Zeitung Heute : Zahnpastatubenszenen einer Ehe

REIMZEIT „Das Beste aus meinem Liebesleben“: Axel Hacke liest, Ursula Mauder singt.

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Es war früher Abend. Ich hatte im Wohnzimmer eine Zeitung gelesen. Als ich fertig war, ging ich in die Küche. Paola hantierte herum. Ich sagte: „In dieser Zeitschrift hier haben sie einen witzigen Kolumnisten, er schreibt über nichts anderes als über Leute aus dieser Mode-, Star-, Produkt- und Konsumwelt, immer nur eine Seite, aber auf ganz besonders intelligente und ...“

„Und das findest du witzig?“, fragte Paola.

„Ich habe noch gar nicht gesagt, was ich sagen wollte“, sagte ich. „Ich habe doch nicht zu Ende gesprochen ...“

„Ach so“, sagte Paola und wischte die Arbeitsplatte der Küche.

„Das war klar erkenntlich, dass ich nicht zu Ende gesprochen hatte“, sagte ich.

Paola wischte weiter.

„Scheint dich sehr zu interessieren, was ich erzählen wollte“, sagte ich.

„Du erzählst es mir ja nicht.“ Sie drehte den Wasserhahn auf und säuberte den Wischlappen am Spülbecken.

„Eine Bitte“, sagte ich. „Darf ich eine Bitte äußern?“

„Natürlich, Süßer“, sagte sie.

„Wenn ich dir was erzählen will, hätte ich gerne, dass du mich nicht immer nach zwei Sätzen mit einer Frage unterbrichst. Das ist eine Angewohnheit von dir.“

„Darf ich auch eine Bitte ...?“, fragte Paola.

„Klar.“

„Ich hätte gerne, dass du nie mehr ’immer’ sagst und nie mehr ’nie’. Das sagst du nämlich immer. Immer wenn du etwas an mir kritisierst, sagst du, ich täte es ’immer’ oder ’nie’. Und das ist in Zukunft verboten, für immer.“

„Du sagst selbst immer ’immer’“, sagte ich. „Sogar jetzt, wenn du zu mir sagst, ich solle nie ’immer’ sagen, sagst du, ich würde immer ’immer’ sagen“, sagte ich.

Ich drehte mich um, öffnete den großen Schrank, der bei uns in der Küche steht, und nahm mir ein Weinglas. Hinter mir polterte etwas zu Boden.

„Was machst du denn wieder?“, sagte ich mit erhobener Stimme und drehte mich um.

Paola hatte den kleinen Hängeschrank über der Spüle geöffnet. Dabei war eine Plastikschüssel herausgefallen.

„Was soll das heißen: ’Was machst du denn wieder?’“, sagte sie frostig. „Gar nichts

mache ich wieder. Die Plastikschüssel ist herausgefallen, die du vorhin in den

Hängeschrank gestopft hast, obwohl kein

Platz mehr war.“

Sie suchte Platz für die Plastikschüssel.

„Du hattest mir versprochen, nie wieder ’Was machst du denn wieder?’ zu sagen. Schon gar nicht in dem Ton.“

„Kann mich gar nicht erinnern“, sagte ich, drehte mich um und verließ die Küche.

„Was machst du denn?“, rief sie.

„Ich fange von vorne an“, sagte ich, kehrte zurück und sagte: "In dieser Zeitschrift hier haben sie einen witzigen Kolumnisten ...“

Wenn die große Liebe und der kleinkarierte Alltag aufeinanderprallen, dann stellt sie schon mal die – vergebliche – Frage: „Fällt dir eigentlich gar nichts an mir auf?“ Er hingegen nervt mit maulfaulen „Öööööhs“ und „Hmmmms“. Ein aktualisierter Klassiker ist der Zahnpastatubenclinch. Gab es da früher Aufrollstreitigkeiten, hat das Ehepaar von heute mit einem Stellproblem zu kämpfen: Sind die Weichplastiktuben aufzustellen oder hinzulegen? Über derlei lustige Beziehungs- banalitäten hat Axel Hacke 39 Geschichten geschrieben, zusammengefasst im Buch „Das Beste aus meinem Liebesleben“ (Kunstmann Verlag), die zuweilen leise an Loriot erinnern. Es sind Streiflichter aus seiner „Parallelexistenz“ mit der geliebten Gegenspielerin names Paola. Im wahren Leben heißt sie Ursula Mauder und hat etwa zeitgleich das Album „The Love Diaries“ eingesungen. Weswegen sich das Ehepaar Hacke/Mauder zu einer gemeinsamen literarisch-musikalischen CD nebst Tournee entschloss. Deutlich harmonischer als in den Erzählungen hören sich beide auf der Bühne gegenseitig zu – er ihr beim swingenden Singen, sie ihm beim Lesen beinahe wahrer Satiren wie der nebenstehend auszugsweise abgedruckten. Wobei spontane Kostproben aus Hacke-Klassikern wie der Liedtextverhör- sammlung „Der weiße Neger Wumbaba“ nicht auszuschließen sind. eNTe

Schlossparktheater

28.1., 20 Uhr

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