Zehn Jahre Littleton : Der ewige Nachhall

Als die Amokläufer nachluden, rannte Crystal Woodman los. Das war vor fast zehn Jahren. Wie siebeneinhalb Minuten an der Columbine High School ihr Leben änderten - und nicht nur ihres.

Tom Noga[Littleton]
264470_0_e8467911.jpg
Auszeit. Frühjahrsferien an der Schule von Littleton. Dort wurden nach 1999 strenge Verhaltensregeln eingeführt. Null Toleranz...

Sie hat wie jeden Tag den Fernseher eingeschaltet. Auch am Mittwoch, dem 11. März. Aber die Bilder, die sie an dem Tag sieht, ändern etwas. Sie bringen den Albdruck zurück. Crystal Woodman sieht Bilder, die sie kennt. Eine Schule im Ausnahmezustand. In Winnenden, Germany, ist ein Schüler Amok gelaufen.

Sie sitzt in der Küche ihres Hauses in der Nähe von Oklahoma City, ist weggegangen aus dem Ort, in dem sich vor knapp zehn Jahren jene siebeneinhalb Minuten zutrugen, die ihr Leben veränderten. Für immer, wie es scheint. Crystal Woodman ist 26 Jahre alt, sie hat lange dunkle Haare, blaue Augen und ein gewinnendes Lächeln. Dass sie hier sitzt, hat sie einem Zufall zu verdanken.

1999 war sie Schülerin an der Columbine High School in Littleton. War auch am 20. April in der Schule, dem Tag, den Eric Harris und Dylan Klebold ausgewählt hatten für ihre Abrechnung, dem Tag, an dem zwölf Schüler, ein Lehrer und zuletzt die Amokläufer starben. Einem Tag, der sonnig war und kühl.

Sie war in der Schulbibliothek, als es losging, erinnert sich an panische Rufe einer Lehrerin: „Das sind Jungs mit Pistolen!“ Wie sie mit zwei Freunden unter einem Tisch kauerte, während die Amokläufer töteten. Als sie nachladen mussten, konnte sie sich in Sicherheit bringen. „In jenen siebeneinhalb Minuten“, sagt Crystal Woodman, „bin ich innerlich tausend Tode gestorben.“ Und doch lebt sie.

Fünf Jahre war sie in Therapie, hat gegen Albträume, Angstzustände, Panikattacken und Aggressionsschübe angekämpft, zu ihrem Glauben zurückgefunden. Mit ihrer Therapeutin hat sie jedes Detail jener siebeneinhalb Minuten ausgiebig besprochen: „Damit mich verdrängte Erinnerungen später nicht plagen.“ Heute kann sie von früher erzählen – mit unbeteiligt klingender Stimme. Bis etwas passiert wie in Winnenden. Dann zerfällt die Beherrschung.

Kaum einen, der 1999 dabei war, hat die Bluttat unverändert gelassen. Ehen sind zerbrochen. Die Mutter eines an den Rollstuhl gefesselten Opfers hat Selbstmord verübt, weil sie die Schuldgefühle nicht ertrug. Andere flüchteten in Arbeit. Schrieben Bücher. Es gibt gut ein Dutzend Bücher von Betroffenen. Es geht darin um Therapie oder den verzweifelten Versuch, das Unerklärliche zu erklären. Dem Geschehen etwas wie Sinn zu geben. Wieso wir, wieso hier in Columbine? Wie kam der Hass in die Attentäter? Wieso hat keiner was gemerkt?

Columbine, das sind schmucke Mittelklasse-Siedlungen, breite Straßen und saubere Parks mit Spiel- und Sportplätzen. So sieht der amerikanische Traum aus. „Gerade das macht es so unbegreiflich“, sagt Randy Brown. „Das Massaker hat alles zerstört, woran wir geglaubt haben.“ Randy Brown ist groß und kräftig und Makler von Beruf. Erfolgreich mit großem Auto. Sein Sohn Brooks war mit Dylan Klebold befreundet und wurde nach dem Amoklauf als Mitwisser verdächtigt. Randy Brown ist darüber bis heute wütend. Ein Jahr vor der Tat hatte er Anzeige erstattet, weil Eric Harris im Internet Morddrohungen gegen Brooks ausgestoßen hatte.

