Zeitung Heute : Yes, we’ re british

Das Großbritannien- Zentrum erforscht Kultur und Gesellschaft des Königreichs

Ljiljana Nikolic

Der Zufall hatte seine Hand im Spiel, als Jeanette Streier über den Campus der Humboldt-Universität spazierte und in einen Zettelkasten griff. Auf jenem Zettel standen Informationen über das Großbritannien-Zentrum (GBZ). Die Jura-Studentin hatte gerade ihr erstes Staatsexamen in Münster hinter sich gebracht und war nach Berlin gekommen, um hier ihre Referendariatszeit zu absolvieren. Anderthalb Jahre Wartezeit standen ihr bevor und die Antwort auf die Frage, wie sie diese überbrücken kann. Vielleicht eine Promotion?

Kurze Zeit später war der Entschluss gefasst und die Bewerbung für den postgradualen Studiengang „Master in British Studies“ geschrieben. „In meinem Jahrgang waren 23 Studierende aus 13 Ländern mit 14 Abschlüssen vertreten, mit vielen Kulturen zusammenzukommen, war eine spannende und wunderbare Erfahrung“, erinnert sich die ehemalige Studentin.

Worum handelt es sich beim Großbritannien-Zentrum? Hier sind weder die Anglisten beheimatet noch ist es ein britisches Kulturzentrum. Man kann auch keine Englisch-Sprachkurse in der Mohrenstraße, dem kürzlich bezogenen neuen Sitz des GBZ, belegen. Vielmehr handelt es sich um ein interdisziplinäres Lehr- und Forschungszentrum. „Das Großbritannien-Zentrum wurde 1995 aus der Idee des Berliner Senats geboren, der Schutzmacht Großbritannien ein bleibendes Denkmal zu setzen", sagt Jürgen Schlaeger, der das Zentrum aufgebaut hat und nach 13 Jahren Leitung kürzlich in den Ruhestand gegangen ist. Die Geschäfte übernimmt Christiane Eisenberg, Professorin für Geschichte Großbritanniens seit der Restauration.

Es ist ein kleines Zentrum mit drei Professuren für Literatur und Kultur, für Rechts-, Wirtschafts- und Sozialstrukturen Großbritanniens und eben für Britische Geschichte. Die Mitarbeiter des Zentrums forschen zu Themen wie der Entstehung der Marktgesellschaft in Großbritannien, Kulturtransfer, Telekommunikationsgeschichte und dem Rechtsystem im Vereinigten Königreich. Außerdem verlassen sie immer wieder ihren disziplinären Rahmen, um gemeinsame Forschungsvorhaben zu realisieren.

Dass das Konzept erfolgreich ist, dafür spricht das Ergebnis der kürzlich erfolgten Re-Akkreditierung des Masterstudiengangs. Die Akkreditierungskommission AQAS ist zu dem Ergebnis gekommen, „dass es sich bei dem ,Master in British Studies’ um ein in Deutschland und internationalem Rahmen nahezu konkurrenzlos dastehendes Angebot handelt, dass sich seit der Erstakkreditierung sehr gut entwickelt hat“. Hervorgehoben wird auch die hohe Erfolgsquote beim Berufseinstieg der Absolventen im In- und Ausland sowie die enge Beratung und Betreuung, die den Studierenden sehr zugute kommt.

Jedes Jahr werden etwa 25 junge Leute mit erstem Studienabschluss aus aller Herren Länder und hervorragenden Englisch-Kenntnissen in den 18-monatigen Studiengang aufgenommen. Die Studierenden durchlaufen im ersten Semester ein interdisziplinäres Basisprogramm, das Einblick in die Geschichte, die Rechts-, Wirtschafts- und Sozialstrukturen, das politische System sowie in die Literatur und Kultur Großbritanniens gibt. Im zweiten Semester können die Studierenden zwischen zwei vertiefenden Optionen wählen: „Wirtschaft, Recht, Politik“ und „Kultur, Medien, Kulturmanagement“. Neben den Mitarbeitern des Zentrums unterrichten auch zwölf auswärtige Universitätsdozenten, Praktiker und andere Experten aus Großbritannien und Deutschland, die regelmäßig evaluiert werden.

„Hart, aber fair“, bringt Jeanette Streier die Anforderungen auf den Punkt. „Der Studiengang ist anspruchsvoll, ich habe viele interessante Themen kennen gelernt, aber auch häufig bis in die Nacht hinein gearbeitet.“ Ihr Praktikum hat sie in der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer in London absolviert und ist jetzt, nachdem sie auch ihr zweites Staatsexamen in Jura gemacht hat, persönliche Referentin der Hauptgeschäftsführung der IHK in Berlin. „Der Studiengang hat mich geprägt, und Großbritannien ist mir sehr ans Herz gewachsen“, sagt sie.

Das dreimonatige obligatorische Praktikum findet in Wirtschaftsunternehmen und unterschiedlichsten Institutionen im Vereinigten Königreich und Irland statt, unter anderem bei der BBC oder im House of Commons in London, aber auch beispielsweise in den National Museums of Scotland. Danach bleiben drei Monate für die Master-Arbeit.

Im Rahmen einer Graduation Ceremony findet die Zeugnisübergabe statt, die Absolventen werden freiwillig in die Alumni-Datei aufgenommen. Die Absolventen müssen sich in der Regel keine Sorgen um eine Arbeitsstelle machen, ihre interdisziplinäre Kompetenz und internationale Erfahrung kommt bei Arbeitgebern gut an. Etwa ein Viertel bleibt an der Universität, forscht und lehrt, andere gehen in die Wissenschaftsverwaltung. Wirtschaft, Medien, Journalismus, Kulturmanagement und Public Relations sind weitere Bereiche, in denen die Absolventen ihre berufliche Karriere starten.

Das GBZ ist ein Zentralinstitut. „Unser Status ist vergleichbar mit einer Fakultät, wir haben viel Gestaltungsfreiheit, aber auch viel Arbeit“, sagt Schlaeger. Flache Hierarchien und Teamwork bestimmen den Alltag. „Wir treffen uns wöchentlich, besprechen Probleme und lösen sie im Konsens, dabei übernehmen alle Mitglieder auch Aufgaben, die über die eigentlichen Stellenbeschreibungen hinausgehen, und bearbeiten sie eigenverantwortlich.“ So sind die fünf wissenschaftlichen Mitarbeiter unter anderem auch für die Öffentlichkeitsarbeit und als Tutoren für die Betreuung der Studierenden zuständig.

Die anglophile Berliner Bevölkerung schätzt das GBZ. Im Semester finden die „Monday Lectures“ statt, öffentliche Vorträge zu aktuellen Themen. So hält Gesa Stedman, die den Lehrstuhl für Literatur und Kultur Großbritanniens übernimmt, am 20. Oktober ihre Antrittsvorlesung unter dem Titel „Having one’s cake and eating it. Fruit and Drink in Cultural and Literary Studies“.

Mehr im Internet:

www.gbz.hu-berlin.de

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