Zadie Smith : „Mein Inneres interessiert mich nicht“

Auf Fragen nach der Identität reagiert Zadie Smith gereizt, lieber lobt sie englisches Essen und sagt: Menschen wollen unfrei sein, deshalb heiraten sie.

Interview Stefanie Flamm Verena Mayer

Zadie Smith, 31, wurde mit ihrem ersten Roman „Zähne zeigen“ weltbekannt. „Der Autogrammhändler“ erschien 2003, ihr aktuelles Buch „Von der Schönheit“ (Kiwi) war für den Booker-Preis nominiert. Die Schriftstellerin wuchs im Norden Londons auf, wo sie heute noch lebt. Als Kind wollte sie Steptänzerin werden.

Frau Smith, als Sie vor sieben Jahren Ihren ersten Roman veröffentlichten, wurden Sie auf einen Schlag so berühmt, dass Ihnen Modelabels wie einem Filmstar Kleider zukommen ließen, damit Sie die tragen.

Nach „Zähne zeigen“ habe ich zum Beispiel eine Tasche bekommen, sie aber zurückgeschickt.

Gab es nichts, was Sie gerne behalten hätten?

Ich bin an solchen Dingen nicht interessiert.

Wenn man so jung so gefeiert wird, fühlt man sich da unter ständiger Beobachtung?

Das glauben viele. Aber wenn Sie mit Autoren sprechen, werden Sie feststellen, dass Schriftsteller viel besessener und auf sich selbst konzentriert sind, als man das gemeinhin annimmt. Die meisten hatten schon das zweite, dritte, vierte Buch im Kopf, als sie mit ihrem ersten herauskamen. Der Erfolg bläst einen nicht weg, auch wenn man sehr jung ist, so wie ich es damals war. Es macht einen vielleicht unsicherer, aber der Wille zu schreiben, ist stärker als der Hype.

Identität und Hautfarbe sind Ihr großes Thema. In „Von der Schönheit“ verlaufen die Brüche nicht zwischen Schwarz und Weiß, sondern zwischen schwarzer Mittelschicht und schwarzer Unterschicht und …

Schwarz oder nicht, das ist doch eigentlich kein Thema, oder? Meine Figuren repräsentieren nur sich selbst. Wenn die Charaktere weiß wären, würden Sie doch gar nicht darüber nachdenken. Nur weil sie schwarz sind, scheinen sie Ihnen symbolisch für etwas zu sein.

Und warum sind sie dann schwarz?

Was ist denn das für eine Frage? Warum bin ich schwarz? Warum sind Sie weiß? Manchmal habe ich den Eindruck, weiße Leser finden, dass Weiße in Büchern neutral sind und alle anderen exotisch, ein Standpunkt. Aber wenn man braun ist, ist man für sich selbst ja nur eine Person, kein Standpunkt, kein Symbol.Was glaubt Ihr, was Ihr seid: die menschliche Seele, und der Rest ist nur eine Variation davon, oder wie?

Entschuldigung, Ihre Figuren sind extrem mit ihrem Anderssein beschäftigt. In „Zähne zeigen“ fragt sich das Personal ständig, was es seinen Vorfahren schuldig ist. Der schwarze Professorensohn Levi in „Von der Schönheit“ sucht Kontakt zu schwarzen Rappern, zu seinen „Brüdern“ von der Straße.

Ja, aber das macht ihn traurig und arm. Levi ist nicht sehr glücklich mit seiner Suche. Noch einmal: Wir sind alle menschliche Seelen und nicht Standpunkte für irgendwelche Sonntagsausgaben. Wenn man John Updike liest, fragt man sich ja auch nicht, warum seine Figuren weiß sind. Ich will, dass man meinen Figuren als Menschen folgt, so wie man der Hauptfigur Rabbit in Updikes „Rabbit“-Romanen folgt.

Das Thema ärgert Sie.

