Zeitung Heute : XXXXXXXXXXXXXXXXXX „Wasser teilen heißt Frieden sichern“ XXXXXXXXXXXXXXXXXX XXXXXXXXXXXXXXXXXX

Hinrich Thölken, Leiter des Referates Klima und Umweltpolitik im Auswärtigen Amt: „Wir müssen verhindern, dass es über die Ressource Wasser zu Auseinandersetzungen zwischen den Ländern kommt.“ Tilman Rost, Professort für Physische Geografie an der Freien Universität: „Der nachhaltige Umgang mit Wasser ist auch eine Frage der Bewusstseindsänderung. Bisher war Wasser immer wie selbstverständlich verfügbar.“ Lutz Mez, Privatdozent für Politikwissenschaft an der Freien Universität und Koordinator des Berlin Centre for Caspian Region Studies: „Die Vernetzung der Experten ist sehr wichtig, aber in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion nicht selbstverständlich.“.

Unter dem Motto „Wasser verbindet“ bietet die Bundesregierung den zentralasiatischen Ländern seit 2008 Unterstützung beim nachhaltigen Umgang mit der Ressource und dem Aufbau einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit an. Dazu gehört auch die Einrichtung von Studiengängen zum Wassermanagement, an dem die Freie Universität Berlin federführend beteiligt ist. Ein Gespräch über Ziele, Erfolge und Probleme des Engagements mit Hinrich Thölken, Leiter des Referates Klima- und Umweltpolitik im Auswärtigen Amt, Tilman Rost, Professor für Physische Geografie an der Freien Universität Berlin, und Lutz Mez, Privatdozent für Politikwissenschaft an der Freien Universität und Koordinator des dortigen Berlin Centre for Caspian Region Studies.

Herr Thölken, die Bundesregierung hat 2008 eine Wasserinitiative für Zentralasien gestartet. Worin besteht diese Initiative?

HINRICH THÖLKEN: Bei der Wasserinitiative Zentralasien geht es primär darum, die regionale und politische Kooperation der fünf zentralasiatischen Staaten Tadschikistan, Kirgisistan, Turkmenistan, Kasachstan und Usbekistan beim Thema Wasser zu befördern. Zum einen tun wir das durch die politisch-institutionelle Beratung der kommunalen und nationalen Behörden und Einrichtungen vor Ort, zum anderen durch eine wissenschaftlich-technische Unterstützung. Der dritte Aufgabenbereich ist Capacity Building, also der Aufbau von Expertise in der Region. Das geschieht vor allem, aber nicht ausschließlich, durch einen Studiengang zu Wassermanagement, den wir an der Deutsch-Kasachischen Universität in Almaty eingerichtet haben.

Dieser Studiengang wird in Kooperation mit der Freien Universität Berlin betrieben. Welche Rolle spielt die Universität dabei?

LUTZ MEZ: Wir helfen der Deutsch-Kasachischen Universität, den Studiengang ins Leben zu rufen. Denn vor Ort gibt es nicht für alle angebotenen Studienmodule Fachkräfte in der Lehre. Deshalb haben wir eine „Flying Faculty“ aus Angehörigen der Freien Universität und externen Experten zusammengestellt, die regelmäßig nach Almaty reisen und in Blockseminaren unterrichten.

Was lernen die Studierenden dort?

MEZ: Der viersemestrige Masterstudiengang ist interdisziplinär angelegt und heißt „Integriertes Wassermanagement in Zentralasien“. Beteiligt sind die Geowissenschaften, die Rechtswissenschaft, die Wirtschaftswissenschaft sowie die Politik- und Sozialwissenschaften. Die Studierenden sollen lernen, wie man Prozesse plant und steuert, mit denen die Ressource Wasser umweltschonend genutzt, bereitgestellt und verteilt werden kann, und das über Ländergrenzen hinweg. Vermittelt werden deshalb die Grundlagen des Wasserrechts sowie politische und ökonomische Zusammenhänge. Den naturwissenschaftlichen Teil bringen die Geowissenschaftler ein…

TILMAN ROST: Ja, wir lehren vor allem ökologisches und planerisches Grundlagenwissen sowie technisches Know-

how. Zum Beispiel den Einsatz Geografischer Informationssysteme, mit denen man große Datensätze – etwa über das Klima oder Wasserabflussmengen – per Computer verarbeitet und dann mithilfe von Karten visualisiert. Auf diese Weise können wir unter anderem Modelle über die Veränderung von Gletschern entwickeln. Was sehr wichtig für das Wassermanagement ist, weil etwa 80 Prozent des Wassers zur Bewässerung der Landwirtschaft in Zentralasien aus Gletschern gespeist wird.

Warum engagiert sich das Auswärtige Amt im Wassermanagement in Zentralasien?

THÖLKEN: Dass wir uns weltweit engagieren, ist Teil unseres Auftrages. Außenpolitik ist ja Friedenspolitik, die Stabilität und Sicherheit befördern will. Wasser ist für uns in diesem Zusammenhang ein wichtiges Thema, weil es eine besondere Ressource ist, ohne die man nicht überleben kann, die aber immer knapper wird. Zum einen, weil die Wirtschaft wächst – auch in Zentralasien. Zum anderen, weil sich durch den Klimawandel die Verfügbarkeit des Wassers in einzelnen Regionen verändert. Um zu verhindern, dass es über die Ressource Wasser zu Auseinandersetzungen kommt, sollte man frühzeitig nachhaltige Strukturen aufbauen, die eine gerechte und faire Bewirtschaftung von Wasser über Landesgrenzen hinweg ermöglichen. Deswegen engagieren wir uns hier. Die Initiative ist auch ein Beitrag der EU-Zentralasien-Strategie, die unter der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im Jahr 2007 verabschiedet wurde.

Wie groß sind die Wasserprobleme in Zentralasien?

MEZ: In Bezug auf die Wassersituation gibt es in Zentralasien so krasse Gegensätze wie sonst fast nirgends auf der Welt. Die Länder Tadschikistan und Kirgisistan verfügen über viel Wasser, aber wenige Energieressourcen wie Öl, Gas oder Kohle. Die Länder Turkmenistan, Kasachstan und Usbekistan haben große Energieressourcen, aber kaum Wasserquellen. Und sie benötigen sehr viel Wasser für die künstliche Bewässerung in der Landwirtschaft. Die Baumwollproduktion südlich des Aralsees ist immer noch die zweitgrößte der Welt. Und Usbekistan muss fast 30 Millionen Menschen ernähren – Kasachstan 15 Millionen. Der riesige Wasserbedarf hatte zur Folge, dass der Aralsee heute nur noch ein Zehntel des Wasservolumens der 1960er Jahre hat. Das hat Auswirkungen auf das gesamte Klima in der Region. Es fehlt auch ein länderübergreifendes Wassermanagement. In Zeiten der Sowjetunion war der Austausch von Wasser- und Energielieferungen zwischen den damaligen Unionsrepubliken klar geregelt. Nun wollen die neu gegründeten Staaten mit geringen eigenen Wasserressourcen zwar nach wie vor gratis Wasser von ihren Nachbarn Kirgisistan und Tadschikistan haben, aber im Gegenzug Energie nur zu Weltmarktpreisen liefern. Das führt natürlich zu erheblichen Konflikten.

ROST: Die Abhängigkeiten sind zum Teil enorm. Turkmenistan beispielsweise bezieht 97 Prozent seines Oberflächenwassers aus den Nachbarstaaten. Für Energie sind die Menschen gewohnt zu zahlen, aber Wasser wird immer als freies Gut angesehen. Dazu kommt, dass das Streben nach nationaler Souveränität, das nach 70 Jahren Abhängigkeit im zentralstaatlichen System der Sowjetunion aufkeimt, die zwischenstaatliche Verständigung nicht gerade erleichtert. Deshalb ist es ganz wichtig, Governance-Strukturen aufzubauen und Prozesse für eine friedliche Konfliktlösung anzuschieben.

