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Die Ursprünge des Internet reichen bis 1969 zurück. Doch das World Wide Web gibt es erst seit 1993 – und stammt aus der Schweiz

Kurt Sagatz

Es gibt Fragen, die sollte Günther Jauch besser nicht in seinem TV-Wissensquiz „Wer wird Millionär“ stellen. Mit einer Frage wie dieser würde er sich sicherlich keine Freude machen:

Wann entstand das Internet?

a) 1969 b) 1982

c) 1983 d) 1993

Das Gemeine an dieser Frage ist: Jede Antwort ist prinzipiell richtig. Es kommt nur darauf an, wie man den Geburtsmoment des Internets definiert.

Der Ursprung des Internet wird allgemein auf das Jahr 1969 datiert. Vor 34 Jahren wurden die vier US-Universitäten in Los Angeles, Santa Barbara, Stanford und Salt Lake City über den Internet-Vorläufer Arpanet verbunden. Das Besondere an diesem Netzwerk war, dass die Daten in Paketen verschickt wurden und dass dieses Netz auch dann noch funktionieren sollte, wenn ein Knoten durch einen Atomschlag zerstört wird. Die Paketübertragung und die Ausfallsicherheit sind bis heute die beiden wesentlichen Merkmale des Internet geblieben.

Auch das Jahr 1982 hat für das Internet eine besondere Bedeutung. Weil in diesem Jahr die beiden wichtigsten technischen Protokolle des Internet als verbindliche Sprache des Netzes zusammengefasst wurden, wäre Antwort b) prinzipiell ebenso richtig, denn damit wird die Kommunikation im Internet bis heute geregelt. Antwort c) wiederum hat ihre Berechtigung, weil 1983 der militärische Teil des Arpanet in das Milnet ausgegliedert wurde, und damit die Voraussetzung für die Entwicklung des zivilen Internet eingeleitet wurde. Die offizielle Umbenennung des Arpanet in Internet erfolgte allerdings erst 1990.

Doch das, was von den Nutzern heutzutage als Internet empfunden wird, ist noch jüngeren Datums: Das Internet, so wie es sich als multimediales, weltumspannendes Netzwerk darstellt, stammt aus der ersten Hälfte der 90er Jahre. 1992 hat Tim Berners-Lee beim Schweizer Kernforschungszentrum Cern das World Wide Web als neuen Dienst innerhalb des Internet entwickelt. Erst dadurch wurde überhaupt die Voraussetzung für die heute bekannten grafischen Internet-Seiten geschaffen. 1993 ermöglichte es der von Marc Andreesen – dem späteren Netscape-Gründer – entwickelte Internet- Browser Mosaic, diese neuen Fähigkeiten auch auszuschöpfen. Erst durch den Mosaic- Browser wurde das Internet also zu dem, was die Nutzer kennen und schätzen. Sollte Günther Jauch jemals nach dem Entstehungsdatum des Internet fragen, erkundigen Sie sich daher bitte ganz genau, nach welcher der verschiedenen Wegmarken gefragt wird.

Aber nicht nur mit Jahreszahlen kann man falsch liegen.

„Was soll das sein?“ So beginnt der Dialog im aktuellen IBM-Werbefilm. „Eine E-Business-Zeitmaschine, mit der können wir unsere Fehler aus der Vergangenheit korrigieren“, lautet die Antwort, die damit endet, dass es in Wirklichkeit natürlich keine „E-Business-Zeitmaschinen“ gibt. Dahinter steht die Botschaft, dass sich einmal gemachte Fehler eben nicht revidieren lassen, und dass auch im IT-Business alle bestraft werden, die zu spät kommen.

IBM könnte auch von anderen Einsichten berichten. Beispielsweise davon, dass man besser spät als nie seine Richtung ändert. 1994 hat der damalige IBM-Chef Louis Gerstner das Internet als reine Modeerscheinung abgetan. Ein Jahr später machte das Unternehmen dann eine 180-Grad-Wendung und wandelte sich zur ersten E-Business-Firma weltweit. Auch in anderen Technologie-Unternehmen hat es etwas länger gedauert, bis man die Möglichkeiten des Internet erkannte. In der ersten Version von Windows 95 fehlte noch der Internet Explorer. Die anfängliche Ablehnung des Internet hielt Bill Gates nicht davon ab, das Netz wenig später zur wichtigsten technologischen Herausforderung zu ernennen. Der daraus entstehende Browser-Krieg zwischen Microsoft und Netscape beschäftigte über Jahre die gesamte Branche – und bis heute die Gerichte.

Weitaus früher als Gerstner und Gates hatte nämlich Andreesen erkannt, welche Chancen das Internet bietet. Vorausgesetzt, man kann dort nicht nur zwischen Texten hin- und herspringen, sondern eben auch alle anderen Inhalte abrufen: Bilder, Töne, Programme. Später versuchte US-Präsidentschaftskandidat Al Gore diesen Erfolg für sich zu nutzen, indem er sich selbst als Erfinder des Internet feierte.

Der erste Mosaic-Browser wurde den Internet-Nutzern, wie üblich, gratis zur Verfügung gestellt. Diese Ur-Version lief nur auf Unix-Rechnern. Erst Ende 1993 gab es die Versionen auch für Windows und Macintosh. Stattliche 70 000 Downloads monatlich waren das Ergebnis.

Nach den stürmischen Jahren des Internet in der zweiten Hälfte der 90er Jahre hat sich das Wachstum verlangsamt. 2002 nahm die Zahl der weltweiten Internet-Nutzer um drei Prozent auf insgesamt 580 Millionen Menschen zu. In den als voll entwickelt geltenden Internet-Ländern Niederlande und Schweden verfügen 70 Prozent der Haushalte über einen Internet-Anschluss, in Deutschland sind es 63 Prozent.

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