Es ärgert mich nicht, es langweilt mich! Die Deutschen fragen immer danach, weil es in ihrem Land keine Schwarzen gibt, das ist ein Stadium der Unschuld, was ja auch ganz süß ist. In Norwegen hat sich mal ein Journalist furchtbar darüber aufgeregt, dass es keine multikulturelle Literatur in Norwegen gibt. Ich fragte ihn, ob es Schwarze oder Asiaten in Norwegen gibt, und er sagte: nein. Da frage ich mich, warum sollte es dann eine multikulturelle Literatur in Norwegen geben? Das ist ja keine Mode, die man in einem Land haben kann.

Ihr Vater ist Brite, Ihre Mutter Jamaikanerin. Einer Ihrer Brüder ist der Rapper Doc Brown. War es schwierig, sich in so einer Familie zu behaupten?

Meine Familie besteht aus Selbstdarstellern. Meine Mutter ist schon kein Mauerblümchen, und meine Geschwister sind sich ihrer selbst auch ziemlich sicher. Ich bin vielleicht etwas weniger selbstbewusst als der Rest meiner Familie.

Sie haben einmal gesagt: Ich wollte niemals weiß sein, aber ich wollte immer Mittelschicht sein. Haben Sie das geschafft?

Ich bin stolz auf meine Familie, aber es wäre idiotisch, zu behaupten, dass man der Arbeiterklasse angehört, wenn man über Geld und Bildung verfügt. Das wäre eine Beleidigung für alle, die wirklich Arbeiter sind. Viele Leute in England geben vor, dass sie der Arbeiterklasse angehören, obwohl sie 50 000 Pfund im Jahr verdienen und im schicken Hampstead wohnen.

Welcher Schicht gehören Sie jetzt an?

Ich bin Künstlerin. Na ja, schon der Mittelschicht. Jedenfalls habe ich wirklich hart dafür gearbeitet, oder? Meine Eltern waren aus der Arbeiterklasse. Sie haben die Schule verlassen, als sie zwölf waren. Mein Vater war Fotograf, nichts Künstlerisches, er hat zum Beispiel Kühlschränke fotografiert für Kataloge. Aber sie haben alles sehr gut auf die Reihe gekriegt.

Auf Deutsche wirkt das britische Klassensystem immer sehr befremdlich.

System ist ein hartes Wort. Es ist etwas Organisches, selbst auferlegt, so wie es in Deutschland ja auch Leute gibt, die so sprechen, und solche, die so sprechen. Klasse ist Klasse, oder nicht?

Nein, in Deutschland gibt es vor allem regionale Akzente, an denen sich keine Schichtzugehörigkeit ablesen lässt.

Ihr habt keine Klassenakzente? Ihr könnt nicht durch Berlin gehen und an der Aussprache erkennen, ob jemand Arbeiter ist?

Man kann höchstens Ost und West unterscheiden.

In England hört man in einer Sekunde, was jemand ist. Alle klingen anders, je nachdem, in welche Schule man geht, mit wem man befreundet ist und so weiter. Man kann es nicht verstecken. Deshalb haben wir Geschichten wie „My fair Lady“.

Ist das deprimierend?

Man darf nicht vergessen, dass es innerhalb der einzelnen Schichten viel Klassenstolz gibt. Natürlich kann man in Amerika seiner Herkunft leichter entkommen als in England. In Amerika zählt Geld, in England kann man so reich sein, wie man will, und man wird nicht posh sein. Man kann nichts kaufen, niemals. England wird sich in diesem Punkt nicht verändern, das ist unsere Basis. Als ich jünger war, habe ich mich davon beeindrucken lassen. Inzwischen weiß ich, dass es in jeder Klasse und Kultur alle Arten von Schönheit gibt.

Sie waren ein halbes Jahr Gastdozentin an der amerikanischen Eliteuniversität Harvard. Wie haben Sie als Britin Amerika erlebt?

Wissen Sie, ich habe 30 Jahre in England gelebt, und in Amerika war ich gerade mal sechs Monate. Ich kann das also nicht besonders gut vergleichen. Was Harvard betrifft: Das ist ein elitärer Ort, man muss reich sein, um hineinzukommen. Es gibt keine Stipendien für arme Kinder, also gibt es auch keine armen Kinder. Dafür werden Sportprogramme angeboten, die 120 Millionen Dollar im Jahr kosten. Wenn man aus Europa ist, macht einen das natürlich wütend, aber es ist nun einmal eine andere Tradition.

