Yager : Stille Actionhelden

Yager, das sind 80 Spezialisten. Sie tüfteln auf zwei Fabriketagen am ultimativen Computerspiel. Das Team gehört zur ersten Liga der Games-Schmieden.

Kurt Sagatz
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"Schon zum zweiten Mal hat ein Publisher viel Geld in das Unternehmen investiert. Trotzdem will ich nicht sagen, dass meine Mitstreiter und ich es geschafft haben. Denn wer so denkt, ist bald raus aus dem Geschäft.“
Timo Ullmann, Geschäftsführer des Spieleentwicklers Yager



In Kreuzberg gibt es die wohl stillste Spielhalle der Welt. Unweit der Oberbaumbrücke erstreckt sie sich über zwei Etagen eines alten Fabrikgebäudes. Die Berliner Spieleentwickler-Firma Yager beschäftigt gut 80 3-D-Modellierer, Level-Designer und Programmierer vor drei Mal so vielen Monitoren. Aber außer einigen Gesprächen im Flüsterton hört man nur das leise Geklapper der Tastaturen. Hier haben alle nur ein Ziel: Bis 2010 das bestmögliche Actionspiel für Konsole und PC zu entwickeln, das es an Unterhaltungswert mit jedem Hollywood-Film von Steven Spielberg oder Jerry Bruckheimer aufnehmen kann. Das ist der Ehrgeiz von Yager-Gründer und Geschäftsführer Timo Ullmann.

Die Ruhe ist unerlässlich. Ohne sie könnten sich die vielen Entwickler in den beiden offenen Fabriketagen, zusammen 1600 Quadratmeter, nicht auf Abertausende von Programmzeilen konzentrieren, aus denen ein Videospiel besteht. Schweigen ist bei Yager – englisch gesprochen „Jäger“ – aber noch aus einem anderem Grund Gold: Bis das Unternehmen voraussichtlich Mitte des Jahres auf einer der großen Messen in Europa den Schleier um das neue Spiel lüftet, sind sämtliche Details zu den Inhalten top secret. Der Wettbewerb unter den Games-Schmieden ist mindestens so hart wie für die Spieler jedes Action-Titels.

Timo Ullmann ist gebürtiger Berliner. Seine 38 Jahre sieht man ihm nicht an. Derzeit kann man mit ihm über alles reden, bloß nicht über dieses neue Spiel. Der Name? Streng geheim. Wer ist der Publisher, der einen Großteil der Investitionen vorschießt und den Titel am Ende verlegt? Wird nicht verraten. „Sonst müssten wir die gesamte Auflage des Tagesspiegels aufkaufen.“ Immerhin, über einige weniger sensible Dinge will Ullmann schon sprechen. Zum Beispiel, dass es sich mehr noch als beim erfolgreichen Erstlingswerk „Yager“ um ein Spiel mit epischer Tiefe handelt. Die Berliner Firma hat dafür sogar den amerikanischen Spieleautor Richard Pearsy aus Texas nach Berlin geholt. Die Investitionen für die drei Jahre vom Start des Projekts im Jahr 2008 bis zum Marktstart im kommenden Jahr werden einen größeren zweistelligen Millionenbetrag erfordern, verrät Ullmann zudem. Bis zur Fertigstellung des Spiels wird sich die Zahl der Mitarbeiter noch einmal um 40 auf 120 erhöhen. Sie alle sollen den Titel dann für die Konsolen Xbox 360 und Playstation 3 sowie für den Computer aufbereiten. Timo Ullmanns Werdegang als Spiele-Enthusiast begann auf der anderen Seite der Spree, im Ostteil der Stadt. Sein Vater verkaufte Werkzeugmaschinen und musste dafür auch in den Westen reisen. Mitte der achtziger Jahre brachte er seinem Sohn einen Commodore C64 samt Datasette mit, auf dem Spiele wie Pacman und Co. geladen wurden. Damit sie sich im Tauschverfahren mit neuen Spielen eindecken konnten, entstanden in der DDR viele Computerclubs, die nach der Wende Keimzellen von Spiele-Studios wurden. Ullmann brach für die Gründung von Yager 1999 sogar sein Informatikstudium an der Humboldt-Universität ab, 2003 kam das Yager-Spiel um den Weltraumpiloten Magnus Tide auf dem Markt, erst auf Microsofts Xbox, später auch für den PC. Doch selbst jetzt, da zum zweiten Mal ein Publisher viel Geld in das Unternehmen investiert, will Ullmann nicht davon sprechen, dass er und seine Mitstreiter es geschafft haben. „Wer so denkt, ist bald raus aus dem Geschäft.“

Tatsächlich gibt es in Deutschland nur eine Handvoll Entwicklerfirmen, die in der ersten Studio-Liga mitspielen. Yager profitiert von der Ausstrahlung Berlins über die Grenzen Deutschlands hinaus. Das positive Image der Stadt hilft Kreativfirmen, die meist stark spezialisierten Experten nicht nur aus Deutschland, sondern selbst aus den USA, Kanada oder sogar aus China anzuwerben. Viele der jungen Programmierer kommen direkt von Hochschulen wie der Technischen Universität oder der FHTW. Für den kreativen Nachwuchs sorgt unter anderen die Berliner „Games Academy“. Damit sich die von weither angereisten Experten nicht allein um die Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis kümmern müssen, werden sie von der Yager-Mitarbeiterin bei ihren Ämterbesuchen begleitet. Bislang wurden keine Anträge abgelehnt.

Yager will nun Neuland betreten, es ist Zeit für Emotionen. Denn zu den größten Herausforderungen der Branche gehört es, die Dominanz der Technik zurückzudrängen. Um nicht nur die männlichen Spieler mit immer besseren grafischen Effekten anzusprechen, sondern die ganze Familie, möchte Timo Ullmann nämlich Gefühle ins Spiel bringen.

Nun also Humor statt Physik, Grafik und künstlicher Intelligenz? Genau betrachtet nur, wenn die Entwickler dabei nicht allzu laut lachen. Das könnte die Konzentration in der größten Spielhalle der Welt stören.

www.yager.de

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