Zeitung Heute : Young Shatterhand aus Altona

„Was ich gemacht habe, finde ich nicht richtig“, sagt Olaf Scholz und meint damit seine Zeit als Dogmatiker bei den Jusos. Heute ist der neue SPD-General ein Mann der Mitte. Als Erstes will er die Partei aus dem Schlaf rütteln – und dann vielleicht noch ein bisschen mehr.

Markus Feldenkirchen

Er darf als Zweiter unterschreiben, vor ihm nur der Kanzler, zu dessen Rechten er sitzt. Der Kanzler schiebt ihm das Büchlein vor den Rumpf und flüstert ihm irgendwas Lustiges ins Ohr. Dann greift Olaf Scholz zum Kanzlerfüller und setzt seine Unterschrift unter den rot-grünen Koalitionsvertrag. Während jetzt noch schnell die anderen unterzeichnen, starrt Scholz mit ernstem Blick in die Neue Nationalgalerie, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, staatsmännisch.

Zwei Stunden später sitzt Olaf Scholz wieder in seinen neuen vier Wänden, fünfter Stock Willy-Brandt-Haus, Büro des Generalsekretärs, am Türschild draußen noch der Name Müntefering, Franz. Scholz räkelt sich im lederbezogenen Stuhl, stößt dann einen Satz über seine schmalen Lippen, den man bei ihm als Ausdruck größter Euphorie interpretieren muss: „Das ist schon was“, sagt Olaf Scholz darüber, dass er gerade die vertraglich vereinbarte Zukunft der Republik unterzeichnen durfte. Doch er tut das in einem Tonfall, in dem andere sagen: „Ich hol’ mal Kuchen.“

Vor den Panoramafenstern liegen die trüben Ränder Kreuzbergs. Der Teppichboden ist hell, die Bücherwand klinikweiß. Münteferings Möbel. Von seinem Schreibtisch blickt Olaf Scholz auf ein Bild, das er sich aus dem Fundus des Willy-Brandt-Hauses bestellt hat. Sehr bunt, sehr futuristisch. Olaf Scholz hat in den letzten 20 Jahren jede Documenta besucht, will aber nicht den Kunstexperten raushängen lassen. Deshalb sagt er: „Ich mag das Bild, weil es modern ist.“ Olaf Scholz mag das Moderne. Einfach so.

Nicht aus dem Gulli

Die Polit-Generation des 44-Jährigen hat es nicht leicht. Weil sie sich immer rechtfertigen muss. Weil ihr oft reines Karrierestreben vorgeworfen wird, weil man ihr die Motivation für das Politikmachen nicht abnimmt, nicht so wie den Alten. Die konnten sich auf Kriegserlebnisse berufen, aus denen eine Sowas- nie-wieder-Mentalität erwachsen sei, oder auf die 68er-Polarisierung. Nein, die Geschichte konnte die Biografien der Generation Scholz nicht prägen. Nicht mal auf irgendwelche Wurzeln im Gulli der Gesellschaft, aus dem man sich nach oben kämpfen musste, kann Scholz sich berufen. Anfangs hatten einige noch versucht, Olaf Scholz eine Kindheit im Arbeitermilieu anzudichten. Aber wahr ist nur, dass Olaf und seine zwei Brüder als Erste in der Familie studiert haben. Der Vater war Manager in der Textilindustrie.

Vielleicht ärgert Scholz auch, dass all jene, die ihre Glaubwürdigkeit bestimmten Schlüsselerlebnissen und diese der Geschichte schulden, sich nicht so penetrant fragen lassen müssen, wofür sie eigentlich stehen. Wer Olaf Scholz jedenfalls so richtig auf die Nerven gehen will, der muss ihn nach solchen Momenten im Leben fragen. „Schlüsselerlebnisse sind etwas ganz Schreckliches“, hat er einmal im Café in seinem Berliner Wohnviertel Prenzlauer Berg gesagt. Offenbar hat ihn die Abscheu vor Schlüsselerlebnissen schon so früh ergriffen, dass er zu deren Ironisierung übergegangen ist. Schon damals, als Scholz den Kriegsdienst verweigern wollte. Die anderen hätten da die tollsten Geschichten erzählt, erinnert sich Scholz: Wie sie auf dem Schulhof das erste Mal jemanden verhauen hätten und danach wochenlang nicht schlafen konnten vor schlechtem Gewissen. Oder wie die Lektüre von Remarques „Im Westen nichts Neues“ sie zu ewigen Pazifisten gemacht hätte. Darüber hat Scholz schon damals gelacht. Er selbst hat den Gewissenserforschern erzählt, die Lektüre vieler Karl-May-Bände habe ihn tief geprägt. Helden wie Old Shatterhand hätten nie jemanden getötet, daran wolle er sich ein Beispiel nehmen.

