Zeitung Heute : Yorkshire: Idylle ohne taumelnde Kühe

Stefanie Bisping

Auf dem Sofa liegen zerlesene Zeitschriften, auf dem Tischchen davor steht eine Schreibmaschine. Tiefe Sessel, abgewetzte Teppiche, ein Kamin und alte Stiche von Pferden an den Wänden verleihen dem Wohnzimmer ländlich-heimelige Atmosphäre. Über allem hängt ein medizinischer Geruch nach Salben und Desinfektionsmitteln. In diesem schlichten Ambiente lebte und arbeitete von 1939 an der Mann, der einstmals der berühmteste Veterinär der Welt werden sollte: Alf Wight, besser bekannt als James Herriot. Unter diesem Pseudonym veröffentlichte er Anekdoten aus seinem Alltag als Landtierarzt. Seine Bücher haben den seither auf der ganzen Welt als starrsinnig geltenden Einwohnern Yorkshires zu Ruhm verholfen, und der BBC-Fernsehklassiker, der nach ihnen entstand, hat Menschen aus allen Erdteilen entzückt.

Die "Welt von James Herriot" ist eines jener Museen, die die Sinne so beschäftigen, dass man sich gar nicht mehr vorstellen muss, wie das Leben hier einmal gewesen sein könnte. Vielmehr taucht man darin ein: Das Wohnzimmer wirkt, als habe Alf Wight hier eben erst ein Kapitel in die schwerfälligen Tasten der alten Schreibmaschine gehämmert. Sogar der Flur, in dem solide Regenmäntel über Gummistiefeln hängen, sieht so aus, als seien die Bewohner nur gerade zu Einkauf oder Visite außer Haus. Irgendwo schrillt ein Telefon, bis ein Besucher abnimmt: "Doktor", ist da in breitem Yorkshire-Dialekt zu hören, "Mit meiner Kuh stimmt was nicht! Können Sie eben rüberkommen?"

Erst in seinen Fünfzigern machte Alf Wight (1916-1995) wahr, was er seiner Familie seit mehr als 20 Jahren angekündigt hatte: Er schrieb die oft skurrilen Erlebnisse mit seinen Patienten und ihren Besitzern auf. Aus seiner Frau Joan machte er die Tierarztgattin Helen, aus seinen Partnern, den Brüdern Donald und Brian Sinclair, wurden Siegfried und Tristan Farnon. Das Städtchen Thirsk verwandelte er in das Dorf Darrowby. Ansonsten schrieb Wight nieder, was er erlebte - mit viel Humor und wenig dichterischer Verfremdung. Sogar die Einrichtung ist wiederzuerkennen. Mit akribischer Liebe zum Detail wurde das Haus im Stil der vierziger Jahre hergerichtet - ganz so, wie man es auch aus der Fernsehserie kennt. So dokumentiert es heute nicht nur das anscheinend überaus erfüllte Leben Wights zwischen Praxis und Familie, sondern auch den Alltag im England der Kriegs- und Nachkriegsjahre. Trotz politischer und materieller Sorgen war die Welt in jenen Tagen in Ordnung: Aus dem Radio in der Küche klingt fröhlich Glenn Miller, und beim Hausbesuch musste Wight keine Konfrontation mit verdächtig taumelnden Kühen, sondern allenfalls mit bissigen Hofhunden oder griesgrämigen Bauern befürchten.

Seit 1999 ist sein Haus Museum, und die begeisterten Kommentare im Gästebuch zeigen, dass der Wunsch des Lesers, das Privatleben eines Lieblingsautoren zu ergründen, hier in schönster Weise wahr wird. Während das Parterre des Hauses Kirkgate 23 genau so eingerichtet worden ist, wie es früher war - für Authentizität bürgten Alfs Witwe Joan und ihre Kinder, die noch in Thirsk leben -, sind die Scheune hinterm Haus, das Obergeschoss und das Nachbarhaus Dokumentationen gewidmet, die das Leben des Doktors in allen Facetten darstellen. Hinterm Haus grünt ein Nutzgarten, der den Wechsel der Jahreszeiten im Norden Yorkshires zeigt. Eine Ausstellung über die Verfilmungen gibt Besuchern die Gelegenheit, durch echte BBC-Kulissen zu laufen und sich gar gegenseitig darin zu filmen.

Absagebriefe von Verlegern, die ihren Fehler angesichts Millionen verkaufter Herriot-Romane und Übersetzungen in 26 Sprachen gewiss bis heute bitter bereuen, Geschenke treuer Leser, Tafeln, die über seine Partner Auskunft geben - kaum ein Aspekt von Wights Leben, der nicht erschöpft wird. Auch Zeitzeugen sind bemüht worden. Freunde schildern Donald Sinclair alias Siegfried Farnon hier als die schillernde, exzentrische Persönlichkeit, die der Schauspieler Robert Hardy unsterblich machte. Während Alf und Donald aber unbeeindruckt von ihrer plötzlichen Prominenz weiterhin Tag für Tag durch Kuh- und Schweineställe stiefelten, machte sich der jüngere Brian den unverhofften Ruhm zunutze, um in Amerika ausgedehnte Vortragsreisen zu unternehmen - ganz so, wie man es sich auch von seinem verspielten literarischen Abbild Tristan vorstellen könnte.

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