen – zumindest, was die Präsenz im Internet betrifft. Ob Warner Brothers, Disney, 20th Century Fox oder Universal: Mittlerweile ist jeder Filmproduzent online. Schon Monate vor der Kinopremiere können Filmfans im Web Inhaltsangaben, Szenenfotos oder die aus dem Kino bekannten Trailer zum Film abrufen. „Besonders bei den Blockbustern wie ‚Matrix Revolutions‘, dessen Thematik ja zudem sehr internetaffin ist, werden die Filmausschnitte ganz häufig angeklickt“, sagt Kiki Thaerigen von Warner Brothers Deutschland. Zweck der Internetpromotion ist es, die User neugierig zu machen und in den Kinosaal zu treiben – denn wie Print- oder Fernsehwerbung zahlt sich auch die Filmpromotion im Internet erst an der Kinokasse in barer Münze aus.

Thaerigen zufolge läuft die Webseite warnerbros.de, die seit Anfang 2000 online ist, „sehr erfolgreich“. Man habe sehr hohe Besucherzahlen und viele wiederkehrende User. Verstärkt wird diese Bindung häufig durch Gewinnspiele und Newsletter, durch die die Abonnenten regelmäßig Klickanreize bekommen. Über die genauen Zugriffszahlen hüllt sich die Branche allerdings in Schweigen: Die Nutzungsdaten der Filmportale werden gehütet wie ein Staatsgeheimnis.

Kein Wunder, dass sich die Filmbranche in diesem Punkt nicht gerne in die Karten schauen lässt – schließlich lassen die Zugriffszahlen auf die Filmseiten schon im Vorfeld auf den Erfolg des Streifens an der Kinokasse schließen. Zwar gibt es keine offiziellen Studien über den Zusammenhang zwischen Filmportal und Kinosaal, doch wenn eine Filmseite wenig aufgerufen wird, reagieren die Verleiher sofort: „Bei schlechten Klickzahlen wird die Werbung in anderen Medien umgehend verstärkt“, sagt Johann Stuten vom Online Marketing der 20th Century Fox Deutschland. „Was zählt, ist das Einspielergebnis des ersten Wochenendes.“

Um hier maximalen Profit zu erzielen, gehen die Studios mit ihrer Filmpromotion immer früher online. ColumbiaTriStar zeigt bereits jetzt den Trailer des Films „Peter Pan“, der erst am 25. März 2004 anläuft. Und auch der neue Disneyfilm „Findet Nemo“, der am 20. November in deutsche Kinos kommt und seit sechs Wochen mit einer aufwändigen Homepage beworben wird, wurde bereits im Februar auf www.disney.de angekündigt. Laut Stuten ist eine solch frühzeitige Werbung allerdings die Ausnahme: Die meisten Filme, nach den Vorlieben der Surfer vornehmlich Action- und Horrorstreifen, werden im Schnitt etwa drei Monate vor dem Kinodebüt im Internet beworben. „Viel früher informiert uns das Studio meist gar nicht über die neuen Filme“, sagt Stuten etwas bedauernd. Aus Angst, die Konkurrenz könne zu früh von den neuen Filmprojekten erfahren, halte sich die Branche bei künftigen Filmen „bedeckter als bedeckt“.

In diesem „Kontrollzwang“ der großen Hollywood-Studios sieht Jochen Schütze von der Filmzeitschrift „Cinema“ das Grundproblem der meisten offiziellen Filmportale. „Die Studios sind meist nicht in der Lage, im Internet mehr als die üblichen Presse-Verlautbarungen zu veröffentlichen“, sagt Schütze. Wer auf den offiziellen Filmseiten große Überraschungen à la „Blair Witch“ erwartet, wird tatsächlich enttäuscht. Die meisten Seiten sind nach Schema F gestrickt. Durch die werbliche Aufbereitung hätten die meisten Seiten den Charme von „Edeka-Prospekten“, sagt Schütze. Die Möglichkeiten des Internets würden von den Machern der Filmseiten viel zu wenig genutzt, den Fans werde wenig geboten. „Ein paar Trailer und Hörproben des Soundtracks reichen eingefleischten Filmfans bei weitem nicht“, urteilt Schütze. Die Folge? Die „Hardcore-Fans“, deren Zahl Schütze alleine in Deutschland auf „einige zehntausend“ schätzt, wenden sich von den offiziellen Filmportalen ab.

Und gründen stattdessen ihre eigene Gemeinde im Netz. Auf Internet-Seiten wie www.aint-it-cool-news.com des amerikanischen Filmfanatikers Harry Knowles erfahren Kinofans lange vor der offiziellen Promotion von neuen Filmen und Gerüchten aus der Branche. Durch liebevolle Pflege glänzt www.herr-der-ringe-film.de , die deutsche Fansite der Tolkien-Saga „Herr der Ringe“, deren dritter Teil kurz vor Weihnachten anläuft. Kernbestandteil jeder Fansite: der Chat, in dem sich Gleichgesinnte über alle Filmdetails austauschen können.

Dieses Rezept verhalf „Blair Witch“ zum Riesenerfolg. Daran konnte Teil zwei, der in kommerzieller Manier beworben wurde, bei weitem nicht anknüpfen. Gewohnt gruselig ist „The Book of Shadows – Blair Witch 2“ dennoch geraten – pünktlich zu Halloween läuft der Horrorfilm am heutigen Freitag um 22 Uhr auf Pro 7.

Die Matrix-Bilder online:

www.tagesspiegel.de/matrix

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