„Es ist mir egal, ob ich lebe oder bei der Schießerei sterbe, alles, was ich will, ist töten und verletzen, so viele von euch Arschlöchern, wie ich kann, speziell ein paar Leute wie Brooks Brown“, hatte der auf seiner Homepage geschrieben. „Columbine hätte verhindert werden können“, sagt deshalb Randy Brown, „wenn die Polizei etwas unternommen hätte.“

Hätte, wäre. Wäre Lehrer David Sanders gerettet worden, hätte die Polizei eher eingegriffen? Warum haben die Beamten gezögert? Brown will Antworten.

Und er kämpft darum, dass der Mann zur Verantwortung gezogen wird, dem er eine Mitschuld gibt: Frank de Angelis, bis heute Leiter der Schule. Denn: Die beiden Mörder, der kleine Eric und der linkische, schüchterne Dylan, wurden schikaniert, vor allem von den Sport-Assen. Sport wird an amerikanischen Schulen groß geschrieben. Wer dagegen als Junge in Theatergruppen mitmacht, wer Außenseiter ist, wie Browns Sohn Brooks und Dylan Klebold, wird verhöhnt. „In einem solchen Klima gedeiht Hass“, sagt Randy Brown, „und irgendwann sucht der sich ein Ventil.“

Eric Harris und Dylan Klebold haben mal ein Schulvideo gedreht. Darin erschießen sie in schwarzen Trenchcoats mehrere Sportler, die Stars der Klasse. „Damals dachte sich doch keiner was dabei. Es war einfach zu lustig“, hat Brooks Brown später in einem Interview erzählt.

An der Columbine High School hat sich seit 1999 einiges geändert. Es gilt eine Politik der null Toleranz: Wer Gewalt ausübt oder sich dahingehend äußert, fliegt. Ein Verbindungslehrer wurde in Gewaltprävention fortgebildet. Eltern, Schule und Gemeinde arbeiten eng zusammen. In einem Briefkasten können Schüler anonym Notizen über Auffälligkeiten abgeben. Hilflose Gesten, scheint es, so wie auch vieles, was jetzt nach Winnenden in Deutschland als Erklärung oder Hilfe angeboten wird, seltsam klein und konkret wirkt, angesichts des Unfassbaren, das geschehen ist.

„Wir haben alles Menschenmögliche getan, aber ein Restrisiko bleibt“, sagt Rektor de Angelis. Er ist klein und dicklich mit schwarzem, an den Schläfen ergrautem Haar, und an den Wänden seines Büros hängen Bilder der Schulsport-Teams, in Vitrinen stehen deren Pokale. De Angelis deutet den breiten Mittelgang zwischen den Klassenräumen hinunter: Von dort kamen ihm Harris und Klebold entgegen und legten auf ihn an. Doch plötzlich wandten sie sich um und feuerten auf Lehrer David Sanders. Jahrelang hatte der Rektor deswegen Schuldgefühle, noch heute fällt es ihm nicht leicht, darüber zu sprechen.

Natürlich hat er nach Erklärungen gesucht. Ja, in Columbine wurden Schüler getriezt. Aber doch nicht mehr als anderswo. Computerspiele wie Mortal Kombat mögen eine Rolle gespielt haben, aber Millionen Teenager spielen die, ohne zu Massenmördern zu werden. Hätte man es ahnen können? Oder erklärt sich alles nur im Nachhinein? Die Fragen sind geblieben.

Ein paar Tage nach dem 20. April 1999 hielt die National Rifle Association, die mächtige Lobby der Waffenbesitzer, ihren Jahreskongress im nahen Denver ab. Für Tom Mauser war das eine unerhörte Provokation. Er sitzt in seinem Büro im Verkehrsamt der Stadt Denver, ein Mann mit schütterem Haar und traurigem Blick. An den Wänden Bilder seines Sohns. Daniel Mauser wurde erschossen, weil er eine Brille trug.

Tom Mauser und andere Eltern unterstützten damals die Forderung, die Rifle Association solle ihren Kongress aus Pietätsgründen absagen. Doch die verhallte.

Seitdem kämpft Mauser ununterbrochen für eine Verschärfung des Waffenrechts. Eltern sollen haftbar gemacht werden, wenn Minderjährige Waffen besitzen. Das ist jetzt sein Ziel.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben