Zeitung Heute : XXL-Rekruten

7161 Reichstaler und acht Groschen gab Friedrich Wilhelm I. für den längsten seiner Langen Kerls aus

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Der Allerlängste unter den Langen Kerls, diesem legendären Kriegsspielzeug von Friedrich Wilhelm I., dürfte der Ire James Kirkland gewesen sein: mit etwa 2,17 Meter ein Goliath unter den Riesen. 7161 Reichstaler und acht Groschen – das war der Rekordpreis, den der Soldatenkönig bei Anwerbung des XXLRekruten zu zahlen hatte. Der diente dann auch mehr als Schaustück, zu teuer, um ihn im Krieg zu verpulvern. Ohnehin hatten die Langen Kerls, die der König im Potsdamer Königsregiment Nr. 6 und dort besonders im Leib-Bataillon versammelte, mehr Repräsentationspflichten zu erfüllen. Nur selten mussten sie ihre langläufigen Vorderlader gegen Feinde richten.

Groß gewachsene Männern mit langen Armen waren beim Laden der Gewehre naturbedingt im Vorteil und daher bei den Werbern aller damaligen Heere begehrt. Friedrich Wilhelm I., der am 25. Februar 1713 den Thron bestiegen hatte, trieb den militärtechnisch bedingten Trend mit seinen Langen Kerls also nur auf die Spitze. Die mit Gewehr, Säbel und Handgranaten bewaffneten Königsgrenadiere sollten möglichst sechs rheinländische Fuß messen, was etwa 1,88 Meter entspricht, doch dürfte „ihr Gros zwischen 180 und 190 Zentimeter und nur einzelne Grenadiere bis zu zwei Meter und mehr gemessen haben“, sagt der Militärhistoriker Jürgen Kloosterhuis, Direktor des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz.

Die unter Friedrich II. bereits wieder beendete militärische Tradition wird in Potsdam seit einigen Jahren durch einen Verein hochgehalten. Allerdings gab das Leben der Langen Kerls wenig Anlass zur nostalgischen Verklärung. Zwar wurde nur in Ausnahmen mit Gewalt rekrutiert, und die Riesen-Grenadiere genossen manche Privilegien. Aber ein Zuckerschlecken war das unentwegte Exerzieren nicht, und wehe, einer wagte zu desertieren. Wurde der Fahnenflüchtige gefangen, drohte ihm der Galgen. Hatte er Glück, blieb’s beim Spießrutenlaufen. ac

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