ZDF-Streit : Wer ist Nikolaus Brender?

Er ist streitlustig, aber selbstkritisch. Das Aktuelle liegt ihm, nicht die große Strategie. Trotzdem wollte er das ZDF moderner machen. Jetzt droht ihm das Aus.

Bernd Gäbler
Nikolaus Brender
Nikolaus Brender -Foto: dpa

WARUM IST BRENDER SO UMSTRITTEN?



Nikolaus Brender raucht und trägt Schnauzer. Er beugt sich nicht dem Zeitgeist. Beim ZDF trat der Workaholic mit dem Ziel an, aus der Anstalt einen modernen Sender mit einer mobilen Einsatztruppe von Topjournalisten zu machen. Eher als die föderale ARD liegt ihm ein zentraler Apparat. Er kann durchgreifen. Das geht nicht, ohne mit Gewohnheiten zu brechen, Leuten auf den Schlips zu treten. Streit geht er nicht aus dem Weg – auch mit den Großen im ZDF nicht. Brender hat Kerners Ambitionen, politischen Journalismus zu machen, gestoppt. Stattdessen musste das Gesicht des ZDF sogar die Fußball-Roboter-WM moderieren, was ihm nicht die gewohnt hohe Einschaltquote bescherte. Und auch mit Moderatorin Maybrit Illner streitet er, wenn sie zu oft Einzelinterviews in ihrer Sendung führen will.

Doch nun steht Brender selbst im Mittelpunkt eines Streits. Genau den gibt es um seine Person und vor allem seinen Posten. Sein Vertrag läuft bis 2010, der Verwaltungsrat des öffentlich-rechtlichen Senders sollte eigentlich am 27. März über seine Zukunft entscheiden. Doch ZDF-Intendant Markus Schächter hat nach der jüngsten Sitzung des Fernsehrates angekündigt, die Entscheidung zu vertagen. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident und Vorsitzende des Verwaltungsrats Kurt Beck (SPD) rechnet mit einer Entscheidung laut „Focus“-Interview sogar erst nach der Bundestagswahl am 27. September. Die Zusammensetzung der ZDF-Gremien könnte sich durch drei vorherige Landtagswahlen verändern. Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU), stellvertretender Vorsitzender des Verwaltungsrats, hatte sich gegen eine weitere Verpflichtung Brenders ausgesprochen. Dies führte zu viel Kritik und der Frage, inwieweit sich Politik in die Angelegenheiten des Senders einmischen darf. Der Verwaltungsrat ist neben dem Fernsehrat eine Kontrollinstanz des Senders. Er besteht aus 14 Mitgliedern, unter anderem fünf Vertretern der Bundesländer und einem Vertreter des Bundes. Im Moment hält die Union in diesem Gremium die Mehrheit. Brender hat den Polit-Einflüsterungen nicht nachgegeben. Er hat dazu aufgefordert, sie sollten ihre Einmischung doch schriftlich einreichen – dann könne er sie ja ins Internet stellen.

WO LIEGEN SEINE JOURNALISTISCHEN WURZELN?

Selbst als ihr Chefredakteur erschossen wurde, machten die Journalisten der kolumbianischen Zeitung „El Espectador“ weiter mit ihrem Kampf gegen das Drogenkartell von Medellin. Davon handelt Brenders Ende der 80er Jahre preisgekrönter Film. Seitdem schmunzelt er, wenn man es hierzulande für mutig hält, wenn ein Journalist dem Kanzler widerspricht – so wie er es am Abend der Bundestagswahl 2005 machte. Damals versuchte er den aufbrausenden Gerhard Schröder in der Runde der Spitzenkandidaten zu zähmen. Lange Zeit galt Brender als Prototyp des Auslandskorrespondenten, der für sein südamerikanisches Berichtsgebiet entflammt war. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre arbeitete er in Buenos Aires, später moderierte er den ARD-„Weltspiegel“, war Auslandschef des WDR.

Das journalistische Handwerk gelernt hat der streitbare Jesuitenschüler, der im Schwarzwäldischen auch vorübergehend der Jungen Union Südbaden angehörte, nach abgeschlossenem Jura-Studium beim Südwestfunk und der „Zeit“ in Hamburg. Im WDR wurde er dann 1994 Chef des Programmbereichs „Politik und Zeitgeschehen aktuell“ und sollte anschließend im Auftrag des Intendanten Fritz Pleitgen als „Programmstratege“ das „Dritte“ auf Vordermann bringen. Das Aktuelle, die gute Sondersendung, der schnelle Zugriff, die Mobilisierung der Mitarbeiter lag ihm dabei stets mehr als der Entwurf großer strategischer Bögen oder neuer programmprägender Formate.

WARUM GILT ER ALS SPD-MANN, OBWOHL ER IN DER JUNGEN UNION WAR?

