Zeitung Heute : Zankapfel

Der Kunsthändler Volker Westphal bringt ein Gemälde von Lovis Corinth mit zur Ars Nobilis

Es ist blanke Gier, ein Liebesakt mit den Augen und im Geiste, der sich anbahnt zwischen der Liebesgöttin und dem verstoßenen Königssohn. Die Zuschauer – gleich, ob im Bild oder davor – werden zu Voyeuren.

Ein Sterblicher soll entscheiden, wer die schönste Göttin ist. Das Urteil des Paris ist eine der provokantesten Episoden der griechischen Mythologie. Und, von Sandro Botticelli bis Markus Lüpertz, Lieblingsthema der Künstler, wenn es um Frauenschönheit, Lustgewinn und Leidenschaft geht. Lovis Corinth (1858-1925) malte sein Parisurteil 1920. Nun zeigt der Berliner Kunsthändler Volker Westphal das 69 auf 72 Zentimeter große Ölgemälde auf Holz auf der 11. Ars Nobilis – passend zum Thema der diesjährigen Sonderpräsentation im Rahmen der Antiquitätenmesse: „Kunst voller Liebe – Liebe voller Kunst“.

Corinths „Urteil des Paris“ ist ein museumswürdiges Bild, in Berlin entstanden, mit interessanter Provenienz. Ein richtiger Hingucker. Die dargestellte Geschichte: Eris, Göttin der Zwietracht, hat einen goldenen Apfel unter die Olympier geschleudert. „Der Schönsten“ ist darauf zu lesen und damit der sprichwörtliche Zankapfel erfunden, denn Göttermutter Hera, Athene, Göttin der Weisheit, und die Liebesgöttin Aphrodite beanspruchen ihn jeweils für sich. Der Provinz-Womanizer Paris, von Zeus als Schiedsrichter bestimmt, bekommt von den drei Damen bestechende Angebote – und entscheidet mit dem Unterleib. Aphrodite soll ihm als Dank die schönste Frau der Welt zuführen. Nur dumm, dass Helena bereits verheiratet ist. Das dicke Ende wird dank Homers „Ilias“ zu Weltliteratur: der Trojanische Krieg.

Der Maler-Berserker Lovis Corinth, mit seiner Schülerin Charlotte Berend-Corinth verheiratet, wusste, wovon er malte. Sexualität, Fetisch und Geschlechterkrieg gehörten zeitlebens zu den Triebfedern seiner Kunst. Mit salonschwüler Fin-de-Siècle-Erotik haben die Darstellungen biblischer und antiker Mythen, die in Corinths Spätwerk breiten Raum einnehmen, allerdings wenig gemein. Stattdessen: viel nacktes, gegenwärtiges, pulsierendes Fleisch, das den Todeskeim schon in sich trägt. Weder Liebermann noch Slevogt, die beiden anderen deutschen Malerhelden der Jahrhundertwende, haben das so auf den Punkt gebracht. Dazu blieben ihre Bilder oft zu konventionell, zu bürgerlich-repräsentativ. Corinth dagegen, der im tiefen Ostpreußen aufgewachsene Kleinbürgersohn, wusste um die Macht von Obsessionen als Motor und Gefahr jeder Menschlichkeit. Dieser Maler war zugleich Karikaturist und Moralist. Als Schwellenkünstler zur Moderne hat man ihn endlich vor zwei Jahren in einer umfassenden Retrospektive in Paris, Leipzig und Regensburg gefeiert.

Einfach großartig, wie er Aphrodite sich entblößen und dabei verbergen lässt. Wie es Paris vor lauter Geilheit aus dem weit geöffneten Mund tropft. In knalligem Violett spreizt sich im Bildvordergrund ein Pfau, Heras Attribut. Der große Hirtenhund des Paris hingegen ist nur als Silhouette vor giftigem Grün erkennbar. Corinth hat dieses Meisterwerk der Doppeldeutigkeit übrigens dem dreißig Jahre jüngeren Berliner Malerfreund Franz Heckendorf – von dem Westphal ein spätes Stillleben von 1949 zeigt – zur Hochzeit gewidmet. Hund und Pfau in Corinths Bild sind zugleich Symbole für Treue und Laster. Was für eine Zumutung, nicht nur für jung Verheiratete.

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