Zeitung Heute : Zauber der Lüfte: Ausnahmslos alle Fluggesellschaften umwerben Piloten

Grit Thönnissen

Fliegen zu können wünscht sich fast jeder mal - aber Pilot zu werden, bedeutet Handwerk und Technik. Wenn das irgendwo deutlich wird, dann weniger auf Events wie der Internationalen Luftfahrtausstellung (ILA). Dafür aber umso mehr bei einem Besuch der Deutschen Verkehrsfliegerschule - in Schönefeld. Das könnte schon eine Enttäuschung sein: Keine kernigen Kerle in abgewetzten Lederjacken, die von ihren Abenteuern schwärmen, kein Geruch von Kerosin, der in die Nase steigt. Stattdessen ein nüchternes Bürogebäude mit Schule. In einem kleinen Klassenraum sind sechs Männer über Kartenmaterial gebeugt. Das gesamte Ambiente wirkt nüchtern und sehr abstrakt. "Einige kommen und denken, hier steht eine Boeing 737 bereit", berichtet Ausbildungleiter Theodor Konertz. Ganz so einfach ist das Fliegenlernen nun doch nicht. Die Ausbildung ist zeitintensiv und nur mit viel Eigenintative zu schaffen. Neben den wöchentlich etwa dreißig Stunden Theorie und Praxis muss am heimischen Schreibtisch viel nach- und vorbereitet werden. Und bevor die Piloten in spe in den Genuss dieses Stresses kommen, müssen sie erst einmal vor Experten beweisen, dass sie in Englisch, Physik und Mathematik firm sind. Auch die körperliche Fitness wird geprüft. Ebenso auf der Checkliste steht die finanzielle Sicherheit. Die Schule will auf einem Attest eines unabhängigen Geldinstituts lesen, dass der Aspirant die Ausbildung auch finanziell durchstehen kann. Bei einer Lehrgangsgebühr von über 100 000 Mark ist es für junge Leute nicht leicht, die Planungsübersicht zu behalten. Wer wegen finanzieller Ebbe zwischendurch jobben muss, riskiert seinen gesamten Einsatz. Innerhalb von drei Jahren muss die Prüfung erfolgreich absolviert sein.

Der Lehrplan ist komplex. Man kann eine durchgehende zweijährige oder eine in einzelne Abschnitte aufgeteilte Ausbildung wählen. Im theoretischen Teil des Trainings, der 700 Unterrichtsstunden umfasst, geht es zum Beispiel um Aerodynamik, um Beladung und Schwerpunkt, um Elektrotechnik und um Flugzeugkunde. Drei Abschnitte sind zu absolvieren: theoretische Ausbildung bis zum Pilotenschein, bis zur Instrumentenflugberechtigung und schließlich bis zum Verkehrsflugzeugführer. Die praktische Ausbildung: sechs Stunden Nachtflug, 20 Stunden als Zwei-Mann-Flugbesatzung oder 30 Stunden am Instrumenten-Übungsgerät.

Die DVH-Absolventen werden gebraucht. In Deutschland klagen sämtliche Fluggesellschaften über Personalmangel für das Cockpit. Die Lufthansa zum Beispiel betreibt bei Bremen eine Schule, die Ausbildungs-Kapazität reicht aber nicht einmal für den eigenen Nachwuchs. Bei der Kranichlinie bekommen die Schüler die Ausbildungskosten von 80 000 Mark als Darlehen. Das Auswahlverfahren ist ungleich härter als in Schönefeld. Einen Job findet jeder Absolvent - gleichgültig ob er in Schönefeld, Bremen oder in der Wüste von Arizona gelernt hat. Aus Sicherheitsgründen werden Piloten ein Mal im Jahr gesundheitlich gecheckt. Wer vorher schon Mal üben will, kann am heimischen Computer trainieren. Eine Demoversion zum Pilotentest gibt es unter www.pilotentest.de.

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