Zeitung Heute : Zank und Zoff mit Happy End

Mediatoren wollen zu Konfliktlösungen ohne Verlierer beitragen. Ihr Argument: Eine außergerichtliche Einigung spart Zeit und Geld

Regina-C. Henkel

Sind die Deutschen ein friedliches Volk? In den Betrieben und auch im Privaten wohl eher nicht. Geschäftspartner zoffen sich, Kollegen tragen untereinander Zank und Streit aus und nach der Arbeit geht´s zuhause mit dem Ehepartner weiter. Rund 1,9 Millionen Mal pro Jahr schalten unverbesserliche Streithähne ein Zivilgericht ein, fast 600 000 Mal ein Familiengericht. Ein teurer Spaß. Der Volksmund sagt nicht zu unrecht „Wenn Zwei sich streiten, freut sich der Dritte“: In den ersten beiden Instanzen eines Gerichtsverfahrens fallen bei einem Streitwert von einer Million Euro – und die sind im Geschäftsleben schnell erreicht – fast 100 000 Euro Verfahrenskosten an. Beim Schiedsgericht wird’s etwas preiswerter – und auch etwas schneller als bei den überlasteten Amts- und Landgerichten. Doch das alles muss nicht sein. Der neue Patentrezept heißt Konsens.

Seit etwa zehn Jahren entwickelt sich in Deutschland ein neuer Berufszweig, der Konflikte ohne Justitia lösen will: die Mediation. Wieviele Juristen, Kommunikationswissenschaftler, Psychologen, Ökonomen, Theologen, Pädagogen und auch Nicht-Akademiker mittlerweile die Zusatzbezeichnung „Mediator“ auf ihren Visitenkarten verwenden, ist nicht bekannt – der Titel ist nicht geschützt.

Unübersehbar ist aber: Die Wirtschaft interessiert sich zunehmend für Mediation. Der Steinbeis-Verbund beispielsweise, zu dem sich 500 Unternehmen in mehr als 40 Ländern zusammengeschlossen haben, bietet inzwischen selbst Trainings an. Ganz nach dem Stiftungs-Motto „Innovationen vorantreiben, Impulse geben, Ideen umsetzen“ heißt es bei Steinbeis: „Die Vorteile überzeugen“. Mediation bedeute, den Blick in die Zukunft zu richten, um Konsens zu ringen, statt ums Recht zu streiten. Ziel sei: „Lösungen ohne Verlierer zu finden“. Als Garanten dieser hoch gesteckten Erwartung nennt das „Steinbeis-Transferzentrum Mediation und Verhandlungsmanagement“ Prinzipien, die auch die meisten anderen Anbieter zitieren.

Freiwilligkeit. Jeder Konfliktpartner behält die Kontrolle über Inhalt und Ausgang des Prozesses.

Zeitliche Flexibilität. Der Verfahrensablauf kann selbst gestaltet werden.

Vertraulichkeit. Die Öffentlichkeit bleibt außen vor. An den Gesprächen nehmen nur die Streitparteien und der Mediator teil.

Win-Win-Strategie. Die gemeinsam erarbeitete Lösung wird den Bedürfnissen beider Konfliktpartner gerecht.

Happy End. Der geklärte Konflikt ermöglicht die weitere Zusammenarbeit, da kein Beteiligter sein Gesicht verloren hat.

Ob Unternehmenskrise oder Firmenfusion, Erbschaftszwist oder Scheidung, Mietstreit oder Nachbarschaftskonflikt: Nach Überzeugung ihrer Anbieter eignet sich Mediation „überall dort, wo Beziehungen betroffen sind, die fortbestehen sollen“. Wichtig ist den Protagonisten der – vor rund 30 Jahren von amerikanischen Quäkern entwickelten – Methodik, dass ein vierteiliges Phasenmodell eingehalten wird. Zuvor verpflichten sich die Streitparteien, zwei Grundregeln zuverlässig einzuhalten: Ausreden lassen und Achtung vor dem Anderen.

Phase1: Bei der Problem-Definition schildern beide Parteien den Konflikt aus ihrer Sicht. Der Mediator hört zu und übersetzt das Gesagte in das Gemeinte.

