Zeitung Heute : ZDF-Kommissarin vom Dienst suspendiert

Andrea Kaiser

Hannelore Hoger ist ungehalten. Schon acht Folgen der Krimireihe "Bella Block" sind abgedreht, doch erst fünf waren im ZDF zu sehen. "Alle eineinhalb Jahre eine zu senden, ist ein bisschen wenig", ärgert sich die resolute Schauspielerin über den nachlässigen Umgang des Senders mit der von ihr verkörperten Krimi-Heldin. Ganz so viel Zeit wird seit November 1998 zwar nicht vergangen sein, bis das Zweite die siebte Folge seiner vielgelobten Reihe Anfang 2000 zeigt. Doch eigentlich hätte sich auch der für Fernsehspiele zuständige stellvertretende Programmdirektor Hans Janke "zwei Filme pro Jahr gewünscht". Kein Problem, sollte man meinen. Schließlich wurde Folge sieben der Presse schon Anfang Oktober vorgeführt, während Nummer sechs mit dem Titel "Geflüsterte Morde" sogar bereits im Juni auf dem Münchner Filmfest zu sehen war.

Doch das ZDF wird diese Episode auch bis auf weiteres nicht bringen. Als zu düster, zu heikel für eine Ausstrahlung um 20 Uhr 15 habe Fernsehspielchef Janke den Film intern eingestuft, so ZDF-Redakteur Pit Rampelt. Leichte Kost ist der faszinierend fotografierte und von Christian Görlitz beklemmend inszenierte Film tatsächlich nicht: Er handelt im sadistisch-sodomitischen Milieu. Stefan Kurt verkörpert einen transvestitischen Sänger und Prostituierten von berückend-androgyner Schönheit. Aus verzweifelter Liebe zu ihm verliert ein verstörter Rattenzüchter (Ben Becker) den letzten Halt. Janke will der besonderen "Delikatesse" des Films und seiner "Gewaltästhetik" Rechung tragen, indem er ihn - eines ungewissen Tages - erst nach 21 Uhr im ZDF zeigt. Vorab soll der Film auf Arte laufen.

Dass der nach hinten verschobene Sendeplatz etwas mit den heftigen Zuschauerprotesten wegen Gewalttätigkeit während der letzten neuen Bella-Folge im vergangenen Jahr zu tun habe, bestreitet Janke vehement. Da bestehe "kein Zusammenhang". Die "optimale Platzierung" findet der Fernsehspielchef wichtiger, als der TV-Kriminalistin regelmäßig einen neuen Fall zuzuteilen. Auf Grund der hohen "Binnenkonkurrenz" am Samstagabend habe sich deshalb noch kein Termin finden lassen. Auch wolle er "Bella Block nicht durch Karl Moik mit seinem Musikantenstadl in Japan" oder ähnliche Publikumsrenner auf anderen Sendern "zertrümmert sehen". Quotenmäßig habe man sich mit Wiederholungen schließlich erfolgreich über das Jahr 1999 "hinweggemogelt", so wird argumentiert.

Bella-Block-Fans, die am 23. Oktober schon zum zweiten Mal nur den Schnee der letzten Jahre zu sehen bekamen, dürften von solcher "Mogelei" gar nicht begeistert sein. Da es allmählich gilt, Schaden von der Prestige-Reihe abzuwenden, ist umso ärgerlicher, dass dem ZDF zusätzlich ein Fehler in der Programmplanung für November unterlief. Nun setzt auch Folge sieben ("Abschied im Licht") den ersten Staub an. Weil man eine Benefiz-Sendung übersehen habe, heißt es aus Mainz, musste man auch diesen weit weniger brisanten Krimi zum Thema Sterbehilfe ins nächste Jahrtausend verschieben. So hat die streitbare Kommissarin Bella Block nach über einem Jahr unverschuldeter Suspension vom Fernsehdienst demnächst umso mehr zu tun.

Anfang Januar des nächsten Jahres erscheint im Zweiten der Krimi mit dem dubiosen Sterbehelfer, für Ende des Monats plant Arte die Erstausstrahlung der vom ZDF ausgelassenen Transvestiten-Folge. Womöglich schon im März geht es im Zweiten dann mit dem nächsten Fall weiter. Doch auch dort will man die "Geflüsterten Morde" noch aufklären. Im Herbst 2000 - vielleicht.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar