Zeitung Heute : Zehn Jahre danach - Der deutsche Zeitungsmarkt bleibt gespalten (Interview)

Warum hat die Treuhand[als sie 1990 91 die DDR-Ze]

Am 5. Februar 1990 legte die Volkskammer mit ihrem "Beschluss zur Gewährleistung der Meinungs-, Informations- und Medienfreiheit" die vorläufige gesetzliche Grundlage für eine freie Presse in der DDR. Die Aufhebung der Pressesubventionen zum 1. April 1990 warf die Zeitungen auf einen nunmehr ebenfalls freien Markt. Wie sieht die Presselandschaft in den Bundesländern zehn Jahre danach aus? Unter neuen Besitzern wirtschaftlich überlebt haben die Nachfolger der 14 SED-Bezirkszeitungen und die "Berliner Zeitung" als einstiger SED Titel für die Hauptstadt. Der Marktanteil der früheren Partei-Blätter liegt heute bei etwa 92 Prozent aller in den neuen Ländern verbreiteten Abonnement-Zeitungen. Gescheitert oder in Bedeutungslosigkeit versunken sind die Publikationen der "Blockparteien" sowie - gemeinsam mit ihren Trägern - die Organe der DDR-Massenorganisationen. Die Pressestruktur in den neuen Bundesländern unterscheidet sich erheblich von der der alten Bundesrepublik. In den alten Bundesländern existiert eine Mischung aus großen, kleinen und mittleren Zeitungsverlagen, während im Osten große Unternehmen den Markt beherrschen. Die Zahl der Zeitungsverlage ist also in den neuen Ländern erheblich kleiner als in den alten Bundesländern.

Walter J. Schütz war Leiter des Medienreferats des Presse- und Informationsamtes. Heute lehrt der Zeitungsstatistiker an der Hochschule in Hannover.

Warum hat die Treuhand, als sie 1990/91 die DDR-Zeitungen verkaufte, die absehbare Monopolbildung nicht verhindert?

Da war einfach die Schwierigkeit, in kürzester Frist die Presselandschaft in den neuen Bundesländern neu zu strukturieren. Das hat die Treuhand nicht geschafft, weil ihre Verantwortlichen es gar nicht anders wollten. Dazu hätte man auch mehr Zeit gebraucht. Die Treuhandanstalt hat als autonome Einrichtung den Verkauf der SED-Bezirkszeitungen an westdeutsche Großverlage betrieben. Sie hielt sich dabei nur an ein Prinzip: Jeder Verleger kriegte nur eine Zeitung. Und allein die Großen, die das nötige Kleingeld mitbrachten, erhielten den Zuschlag. Die Treuhand wollte auf jeden Fall sofort Kasse machen, und hat - nach meinem Gefühl - so manches Blatt auch unter Wert verkauft. Kleinere Zeitungsverlage wurden von der Treuhandanstalt nicht einmal angesprochen. Zudem machten westdeutsche Medienkonzerne Druck. Möglicherweise wäre die Berichterstattung über das Wirken der Treuhand schlechter ausgefallen, hätte ihre Verkaufspolitik anders ausgesehen. Dabei hat man sich letztlich an die eigenen Vorsätze nicht gehalten. So hat sich Gruner + Jahr nicht nur in Berlin zwei Zeitungen gesichert, sondern mit der Sächsischen Zeitung einen weiteren Titel.

Wären denn andere Lösungen machbar gewesen?

Ja, wenn die Treuhand nicht die Zeitungen als Ganzes angeboten, sondern die Verbreitungsgebiete aufgeteilt verkauft hätte. Diese Teile wären kleiner gewesen als die Bezirke der DDR. Das ist zumindest ein Denkmodell: Dann hätten sich auch kleinere und mittlere Zeitungsverlage aus dem Bundesgebiet etablieren können.

Haben sich die Westverlage da nicht verrechnet? Schließlich haben die ehemaligen SED Bezirkszeitungen seit der Wende im Schnitt rund 38 Prozent ihrer Auflage verloren, die Berliner Zeitung sogar die Hälfte.

