Zeitung Heute : Zauberhaftes Marrakesch

Die geheimnisvolle südmarrokanische Wüstenstadt boomt wie kein anderer Ort in Afrika

Bettina Winterfeld

Sind es die geheimnisvollen, rot glühenden Mauern? Dieses verwaschene wilde Rosa, die in sämtlichen Purpurtönen verputzten Lehmwände, die den Zauber von Marrakesch ausmachen? Oder die alle Sinne betörenden Düfte des Orients? Der Geruch nach Rosen, Zimt, Nelken und Weihrauch in den Souks? Die unter die Haut gehenden afrikanischen Trommeln, die lockenden Flöten der Schlangenbeschwörer auf dem Jama al Fna?

Kein Zweifel, die Magie von Marrakesch hat viele Facetten. Vermutlich ebenso so viele wie die 1001 Geschichten, mit denen die fabulierfreudige Scheherezade im Märchen den unterhaltungshungrigen König bei Laune hält und so ihr Leben rettet. Auf jeden Fall genug, um die südmarrokanische Wüstenstadt zu einem der derzeit angesagtesten Hotspots der gehobenen Globetrotter-Szene und des internationalen Jet Set zu machen. Der einstige Karawanenknotenpunkt am Rande des Atlasgebirges boomt wie kein anderer Ort in Afrika. In Paris, Brüssel und mittlerweile sogar Manhattan verabredet man sich inzwischen immer öfter zum Wochenend-Kurztrip nach Marrakesch, um etwa im Pacha, einem der neuen, im Kasbah-Stil gebauten Clubs der Neustadt ins orientalisch inspirierte Nachtleben abzutauchen. Moderne arabische Rhythmen wie Rai, Châabi Reggae und Magreb-Fusion stehen nicht nur bei den jungen Marokkanern hoch im Kurs. Viele elegante Restaurants haben in den letzten Jahren eröffnet, in denen zur Fusion-Küche auch das entsprechende Ambiente geboten wird. In stilvollen Altstadt-Palästen ebenso wie in neuen, vom Baustil der Berberfürsten beeinflussten minimalistisch-modernen Sandburgen außerhalb der roten Stadtmauern.

Immer mehr Ausländer lassen sich sogar dauerhaft in Marrakesch nieder. Tausende von Franzosen, Belgiern, Schweizern und Deutschen haben sich in der zinnenbewehrten Medina schon einen Riad, ein mehrstöckiges Altstadthaus mit prächtig gekacheltem Patio und plätscherndem Springbrunnen gekauft, renoviert und neu ausgestattet. Schließlich sind Marrokos Kunsthandwerker berühmt für ihre Talente und die ausgedehnten Souks – der größte Bazar des Landes – eine unerschöpfliche Fundgrube für intarsierte Holztische, dekorative Glasleuchter und farbenprächtige, orientalische Diwane.

Als einer der ersten prominenten Ausländer ließ sich in den achtziger Jahren der französische Modeschöpfer Yves Saint Laurent in Marrakesch nieder. Der Designer kaufte in der lachsfarbenen Nouvelle Ville das kobaltblaue Atelier und den Sukkulentengarten des französischen Malers Majorelle und öffnete die exquisite Anlage als Museum für die Öffentlichkeit. Ihm folgte alsbald die Pariser Schickeria, für die der dreistündige Flug nur ein Katzensprung und die Sprachbarriere gleich Null ist.

Viele Franzosen vermieten ihre elegant ausgestatteten Altstadthäuser als exklusive Bed & Breakfast. Wer heute offenen Auges durch die pittoreske, von der Unesco als Weltkulturerbe geschützte Medina mit ihrem Labyrinth enger, verwinkelter Gassen und schattiger Durchgänge streift, sieht an allen Ecken und Enden, wie alte Riads – oft nur notdürftig abgesichert – mit einfachsten Mitteln und ohne Einsatz von Maschinen saniert werden.

Die Neuankömmlinge schätzen das exotische Ambiente, die hispano-arabische Architektur mit ihren Mosaiken, den verschwiegenen Innenhöfen mit den schon im Januar blühenden Orangenbäumen. Sie genießen das trockene, sonnige Wüstenklima, das von den einstigen französischen Kolonialherren inspirierte Laissez-faire und die für Marrakesch typische Mischung aus Orient und Okzident. Und natürlich profitieren sie auch von den – noch – vergleichsweise günstigen Preisen.

