Zeitung Heute : Zahn um Zahn

„Ich verstehe diese Radikalreformer nicht“, sagt Horst Seehofer. Dass die Kassen Kronen nicht mehr bezahlen sollen, das bringt ihn auf die Palme. Dort ist es ziemlich einsam. Weshalb der Gesundheitsexperte der Union schleunigst wieder herunterkletterte und fortan Wohlverhalten gelobte.

Cordula Eubel

Der Streitwert liegt zwischen 7,50 und zwölf Euro. Irgendwo zwischen einer Kinokarte und einer Kiste Bier. Für Horst Seehofer ist er trotzdem viel Streit wert. Sogar seine Karriere riskierte er dafür. Warum? Diese Frage trieb vergangenen Donnerstag die Journalisten in den Raum 1228 des Abgeordnetenhauses neben dem Reichstag. Keine Zeitung, kein Sender fehlte. Nach zwei Tagen Schweigen meldete sich der Gesundheitsexperte der CSU wieder zurück zum Dienst. Krank war er nicht gewesen.

Ein Chefredakteur aus seiner Heimat in Bayern sei besorgt um seinen Gesundheitszustand gewesen, berichtet Seehofer mit leiser Stimme, zunächst noch etwas angespannt. Der hatte offenbar Seehofers beharrliche Weigerung, einer Privatisierung des Zahnersatzes zuzustimmen, partout nicht anders erklären können. „Meine Werte sind exzellent“, versichert der 53-jährige Sozialpolitiker nun den Journalisten. Er sei „uneingeschränkt arbeitsfähig“. In der Tat: Der hochgeschossene, schlanke Mann mit den silbergrauen Haaren sieht gesund aus. Er hat noch nicht einmal Ringe unter den Augen, trotz des Trubels.

Warum aber hat Seehofer die Union bloß so in die Bredouille gebracht? Ausgerechnet in dem Moment, als sie geschlossen mit einem Gegenkonzept auf die Vorschläge der Bundesregierung zur Gesundheitsreform reagieren wollte. War es so schwer, einer Privatpolice für Brücken und Kronen zuzustimmen, die gerade mal 7,50 Euro im Monat kosten soll? Oder zwölf Euro, je nachdem, wie man rechnet.

Seehofers Treiben zu erklären fällt Beobachtern in Berlin in diesen Tagen schwer. Denn Seehofers Motive sind vielfältig: Da gibt es komplizierte unionsinterne Machtspiele, einen tiefen fachlichen Konflikt zwischen der alten Garde der Sozialpolitiker und den jungen Marktliberalen, einen eigenbrötlerischen, aber ehrgeizigen Machtpolitiker Seehofer und nicht zuletzt – Landtagswahlen in Bayern.

Horst Seehofer, 1949 in Ingolstadt als Sohn eines Lastwagenfahrers geboren, arbeitete nach der mittleren Reife und einem Verwaltungsdiplom zunächst im Landratsamt Ingolstadt. 1971 trat er in die CSU ein, 1992 wurde er Gesundheitsminister, 1994 stellvertretender Parteivorsitzender. Er weiß genau, dass man mit dem Thema Gesundheit Wahlen verlieren kann. Nicht nur deswegen, aber auch deswegen hatte er 1998 mitsamt dem Kabinett Kohl abdanken müssen. Etwas Derartiges steht der CSU im September bei den bayerischen Landtagswahlen zwar keineswegs bevor. Aber Ministerpräsident Edmund Stoiber will ein Rekordergebnis erreichen. Da passt eine Privatisierung des Zahnersatzes nicht so gut ins Konzept. Das klingt nach „Zwei-Klassen-Medizin“. Danach, dass sich der Elektriker Alois Ederer nicht mehr die dritten Zähne leisten kann. Seehofer fordert stattdessen die Selbstbeteiligung: Die kostet den Ederer zwar das Dreifache, klingt aber harmloser. Riskierte Seehofer aus purem Populismus seinen Job?

Nicht nur. Er war sich seiner Sache zu sicher. Glaubte, dass CDU-Parteichefin Angela Merkel ihn wegen seiner Fachkompetenz und CSU-Chef Edmund Stoiber ihn für den Wahlkampf brauchen. Glaubte, dass er die CDU noch bremsen könnte. Zwei Tage vor der Festlegung der Union auf die Privatisierung des Zahnersatzes, kurz vor seinem Abtauchen, am Rande des Jahrestreffens des Arbeitnehmerflügels der CDU, redete Seehofer auf Merkel ein. Drei Köpfe größer als seine Fraktionschefin, dozierte er: „Der Stoiber macht da nicht mit.“ Merkel verzog die Lippen zu einem schmalen Strich, zupfte an ihrem schokobraunen Anzug, erwiderte „Doch!“ und rauschte davon. Sie sollte Recht behalten. Etwa 36 Stunden später war Stoiber, der bis dahin den Seehofer-Kurs gestützt hatte, eingeknickt. Seehofer hatte sich verzockt.

