Zahl um Zahl : Wie steht es um die Krise?

Der Export steigt, für die Industrie gibt es wieder Aufträge, aber auf dem Arbeitsmarkt sieht es nicht gut aus. Wie steht es um die Krise?

Ewald B. Schulte
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Zahl um Zahl. Wie steht es um die Krise?Grafik: Simone Kitzinger

„Die deutsche Wirtschaft hat ihre Talfahrt gestoppt und im zweiten Quartal ihr Niveau behauptet.“ So interpretiert Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) die neuesten Wirtschaftszahlen des Statistischen Bundesamtes. Der Außenhandelschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Axel Nitschke, will nicht ganz so weit gehen: „Wir sind runter von der Intensivstation, liegen aber noch auf dem Krankenbett.“ Ein Krisenabgesang hört sich anders an.

WIE GEHT ES DEM EXPORT?

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Dabei kann doch gerade die deutsche Exportwirtschaft in diesen Tagen mit herausragenden Zahlen aufwarten: Im Juni verkauften die Unternehmen sieben Prozent mehr Produkte ins Ausland als noch einen Monat zuvor. Das ist der stärkste Anstieg seit September 2006. Die Exporteure profitieren einerseits von den milliardenschweren Konjunkturprogrammen in den europäischen Nachbarstaaten, die jetzt endlich greifen, andererseits steigt auch in den aufstrebenden Schwellenländern China, Indien und Brasilien die Nachfrage nach deutschen Produkten. Problematisch indes bleibt wegen des im Vergleich zum US-Dollar starken Euro der Handel mit den Vereinigten Staaten. Während andere wie der Präsident des Exportverbandes BGA, Anton Börner, beim deutschen Export bereits „klare Zeichen der Erholung“ sehen, spricht DIHK-Experte Nitschke von der „Schockstarre“ die sich jetzt allmählich löse. Grund für die Euphorieverweigerung ist der Vergleich mit dem Vorjahresergebnis: Denn mit Waren im Wert von 68,5 Milliarden Euro hat die deutsche Wirtschaft im Juni dieses Jahres 22,3 Prozent weniger Güter ins Ausland geliefert als im Juni 2008, für das gesamte erste Halbjahr war das Minus noch größer. Für das Gesamtjahr erwartet die Branche ein Export-Minus von 18 Prozent, das Ausfuhrvolumen läge damit wieder auf dem Niveau von 2005/2006. Nitschkes ernüchterndes Fazit: „Die Krise hat uns um drei Jahre zurückgeworfen.“ Bleibt es bei den aktuellen Trends, könnte der Export nach Angaben des BGA im kommenden Jahr allerdings wieder um fünf bis zehn Prozent steigen.

Der Stand ist nicht positiv, dafür sind es die Aussichten. Es geht bergauf.


WAS MACHT DIE INDUSTRIE?

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Stützen können sich solche Export-Hoffnungen auf den Auftragseingang in der Industrie. Der nämlich hat im Juni zum vierten Mal in Folge zugelegt, und zwar mit 4,5 Prozent überraschend stark. Experten hatten lediglich einen Anstieg von knapp einem Prozent erwartet. Besonders stark zugelegt haben die Bestellungen aus der Euro-Zone (plus 13 Prozent) während die Auslandsaufträge insgesamt um 8,3 Prozent zulegten. Die Inlandsnachfrage blieb dagegen nahezu konstant und legte gegenüber Mai um gerade mal 0,2 Prozent zu. Von der steigenden Nachfrage profitierte die Autobranche, was nur zum Teil auf die Absatzförderung durch die Abwrackprämie zurückzuführen ist, denn auch die Bestellungen aus dem Ausland legten hier kräftig zu. Auch die Metallverarbeiter konnten wieder deutlich mehr Aufträge in ihre Orderbücher nehmen. Und selbst die besonders arg gebeutelten Maschinenbauer verzeichneten im Juni gegenüber Mai ein Auftragsplus von zehn Prozent. Die Metall- und Elektroindustrie bezifferte ihr Auftragsplus im Juni gegenüber dem Vormonat auf 4,8 Prozent und hofft, dass sich dies mittelfristig auch stabilisierend auf die Beschäftigung auswirkt. Aktuell ist das noch nicht so, denn trotz deutlich gestiegener Auftragseingänge ist die Gesamtproduktion in Deutschland im Juni leicht um 0,1 Prozent gesunken. Dabei gab es im Mai noch ein Produktionsplus von 4,3 Prozent. Während die Industrieproduktion im Juni im Vergleich zum Vormonat stagnierte, weiteten die Hersteller von Vorleistungsgütern ihre Produktion um 1,8 Prozent aus. Ablesbar werden die Rezessionsauswirkungen im Vergleich mit den Vorjahreswerten: Danach lag die Gesamtproduktion im Mai und Juni um knapp 18 Prozent unter der des Vorjahreszeitraums. Aus Sicht des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall ist die Talfahrt jetzt gestoppt.

Der Tiefpunkt ist erreicht. Demnächst sind wieder Zuwächse zu erwarten.


WIE ENTWICKELT SICH DER ARBEITSMARKT?

