Zeitung Heute : Zartes Heimweh

Eine Liebeserklärung an die Zeitung

Malin Schwerdtfeger

Mein erstes richtiges Buch las ich als Fortsetzungsroman in den „Bremer Nachrichten“ – Utta Danella in kleinen Dosen. Ich war acht, und der Zeitungsroman war nicht nur mein größter Luxus, sondern auch mein größtes Geheimnis: Eine Enthüllung hätte mich jederzeit als verdorbenes Subjekt bloßstellen können, denn jede Nacht wälzte sich die Zeitungsheldin in einem anderen Bett, und jeden Morgen wachte sie neben einem anderen Mann auf. Ich wiederum schlief jeden Abend voller Vorfreude auf das sündhafte Erwachen meiner Heldin ein. Die Zeitungen hob ich heimlich auf, wie eine Kostbarkeit, damit ich den Roman wieder und wieder lesen konnte. Und deshalb verfüge ich noch heute über eine komplette Chronik der Ereignisse des Sommers 1981, schwer vergilbt, in einer Kiste im Keller.

Bis heute werfe ich ungern Zeitungen weg. Schließlich ist jede Zeitung ein einmaliger Sezierschnitt durch einen Tag, noch dazu ein Schnitt, den man selbst führen kann. Denn eine Zeitung kann man sich zurechtfalten. Man kann sie von hinten nach vorne lesen oder von innen nach außen, in zehn Minuten wegblättern oder zwei Tage lang durchwühlen.

In asketischen, abonnementlosen Zeiten kaufte ich immer eine Zeitung an besonderen Tagen, an Tagen, die es aus irgendeinem Grund wert waren, konserviert zu werden. Doch seit einem Jahr liegt wieder jeden Morgen auf meiner Türschwelle eine Zeitung. Den Fernseher habe ich abgeschafft. Denn ist es nicht der größte Luxus, Dinge erzählt zu bekommen, anstatt sie selbst mitansehen zu müssen?

Es ist auch viel aufregender! Die größte Hilflosigkeit des Fernsehens offenbart sich ja im dauernden, ritualisierten Dabeisein, der ständigen Live-vor-Ort-Langeweile. „Vor Ort“ heißt nichts anderes als: so mittendrin, dass man eigentlich nichts mehr sieht. Wie oft hat man schon hilflosen zugeschalteten Fernsehreportern zugeschaut, bei denen leider gerade „live vor Ort“ nichts passierte, so sehr sie auch an dem Knopf in ihrem Ohr herumnestelten? „Live-vor-Ort“-Schreiben allerdings ist so ziemlich unmöglich. Wer schreibt, braucht Distanz, einen Abstand vom Geschehen, der nichts mit Kälte zu tun hat, sondern damit, dem Geschehen Raum zu geben. Auch ein Buch zu schreiben, fordert den Kraftakt der Distanz zu etwas, das dem Schriftsteller eigentlich sehr nah ist, nämlich seinem Thema, seinen Figuren, seiner Geschichte.

Die Zeitung war immer ein Medium der Schriftsteller. Die Kurzgeschichten Tschechows zum Beispiel – auch ein Meister der Balance zwischen Distanz und Nähe – verdanken wir unter anderem der Tatsache, dass er regelmäßig die Moskauer Zeitung beliefern musste. Die größten Autoren lebten nach dem Rhythmus der Erscheinungstermine einer Zeitung. Weil sie für sie schreiben, aber auch, weil eine Zeitung den Tag strukturiert. Zeitung ist mobile Heimat im Exil oder auf Reisen, unterm Arm zu tragende Identität. Und welcher Berliner kennt nicht die seltsame Sehnsucht, die einen überfällt, wenn man in der Fremde einen Tagesspiegel entdeckt? Die komische Ehrfurcht, mit der man die vertraute Zeitung kauft und in einem Café unter lauter Fremden jede Zeile liest, selbst wenn sie von gestern ist? Ebenso sehnsüchtig haben Somerset Maughams Südseehelden vor siebzig Jahren im englischen Club auf Borneo die neueste Ausgabe der London Times erwartet, die dann allerdings meist sechs Wochen alt war, um sie mit zartem Heimweh auseinander zu falten. Der berühmte Spruch, nichts sei so alt wie eine Zeitung von gestern, ist kompletter Unsinn. Denn eine Zeitung wird niemals alt. Und wenn sie noch so oft Jubiläum feiert.

Von Malin Schwerdtfeger ist zuletzt der Roman „Delphi“ erschienen.

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