Einer der Konflikte, der sich durch „Von der Schönheit“ zieht, ist der zwischen amerikanischen Liberalen und Konservativen, der sich seit dem Irakkrieg extrem verschärft hat.

Ja, es ging heiß her, als ich 2003 dort war. Ich fand beide Standpunkte ermüdend, aber ich wollte sie für meinen Roman einfangen. Im Übrigen waren diese Uniszenen unglaublich schwierig zu schreiben. Ich interessiere mich ja prinzipiell nicht für Meinungen. Und dann war ich plötzlich in einem Land, wo alle Leute diese superwichtigen Standpunkte vertreten. Ich wollte dem Konflikt etwas Komisches abgewinnen.

Das ist Ihnen gelungen. Etwa wenn der College-Professor mit der Tochter seines Konkurrenten schläft, während eine Trauerfeier im Gange ist.

Ach, wissen Sie, viele englische Schriftsteller haben ein Sitcom-Problem, und ich glaube, ich auch. Ich würde mir das billig Groteske in meinen Büchern gerne sparen, und ich hoffe, eines Tages schaffe ich das auch.

Schauen Sie viele Sitcoms?

Sicher, obwohl sie schlechter sind als früher. „The Office“ ist gut, überhaupt die kleinen englischen Serien. Natürlich mochte ich früher Monty Python. Obwohl vieles daran Nostalgie ist. Wenn man sich die Folgen heute anschaut, dann war vieles daran überhaupt nicht lustig. Andererseits gehören Sitcoms zu den Dingen, die wir Engländer wirklich gut können, also sollten wir schon stolz darauf sein.

Was vermissen Sie, wenn Sie im Ausland sind?

Ich vermisse alles an England, jedes Detail, bis zu den Teetassen.

Bringen Sie Ihren eigenen Tee mit wie die Queen, wenn sie ins Ausland fährt?

Ich mag keinen englischen Tee, aber das ist auch schon das Einzige, was ich an England nicht mag. Ich liebe das Essen, es ist das beste in Europa, die Köche Gordon Ramsay oder Jamie Oliver, das sind Genies. Sagen Sie mal, haben Sie vielleicht eine Zigarette?

Leider nicht.

Jeder hat aufgegeben, so ein Mist. Ich wollte ja auch, aber ich habe es nicht geschafft.

Dabei sind Sie ja schon eher ehrgeizig, oder?

Oh ja, ich bin sehr ehrgeizig. Ich will ein gutes Buch schreiben. Das ist mein Ehrgeiz, der Rest ist mir egal. Sonst gibt es auch überhaupt nichts über mich zu sagen.

Sie leben noch dort, wo Sie aufgewachsen sind.

In derselben Straße, in der ich geboren bin. Ich mag keine Reisen, überhaupt keine Veränderungen. Andere wollen einen Berg in Indien besteigen, ich nicht. Wenn Sie meine Schulfreunde fragen würden, dann würden die sagen, das ist die, die immer am selben Ort bleiben und wahrscheinlich als Angestellte in einer Bücherei enden wird.

Würde Ihnen etwas fehlen, wenn Sie nicht schreiben könnten?

Mir würde etwas fehlen, wenn ich nicht lesen könnte. Schreiben ist Schmerz und Leiden, Lesen ist der reine Genuss.

Wenn man sich die Schriftsteller Ihrer Generation ansieht, so findet man viele, die sehr selbstbezüglich sind, sehr introspektiv.

Von sich selbst fasziniert, grässlich. Das trifft auf die ganze Generation zu. Wenn ich auf meinen Lesereisen Jugendliche treffe, dann höre ich oft, dass sie Tagebücher schreiben und Blogs. Ich hatte nie ein Tagebuch in meinem ganzen Leben. Mich interessiert mein Inneres überhaupt nicht, so wie es auch ein Unterschied ist, ob man lieber Camus liest oder Dickens. Ich mag Camus auch, und der Existenzialismus fasziniert mich, aber Existenzialismus verlangt einem so viel ab. Dass man sich mit jeder Spirale seines Selbst beschäftigen muss. Das könnte ich nicht. Ich schreibe, um von mir wegzukommen.