Nein, als Monopolunternehmen in ihrem Verbreitungsgebiet verdienen sie immer noch viel Geld. Wenn die heutigen Titel in den neuen Ländern nur halb oder ein Drittel so groß wären, wären sie nach westdeutschen Maßstäben immer noch keine unbedeutenden Häuser und könnten als eigenständige Unternehmen bestehen. Aufgrund der Treuhandpolitik waren all die kleineren Verleger chancenlos, die in der Wendezeit freudig in die DDR gezogen waren: Es hat ja immerhin in der Wendezeit fast fünfzig Zeitungsverlage gegeben, die durch Neugründungen versucht haben, Alternativen zu den bestehenden Strukturen zu schaffen. Die mussten natürlich mit einer Auflage von Null anfangen und sich gegen die marktbeherrschenden SED-Zeitungen durchsetzen. Wenn diese Neugründungen aus der Hand der Treuhand einen Teil eines Verbreitungsgebiets zunächst als Basis gehabt hätten, wären sie aus einer viel besseren wirtschaftlichen Situation heraus im Kampf um Anzeigen und Leser erfolgreicher gewesen. So aber haben sie viele Millionen Mark in den Sand gesetzt.

Nach der Wende haben die Zeitungen nur die Führungsetage ausgetauscht. Mitte der 90er Jahre bestand daher die Belegschaft der Bezirkszeitungen im Durchschnitt zu rund 70 % aus Redakteuren, die schon vor der Wende journalistisch tätig waren.

Ich sehe da kein gravierendes Problem - außer es sind belastete Journalisten in der Redaktionsführung oder welche, die ihre Stasi-Vergangenheit erfolgreich kaschiert haben. Dass Journalisten aus der Region stammen, über die sie berichten, halte ich nicht von vornherein für einen Nachteil. Außerdem hat man durch die Durchmischung der Redaktionen Gefahren vorgebeugt: durch Neuzugänge aus dem Westen und junge Leute, die neu in den Beruf gekommen sind und mit den Problemen der alten DDR nichts mehr zu tun haben. Das half den Bezirkszeitungen, die bestehende Leser-Blatt-Bindung zu erhalten: Sie kannten sich vor Ort aus, während die neuen Blätter vor allem durch journalistischen Zuzug aus dem Westen bestimmt waren.

Und die Kehrseite der Medaille ?

So hielten sich die ostdeutschen Journalisten rein gewohnheitsmäßig an die lokalen Autoritäten und stellten kaum kritische Fragen. Recherchieren war unüblich, weil die Redakteure es gewöhnt waren, auf Verlautbarungen von oben zu warten. Aber das hat sich gebessert.

Anders als der öffentlich-rechtliche Rundfunk verzichteten die Verleger auch zunächst darauf, ihre Mitarbeiter systematisch auf ihre Stasi-Vergangenheit zu überprüfen. Ist das nicht ein Problem?

Keiner konnte unter den damaligen Bedingungen die Zeitungen dazu zwingen, sich "gaucken" zu lassen. Es wurde auch erwartet, dass sozusagen eine Selbstreinigungsaktion stattfindet. Die neuen Eigner der Zeitungen hatten natürlich kaum Interesse, die Vergangenheit ihrer Mitarbeiter aufzuwühlen - sie wollten vielmehr um jeden Preis Ruhe in den Redaktionen. Die neuen Eigner haben die alten Redaktionsstrukturen zunächst weitgehend unverändert gelassen, um im Interesse eines reibungslosen Überganges Kontinuität zu sichern. Wir treffen heute noch Chefredakteure der früheren SED-Bezirkszeitungen, die schon in der Wendezeit in diese Position gelangt sind.

Gibt es eine Chance für mehr Vielfalt, ist das der vorläufige Endstand oder geht der Konzentrationsprozess weiter?

Mit mehr Vielfalt ist nicht zu rechnen. Die Strukturen der Presse in Ost und West sind ganz unterschiedlich. Im vereinten Deutschland bleibt der Zeitungsmarkt gespalten.Das Gespräch führte Barbara Held.

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