Das ZDF besteht aus einem fein tarierten Proporzsystem. Sogar viele Politiker-Kinder arbeiten dort. Wenn die Union in den beiden Aufsichtsgremien, Verwaltungsrat und Fernsehrat, die Mehrheit hat, darf der Chefredakteur stets „rot“, also für die SPD, sein. Das galt auch für Brenders Vorgänger Klaus Bresser. Als Nikolaus Brender aber auf der Sitzung des Verwaltungsrats vom 24. September 1999 berufen wurde, geschah dies in einer für das ZDF einzigartigen historischen Situation. Nach der Bundestagswahl von 1998 hatte der „rote“ Freundeskreis erst- und einmalig eine Mehrheit im Verwaltungsrat. Brenders Berufung war also nicht mehr ein diplomatischer Gnadenakt, sondern mit einem Auftrumpfen der SPD-Vertreter im ZDF verbunden. Besonders unangenehm fiel dem damaligen Intendanten Dieter Stolte, der mit dem sanften Johannes Rau zuvor immer gut ausgekommen war, das donnernde Auftreten des damaligen Kanzleramtsministers Bodo Hombach auf. Es kursierten Wunschlisten und Posten wurden so lautstark gefordert, dass Stolte kaum noch aufspringen und den künftigen Chefredakteur als eigenen Kandidaten ausgeben konnte. Die schwarze Fraktion stimmte nur zu, weil Brender „eingemauert“ werden sollte: nicht allein durch den verbindlichen und unionsnahen Programmdirektor Markus Schächter, sondern zusätzlich durch den stellvertretenden Chefredakteur Helmut Reitze. Dieser machte sich damals noch Hoffnung, Schächter als Programmdirektor zu beerben. Im Gefolge des überraschenden Sieges von Roland Koch in Hessen wechselte er dann an die Spitze des Hessischen Rundfunks. Außerdem verstand sich Nikolaus Brender immer gut mit dem Intendanten des Westdeutschen Rundfunks, Fritz Pleitgen, aus dem sozialdemokratischen Stammland Nordrhein-Westfalen.

WELCHE ERFOLGE KANN ER VORWEISEN?

Sofort abgeschafft hat Brender das Magazin „Kennzeichen D“, obgleich es viele Fans hatte. Eine heilige Kuh – er hielt es aus und bewies auch bei der Auswahl seines Personals meist ein glückliches Händchen. Die Nachrichtensendung „heute“ besetzte er gut; Marietta Slomka zauberte er für das „heute-journal“ fast aus dem Nichts hervor, in Kombination mit Claus Kleber ist es Deutschlands bestes Moderatorenteam. Im Hintergrund hat Claus Richter „frontal 21“ geformt, während die „ZDF.Reporter“ auf Boulevardniveau gesunken sind. Brender hat eine Neigung zum Populären. Schindluder hat er mit der Auslandsberichterstattung getrieben, sich unnötig mit guten Korrespondenten zerstritten, das „Auslandsjournal“ durch wechselnde Programmplätze gehetzt. Die allgemeine Schwierigkeit, jüngere Zuschauer für Politik und Nachrichten zu gewinnen, ist ihm aber nicht anzulasten. Dafür hat das ZDF seit einiger Zeit im Wettbewerb mit der ARD beim Aktuellen die Nase klar vorn. Ob es um Obamas Wahlkampf, die Finanzkrise oder den Amoklauf geht, Brenders Mannschaft ist auf Zack, während die ARD behäbig und konformistisch wirkt. Brender ist ein guter Chef des Aktuellen. Als Format-Erfinder ist seine Bilanz ebenso durchwachsen wie beim WDR. Manches aus der Programmdirektion des ZDF hat er abgelehnt. Aber der große Programmstratege ist er nicht.


Zur Person:

GEBOREN

Nikolaus Brender wurde am 24. Januar 1949 im badischen Freiburg geboren.

AUSBILDUNG

Nach dem Besuch des Jesuitenkollegs St. Blasien im Schwarzwald studierte er Politologie und Jura in Freiburg, München und Hamburg. Er volontierte im SWF und bei der „Zeit“. Ab 1984 arbeitete er in Buenos Aires. Später wurde er Auslandschef beim WDR, dann Chefredakteur des Programmbereichs Politik und Zeitgeschehen. Als Fernseh-Programmchef sollte er dann das Dritte Programm in Köln erneuern, bevor er am 1. 4. 2000 als ZDF-Chefredakteur auf dem Mainzer Lerchenberg begann. Seitdem ist er für die Nachrichten, Wirtschaft, Politik und den Sport verantwortlich.

FAMILIE

Brender ist mit der Ärztin Carola Brender verheiratet. Die beiden haben eine Tochter.

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