Haben Ihre Charaktere viel von Ihnen?

Nein, sie haben die Möglichkeit, jemand anderes zu sein als ich. Wenn ich mich mit meinen Figuren identifizieren wollte, dann würde ich über Tausende von 30-jährigen Autorinnen schreiben. Aber verdammt, dieses Leben habe ich selbst, warum sollte ich darüber schreiben wollen?

Haben Sie Kontakt zu anderen Schriftstellern?

Alle meine Freunde sind Schriftsteller. Ich rede auch nur über das Schreiben mit ihnen und über den Betrieb. Es gibt ein Verständnis unter Schriftstellern, vor allem unter denen, die ich als „natural writers“ bezeichnen würde, was nicht heißt, dass sie unbedingt erfolgreich sind, aber sie können eben nichts anderes tun außer schreiben. Sie verstehen mich, und ich verstehe sie.

Wussten Sie schon immer, dass Sie schreiben wollen?

Ich bin nicht eines Tages aufgewacht und habe mir gedacht, jetzt schreibe ich. Man ist nur Schriftsteller, wenn man schreibt. Wenn ich schreibe, bin ich Schriftstellerin, wenn nicht, dann nicht. Schreiben ist ein Prozess, nichts Mystisches. Das klingt jetzt morbid, aber je älter ich werde, desto öfter frage ich mich, wie viele Bücher ich in meinem Leben unterbringen kann. Jedes Buch braucht vier Jahre, da rechne ich dann: vier Jahre, vier Jahre, ich werde älter, ich bekomme Kinder, wieder vier Jahre, und irgendwann bin ich auch schon tot. Das ist eigentlich alles, woran ich denke. Wie viele ich schaffe, bis zu meinem Tod.

Wie viele würden Sie denn gerne schaffen?

Zwölf wären toll. Obwohl: Das ist eher die Obergrenze.

Sie scheinen sich nicht schnell zufrieden zu geben.

Ich bin niemals zufrieden. Wenn ich zufrieden wäre, würde ich nicht schreiben. Ich kenne überhaupt keinen Schriftsteller, der zufrieden ist. Es gibt vielleicht welche, die das behaupten, weil sie ihre Bücher verkaufen wollen, aber das stimmt nicht. Zufriedenheit ist ein seltenes Gefühl. Meistens scheitert man, und dann versucht man es noch mal und scheitert wieder.

Viele Autoren steigern sich von Buch zu Buch.

Das ist lieb, was Sie sagen, aber es stimmt natürlich nicht. Schriftsteller glauben, dass sie besser werden, aber das ist nicht wahr. Denn wenn es wahr wäre, dann würden Schriftsteller ja eines Tages zur Perfektion gelangen, oder? Das Einzige, was besser wird, ist das Niveau des Scheiterns.

Sie haben noch neun Romane vor sich.

Ich habe einmal ein Interview mit Bob Dylan im „New Yorker“ gelesen. Dylan war darin erstaunlich unpräzise, was seine Arbeit betraf. Er hat immer nur gesagt, er wolle lediglich ein bestimmtes Geräusch einfangen, das er in der Frühe hört, oder ein bestimmtes Gefühl. Er nannte das, wenn ich mich recht erinnere, „Hochspannung“, ein komisches Wort, aber er meinte einfach seinen Sinn dafür, dass manche Lieder so sein müssen und manche so. So ähnlich geht es mir mit meinen Büchern. Jeder Roman soll eine eigene Farbe haben.

In Ihrem Debüt „Zähne zeigen“ schrieben Sie sehr unterhaltsam über religiösen Wahn.

Es ist immer lustig, über Religion zu schreiben. „Zähne zeigen“ handelt vom Islam, das ist komisch. Ich habe über Juden geschrieben, das war auch komisch. Es ist immer komisch, wenn Leute von einer Idee besessen sind.

Und das finden Sie wirklich immer lustig?

Ja. Manche Leute verstehen das nicht, viele amerikanische Demokraten zum Beispiel: Was die Menschen wollen, ist nicht unbedingt Freiheit. Sie wollen unfrei sein, deshalb heiraten sie. Es wäre gut, wenn der Mensch diesen Instinkt in sich erkennen würde.

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