Für die einheimischen Stadtbewohner ist dieser Boom ein zweischneidiges Schwert. Wer selbst ein Haus in der Medina besitzt, ist fein heraus. Ihm werden mittlerweile märchenhafte Preise für die äußerst begehrten Riads geboten. Kein Wunder, dass immer mehr Marrakschis die Häuser verkaufen, in denen sie aufgewachsen sind, um sich in der Neustadt ein größeres, modernes Appartement zu bauen. Andere, weniger privilegierte Stadtbewohner leiden unter den gestiegenen Preisen und beklagen den Ausverkauf ihrer Heimatstadt.

Eines der glamourösesten Highlights im reichen Festival-Kalender der alten Königsstadt ist seit kurzem das Internationale Filmfest, das jährlich im November die internationale Filmszene herbeilockt. Wo früher Sklaven, Salz und Gewürze umgeschlagen wurden, werden jetzt rote Teppiche über den Wüstensand gerollt, Branchennews ausgetauscht und Filmpreise vergeben. Und ausnahmslos alle Gäste und Teilnehmer – Regisseure, Schauspieler, Produzenten und Zuschauer – zeigen sich begeistert von der exotischen und zugleich kosmopolitischen Atmosphäre. Im vergangenen Jahr gehörten auch Hollywoodgrößen wie der US-Regisseur Martin Scorsese und die Schauspielerin Monica Belushi zu den Ehrengästen des Festivals.

Als Filmdestination ist Marrakesch seit einiger Zeit kräftig im Aufwind. Nachdem Scorsese in den neunziger Jahren seine Dalai-Lama-Biografie „Kundun“ in den weiter südlich gelegenen Filmstudios von Quarzazate drehte, fanden auch Oliver Stone und andere internationale Regisseure Geschmack an der südmarokkanischen Filmkulisse mit den schneebedeckten Gipfeln des Hohen Atlas, den samtigen Saharadünen und der klaren Luft. Dem Vernehmen nach sollen bald auch in Marrakesch Studios eröffnet werden.

Den Schauspielerpreis des Filmfestivals 2005 nahm der Hollywoodstar Daniel Day-Lewis entgegen. Auch der groß gewachsene, schlacksige Engländer war von Marrakesch sichtlich angetan. Bei der Abschlussfeier bedankte er sich in einem erstaunlich flüssigen und fast akzentfreien Französisch für „die überwältigende Großzügigkeit und legendäre Gastfreundschaft“ der Marrakschis.

Ob auch Daniel Day-Lewis demnächst einen Makler beauftragen wird? Er wäre in guter Gesellschaft: Neben dem britischen Top-Modell Naomi Campbell, das schon ihre New Yorker Wohnung mit handgeknüpften Berberteppichen aus dem Atlasgebirge, fein ziselierten Messingtabletts und islamischen Kalligrafien dekorierte, leben auch Madonna, Mick Jagger, Isabelle Adjani und Jean-Pierre Cartier bereits in Marrakesch. Und kürzlich soll sogar Hollywoods Vorzeigepaar Brad Pitt und Angelina Jolie hier einen orientalischen Märchenpalast bezogen haben. Viele reiche Ausländer lassen sich mittlerweile in der Palmerai nieder, einem neuen, grünen und sehr exklusiven Stadtviertel. Dort können sie größere Häuser bauen und ausgedehntere Gärten anlegen als in der engen Medina, in der bald sowieso kaum ein Riad mehr zum Verkauf stehen dürfte. Seinen Namen verdankt das Quartier den 200 000 Palmen, die hier in den Himmel über der Wüste ragen.

Zur Zeit sehen die meisten Bäume allerdings sehr mitgenommen aus, da sie von einer Palmenkrankheit befallen sind. So wirken auch die Dromedare, die als potenzielle Fotomodelle zwischen den Stämmen posieren, nicht ganz so glamourös wie sonst. Ihre Besitzer lagern im Schatten auf Matratzen und warten auf vorbeikommende Touristenbusse und ein großzügiges Bakschisch.

Auch weniger gut betuchte Quartiere dehnen sich rasch aus. Mit 1,2 Millionen Einwohnern ist Marrakesch nach Casablanca die größte und am schnellsten wachsende Stadt Marokkos. Kilometerweit und in alle Himmelsrichtungen ragen die Baukräne in den Himmel, überall werden neue Siedlungen gebaut und breite Straßen im Schachbrettmuster angelegt. Tausende von Wohnungen sind derzeit im Bau. Anders als anderswo orientieren sich auch die unisono geschmackvollen Neubauten am herkö mmlischen Baustil. Hässliche, rasch und lieblos hoch gezogene Betonsilos wird man in Marrakesch hoffentlich auch in Zukunft kaum finden. Inschallah.

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