An jenem Samstagnachmittag aber glaubt Seehofer noch felsenfest an die Unterstützung seines Parteichefs. Unter lautem Beifall betritt er die Stadthalle von Bad Godesberg bei Bonn und verbreitet auf der Jahrestagung des Arbeitnehmerflügels der Union soziale Heimeligkeit. „Was gibt es Schöneres, als für den kleinen Mann einzustehen?“, ruft Seehofer den Anwesenden zu. Hier kann er sich noch stolz auf das „S“ im Namen der CSU berufen. Den Buchstaben, der für das Wörtchen „sozial“ steht.

Nur eine Dreiviertelstunde später kühlt die Temperatur spürbar ab, als CDU-Chefin Angela Merkel eingeflogen kommt. Mit Fraktionsbeschlüssen zum Kündigungsschutz schockt sie ihren Arbeitnehmerflügel. „Ich sehe schon. Horst Seehofer hat alle schwierigen Themen ausgespart. Aber ich bin ja auch die Vorsitzende“, verkündet sie.

Es ist nicht nur Populismus, der Seehofer antreibt. Zwei Tage zuvor, 623 Kilometer weiter im Osten: Horst Seehofer sitzt in Berlin in seinem aufgeräumten Abgeordnetenzimmer am Konferenztisch. Durch frisch geputzte Glasfenster, die bis zum Fußboden reichen, blickt er den Touristenbooten auf der Spree hinterher. „Ich verstehe diese Radikalreformer nicht“, sagt er. Und sehnt sich nach Bonner Zeiten zurück. Damals, als noch die alte Generation der Sozialpolitiker das Sagen hatte. Norbert Blüm, Rudolf Dreßler, Heiner Geißler, und wie sie alle hießen. Seehofer ist als Einziger übrig geblieben.

Er zeigt auf den leeren Stuhl, gegenüber am runden Tisch. Da hat vor einem Tag noch eine von diesen jungen Wirtschaftsliberalen aus seiner Fraktion gesessen, mit ihm gerungen, doch noch der Privatisierung des Zahnersatzes zuzustimmen. Der Einstieg in einen Systemwechsel, ein Testballon für die weitere Privatisierung von Leistungen. Für Seehofer nicht nur ein Kampf um 7,50 Euro, sondern ums Prinzip. Deshalb legte er sein Veto ein. Zog kalkuliert den Zorn und das Unverständnis der Parteispitze auf sich.

Systemveränderer, Ökonomiker, Fiskalisten, nennt er verächtlich diese Spezies von jüngeren Fraktionskollegen. „Die haben nur Zahlen und Beitragssätze im Kopf“, schimpft er. Er hingegen sei mit dem Herzen dabei. Seit seiner schweren Krankheit im Frühjahr 2002 sei er emotionaler geworden. Damals, um seinen 53. Geburtstag herum, hatte ihn eine verschleppte Herzmuskelentzündung beinahe das Leben gekostet. In letzter Sekunde wurde er auf die Intensivstation des Ingolstädter Klinikums eingewiesen. Noch heute erzählt Seehofer mit leuchtenden Augen die Krankengeschichte vom Otto-Normal-Patienten Seehofer, den Ärzte, Pfleger und Schwestern im Krankenhaus so gut behandelt haben.

Der geläuterte Patient scheint nach seiner Krankheit kompromissloser geworden zu sein. Landauf, landab verteufelt er das Privatisierungsprogramm der Union, wirbt stattdessen für die Bürgerversicherung. Eine grüne Idee, für die sich mittlerweile auch manch ein Sozialdemokrat erwärmt. Aber ganz sicher keine originäre CDU-Programmatik.

Gerade noch rechtzeitig, bevor die Parteispitze ihn hätte feuern müssen, kam aber doch der Machtmensch Seehofer zum Vorschein. Der Vollprofi mit 32 Jahren Politikerfahrung, der an seinem Job hängt und der immer noch Karriere machen will. Beim ersten großen Medienauftritt schlug Seehofer versöhnliche Töne an, redete von „Gesamtverantwortung“, räumte eine Mitschuld am Tohuwabohu in der Union ein. Damit Parteichefin Merkel ihr Gesicht wahren konnte, versprach er ihr schließlich am Sonntagabend, schön brav die CDU-Positionen in der Verhandlung mit der Bundesregierung zu vertreten. Danach bekam er ihren Segen.

Insgeheim hat er in den letzten Tagen damit kalkuliert. Während sich Kollegen aus CDU und CSU öffentlich über ihn aufregten, führte Seehofer bereits erste Gespräche mit Rot-Grün. Live ausgestrahlt, über das ZDF, in der Talkshow „Berlin Mitte“, traf Seehofer auf Gesundheitsministerin Ulla Schmidt und Grünen-Fraktionschefin Krista Sager. Nachdem die Scheinwerfer ausgegangen waren, setzte sich Seehofer im Fernsehstudio auf den roten Sessel direkt neben Ulla Schmidt und plauderte über die Gesundheitspolitik. Eine Dreiviertelstunde und zwei Mineralwasser später schüttelte er Sager zum Abschied die Hand: „Nach allem, was ich mit der Ulla Schmidt besprochen habe, bekommen wir das gemeinsam hin“, sagte Seehofer lächelnd und entschwand.

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