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Dass sich das auch rasch positiv auf den Arbeitsmarkt auswirkt, ist indes zu bezweifeln. Bislang sind die Auswirkungen der Krise auf den Arbeitsmarkt noch vergleichsweise moderat ausgefallen. So stieg die Erwerbslosenquote im Juli auf 8,2 Prozent (Vorjahr: 7,7 Prozent). Arbeitslos gemeldet waren laut Bundesagentur für Arbeit 3,462 Millionen Personen. Allerdings wäre diese Zahl weitaus höher ausgefallen, wenn nicht viele Firmen ihre Mitarbeiter in die staatlich geförderte Kurzarbeit geschickt hätten. Bis zu 1,4 Millionen Beschäftigte befanden sich Ende Juli in Kurzarbeit. Arbeitsmarktexperten waren bislang davon ausgegangen, dass die Unternehmen spätestens ab Herbst verstärkt zu Entlassungen greifen würden, um ihre jeweilige Personalstärke an das künftige Auftragsniveau anzupassen. Doch haben mittlerweile Industrieunternehmen wie der Lkw-Bauer MAN, der Gase-Hersteller Linde oder der Abfüllanlagenbauer Krones angekündigt, dass sie die Zahl ihrer Kurzarbeiter im Herbst und Winter konstant halten oder sogar erhöhen wollen. „Wir stehen zu unserer Stammbelegschaft“, sagt Krones-Finanzchef Hans-Jürgen Thaus. Hinter dieser Ankündigung verbirgt sich die Hoffnung, dass das Volumen der Auftragseingänge in den nächsten Monaten weiter deutlich steigt, so dass dann gerade die erfahrenen Mitarbeiter wieder benötigt werden. Dennoch muss ab Herbst damit gerechnet werden, dass die Zahl der Arbeitslosen ansteigt. Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, erwartet, dass „viele Firmen“ Mitarbeiter entlassen müssen.

Trotz Auftragssteigerung wird es für den Arbeitsmarkt ein hartes Jahr 2010.


WO STEHT DER HANDEL?

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Der Handel hofft, dass die sich jetzt abzeichnende konjunkturelle Belebung die Negativ-Tendenzen auf dem Arbeitsmarkt abfedert oder zeitlich streckt. Denn nur dann kann die Konsumneigung der Deutschen stabil bleiben. Bislang blieb die Branche von übermäßigen Krisenfolgen halbwegs verschont. Zwar setzten die Einzelhändler im ersten Halbjahr 2,3 Prozent weniger Waren um als im Vorjahreszeitraum, wobei Kaufhäuser und Lebensmittelfachhändler überproportional hohe Umsatzeinbußen erlitten, während Apotheken und Kosmetikläden ihre Umsätze sogar noch steigern konnten. Der Einzelhandelsverband erwartet für das Gesamtjahr einen Umsatzrückgang von knapp zwei Prozent, was aus seiner Sicht durchaus zu verkraften wäre.

2009 wird kein gutes Jahr, aber zumindest die Aussichen sind deutlich besser.


WIE IST ES UM DIE INSOLVENZEN BESTELLT?

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Wie das Bundesamt für Statistik mitteilte, lag die Zahl der Firmenpleiten im Mai um 14,9 Prozent höher als im Vorjahr. Damit mussten in den ersten fünf Monaten knapp 13 Prozent mehr Firmen den Weg zum Konkursrichter antreten als im gleichen Zeitraum 2008. Nach Einschätzung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform muss für dieses Jahr mit insgesamt rund 35 000 Insolvenzen gerechnet werden. Dabei treffe es jetzt vor allem mittelständische und kleinere Unternehmen, denen nun das Geld ausgehe. Für Mittelstandsfunktionär Mario Ohoven ist das ein Alarmsignal: „Es ist mir ein Rätsel, wie das Bundeswirtschaftsministerium angesichts dieser Insolvenzflut behaupten kann, die Unternehmen würden noch über ausreichende Finanzpolster verfügen.“ Notfalls müsse die Politik die Banken jetzt dazu zwingen, „ihre restriktive Kreditpolitik, insbesondere bei Konditionen und Sicherheiten, radikal zu ändern“. Die Diskussion über Gehälter und Boni zeige, „dass einige Banker aus der Krise nichts gelernt haben“.

Immer mehr Firmen gehen Pleite. Es sind die Folgen der Krise.


UND DIE BANKEN SELBST?

Tatsächlich aber geht es den meisten deutschen Geldinstituten aktuell nicht sonderlich gut. Zwar schreibt der Branchenprimus Deutsche Bank im Investmentbanking wieder Milliardengewinne, im normalen Kreditgeschäft aber musste das Institut – wie auch die Commerzbank und andere Banken – vorsorglich extrem hohe Wertberichtigungen für sich abzeichnende Ausfälle der nächsten Monate bilden. Zudem sorgen sich die Banken trotz preiswerter Refinanzierungsmöglichkeiten bei der Zentralbank und trotz milliardenschwerer Finanzhilfen und Risikoabschirmungen durch die öffentliche Hand darum, ob die eigene Finanzausstattung ausreicht, die nächsten Jahre zu überstehen. Da hält sich die Bereitschaft für neue Darlehensvergaben in sehr engen Grenzen. Langfrist-Finanzierungen von Immobilienprojekten etwa sind derzeit kaum noch zu haben.

Der Deutschen Bank geht es gut, dem Rest nicht. Deshalb gibt es kaum Kredite.

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