Phase 2: Bei der Problem-Erhellung werden die Interessen und Bedürfnisse hinter den Positionen der Streitenden erarbeitet.

Phase 3: Da sich die Konfliktparteien nun – auch gegenseitig – verstanden fühlen, können sie jetzt stressfrei, konstruktiv und kreativ gemeinsam zu einer Lösung kommen.

Phase 4: Aus dem Konsens wird eine tragfähige Vereinbarung für die Zukunft.

Mediatoren haben die Wahl unter mehreren Berufsverbänden. Allein der Bundesverband Mediation zählt heute fast 900 Mitglieder. Und die Zahlen steigen – auch bei den anderen Zusammenschlüssen. Bei manchem eröffnet bereits die Überweisung eines bescheidenen Mitgliedsbeitrags die Möglichkeit, sich als Angehöriger der Mediatoren-Zunft zu bezeichnen, andere Verbände bestehen auf dem Nachweis fachlicher Voraussetzungen. Rolf Herzog vom Europäischen Mediatoren– und Beraterinstitut in Bremen unterstützt das: „Eine Grundausbildung von 200 Stunden ist internationaler Standard. Wer die bei einem guten Ausbilder absolviert hat, verfügt über ein solides Fundament, das er auf viele Anwendungsbereiche erweitern kann.“ Etwa dort, wo der Mediator bereits Vorbildung besitzt. Herzog bringt 20 Jahre Erfahrung als Sozialpädagoge und Kriminologe in seine Arbeit ein. Und Juan Carlos Vetulla, mit dem er ein deutsch-südamerikanisches Netzwerk gegründet hat, ist Diplom-Soziolge und Professor für Psychologie.

Diese Doppel-Qualifikation nutzt dem Präsidenten des Instituto de Mediação e Arbitragem do Brasil ( www.imab-br.org ) bei der Arbeit im transkontinentalen Netzwerk ganz besonders. Er sagt: „In der internationalen Wirtschaft sind schnelle und effektive Konfliktlösungen gefragt. Mediation weltweit vergleichbar und anerkannt. Das ist gut so, denn beispielsweise ist die Zuverlässigkeit der Gerichte in Südamerika eine andere als in Deutschland und die Gesetze ändern sich häufig.“ Weil Zeit bei Konflikten der entscheidende Faktor sei. erweise sich ein Partner im Land des Geschäftspartners als zunehmend wichtig. Vezulla ist davon überzeugt: „Mediation hinterlässt nur Gewinner.“

Ganz sicher zu den Gewinnern gehören die vielen Weiterbildungsinstitute, die inzwischen Mediations-Kurse auf ihren Lehrplan geschrieben haben – und dafür mitunter happige Gebühren verlangen. Vielfach sicherlich zu Recht, denn das Unterrichtspensum ist umfangreich. Doch wer sich neben- oder auch hauptberuflich als Mediator engagieren will, hat auch an Fachhochschulen und Unis die Möglichkeit zur Weiterbildung. Die Ruhruniversität Bochum etwa bietet Fach- und Führungskräften ein zweijähriges „Weiterbildendes Studium Mediation“ an, ein gleichlautendes Angebot der Fernuni Hagen ist ebenfalls berufsbegleitend, dauert zwei Semester und steht „Angehörigen sämtlicher Berufsgruppen und Fachrichtungen offen“.

Bleibt die Frage, ob Mediation eher zur Psychologie oder zur Juristerei gehört. Der Verband Deutscher Psychologinnen und Psychologen ist sicher: „Mediation ist zwar interdisziplinär angelegt, aber Mediation selbst ist eine genuin psychologische Tätigkeit.“ Für die Arbeitsgruppe Mediation der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) gehört Mediation „klar zum Berufsbild eines Anwalts“. Aus „berufsethischer Sicht“ werden nahe gelegt: einführende Tageskurse, drei- bis fünftägige Grundlagenseminare und für die Arbeit als Mediator ein Training mit etwa 200 Stunden und vier supervidierten Fällen.

Das Pauken kann sich lohnen: Nach der Honorarliste der Gesellschaft für Wirtschaftsmediation und Konfliktmanagement können Mediatoren pro Stunde bis zu 300 Euro und als Tagessatz bis zu 2250 Euro verlangen – zuzüglich Umsatzsteuer und Auslagen.

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