Ideologieschrott

„Eine Generation mit eigener Identität wie die der 68er gibt es nicht mehr“, sagt Scholz. Dazu seien die Gesellschaft, das Leben heute viel zu schnell. Und Politik müsse immer weitergehen, dürfe nicht steckenbleiben in den Werten einer bestimmten Generation. Er ist ja auch nicht stecken geblieben, in seiner Juso-Zeit etwa, sonst säße er heute wohl neben Sahra Wagenknecht auf der kommunistischen Plattform der PDS. So vergnügungsfrei dogmatisch hat er damals geredet, dass der frühe Scholz einigen noch heute als der Prototyp des Apparatschiks in Erinnerung ist. „Was ich gemacht habe, finde ich nicht richtig“, sagt Olaf Scholz heute und nennt sein Gerede von damals „Ideologieschrott“.

Wegen der schnellen Zeiten ist er dann sehr schnell weitergegangen. Erst in das Arbeitsleben, als Anwalt für Arbeitsrecht in Altona. Dann als geläuterter Mann der Mitte in die Hamburger Politik, später als Abgeordneter in den Bundestag. Schon früh wurde Scholz für alle möglichen Posten gehandelt. Bis der Kanzler ihn im Mai 2001 zurück in die Hansestadt schickte, weil Bürgermeister Ortwin Runde die anstehende Wahl zu verlieren drohte. Scholz wurde Innensenator und implantierte in kürzester Zeit ein neues, straffes Sicherheitskonzept für die Stadt, bei dem selbst Otto Schily vor Begeisterung die Ohren wackelten. Dass die SPD zwar den Bürgermeisterposten verlor, an Prozenten aber zulegen konnte, wurde allein Scholz zugeschrieben.

Mit seinen Wuschelhaaren und dem schlitzekleinen Blick wirkt er oft wie ein verzottelter Bär, der gerade aus dem Bett gestapft ist. Das Hellwache, den scharfen Verstand, die Vorliebe für alles Analytische traut man Olaf Scholz auf den ersten Blick gar nicht zu. Er kann sehr eloquent reden, den anderen stets auf Distanz haltend, nie überschwänglich, ohne ein „Äh“, sehr kontrolliert.

Er muss jetzt viel reden, muss der alten Dame SPD, seine junge Stimme leihen. Aber vielleicht muss er aufpassen, dass er vor lauter Selbstbewusstsein nicht zu viel redet. Dass zur Kunst des Redens auch gehört, im rechten Moment zu schweigen, wird ihm die Episode mit dem Interview aus dieser Woche gezeigt haben. Da hatte er einfach erzählt, Gerhard Schröder werde auch nach 2006 als Kanzler weitermachen. Das Kanzleramt pfiff ihn zurück. Eine unglückliche Geschichte für einen, der erst am Sonntag auf dem Parteitag offiziell ins neue Amt gewählt werden soll.

Seinen neuen Mitarbeitern in der SPD-Parteizentrale hat er sich trotzdem schon längst vorgestellt. „Ich will euch allen vertrauen“, hat er ihnen zugerufen und sie eingestimmt auf das, was er vorhat mit der Partei. Er will sie öffnen für eine Welt, in der sich die Menschen nicht gleich mit der SPD verheiraten, aber sich gerne für bestimmte Themen engagieren wollen. Er will Debatten anstoßen, als „Zugangspunkte“ zur SPD, damit die stillgelegte Partei wieder aus ihrem Schröder-Schlaf erwacht, lebendiger wird. Und bunter. Zugleich aber singt Scholz das Loblied auf den Ortsverein. „Es gibt nur wenige Orte in der Gesellschaft, wo die unterschiedlichsten Menschen überhaupt noch zusammenkommen.“ Dass Scholz für die verschiedensten Menschen ein gemeinsames Dach bauen kann, hat er bei der Bundestagswahl bewiesen. Da hat er einen der schwierigsten Wahlkreise der Republik gewonnen, zu dem das heute noch arme alte Arbeiterviertel Altona und die Schickimicki-Straßen der Elbvororte gehören. Wenn ihm das mit der ganzen SPD noch einmal gelänge, wäre der Weg frei in eine mächtigere Zukunft.

Er ist jetzt der einsame junge Mann an der Bundesseniorenspitze der SPD. In Schröders Rentnerkabinett hat eine ganze Generation Platz genommen, die lange genug für ihren Aufstieg gekämpft hat, nur so an die Spitze gekommen ist und dort ein wenig verweilen will, vier Jahre noch, vielleicht ein bisschen mehr. Und daneben wacht nun Olaf Scholz. Er hat von allen das größte Eigeninteresse daran, dass es der Partei gut geht. Er muss sie pflegen, groß und schön machen für die Zukunft, weit über die Schröder-Zeit hinaus. Er muss sich selbst den Boden bereiten, auf dem er weiter nach oben schreiten darf. Nur wenn ihm das gelingt, darf Olaf Scholz irgendwann vielleicht auch mal als Erster einen Koalitionsvertrag unterschreiben. Das wär’ schon was.

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