THÖLKEN: Es gibt erste strukturelle Ansätze bei der länderübergreifenden Kooperation wie den Internationalen Fonds IFAS zur Rettung des Aralsees. Das ist ein Zusammenschluss der fünf Staaten Zentralasiens auf der Ebene der Staats- und Regierungschefs mit dem Ziel, den Aralsee zu erhalten. Wir stellen im Rahmen unseres Programms den technischen Direktor dieser zentralen Wasserbehörde. Und wir versuchen, weitere positive Ansätze in diese Richtung zu unterstützen.

Auf welche Weise kann der Masterstudiengang zur Lösung der Probleme beitragen?

MEZ: Wir möchten Wassermanager ausbilden, die als Multiplikatoren ihr Wissen weitergeben …

ROST: ... und die sich hoffentlich schon während des Studiums untereinander kennenlernen und es später leichter haben, miteinander in entsprechenden staatlichen und nichtstaatlichen Einrichtungen zu arbeiten. Zurzeit bauen wir unter der Leitung von Wissenschaftlern des Geografischen Instituts der Freien Universität gemeinsam mit Kollegen der Universität Freiburg einen weiteren Masterstudiengang an der Kirgisischen Nationaluniversität in Bischkek auf, der von der Volkswagen-Stiftung gefördert wird und der ähnlich interdisziplinär ausgerichtet ist wie der in Almaty. Dieser ist allerdings stärker regional und naturwissenschaftlich-ökologisch ausgerichtet und soll den Studierenden vermitteln, wie man in Gewässer-Einzugsgebieten unterschiedliche Ressourcen wie Wasser oder Boden nachhaltig nutzt. Ebenso wie in Almaty werden auch in dem Projekt in Bischkek fünf Doktoranden ausgebildet, die idealerweise später auch in den neuen Masterstudiengängen lehren können – sowohl in Bischkek als auch in Almaty.

MEZ: In die Lehre der beiden Studiengänge binden wir auch regionale Fachleute und deren Wissen ein, vor allem aus der Bewässerungs-Landwirtschaft. Die Vernetzung der Experten ist sehr wichtig, aber in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion nicht unbedingt selbstverständlich.

Wie sehen die Pläne oder Wünsche für das weitere Engagement in Zentralasien aus?

MEZ: Von Wissenschaftlerseite aus gesehen sind die gewaltigen bürokratischen Hemmnisse ein großes Problem. Doktoranden, die aus Tadschikistan oder Kirgisistan kommen, erhalten keine Arbeitserlaubnis, um an der Deutsch-Kasachischen Universität in Almaty als Mentoren tätig zu sein. Selbst für die Einreise nach Kasachstan ist immer wieder eine neue Registrierung erforderlich. Da würden wir uns Erleichterungen wünschen.

ROST: Wichtig ist auch eine langfristige Qualitätssicherung der neuen Masterstudiengänge. Zurzeit ist die Förderung der beiden Projekte durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst beziehungsweise die Volkswagenstiftung auf drei bis fünf Jahre angelegt, aber solch ein Aufbau von Expertise in der Region dauert meiner Ansicht nach mindestens eine Generation, wenn nicht länger. Der andere Umgang mit Wasser ist zudem eine Frage der Bewusstseinsänderung der Menschen vor Ort. Bisher gehen die Leute davon aus, dass Wasser wie selbstverständlich immer verfügbar ist. Dass der globale Klimawandel auch lokal Auswirkungen auf sie hat und welche, das ist vielen noch nicht bewusst. Es wird auch in der Schule nicht thematisiert, weil das entsprechende Unterrichtsmaterial fehlt, wie uns Lehrer gesagt haben.

THÖLKEN: Die Region Zentralasien liegt in der Nachbarschaft Europas. Sie ist wichtig für unsere Energieversorgung, und wir beziehen viele Rohstoffe von dort. Sie ist aber auch wichtig, weil unmittelbar südlich Afghanistan anschließt, ein Land, mit dem wir uns sehr intensiv auseinandersetzen. Indem wir versuchen, Zentralasien zu stabilisieren, wollen wir auch dazu beitragen, dass Afghanistan zu einer friedlicheren Entwicklung finden kann. Ich denke, all das zeigt, wie wichtig die Wasserinitiative Zentralasien ist und warum sie weitergeführt werden muss.

Das Interview führte Christa Beckmann

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