Zeitung Heute : Zehn Jahre neue Länder (5): Die Sehnsucht, sich zu Hause zu fühlen

Hermann Rudolph

Die Geschichte klingt als sei sie lange her, dabei stammt sie nur aus der DDR. Mitte der achtziger Jahre beschaffte sich Manfred Stolpe einen Aufkleber mit einem brandenburgischen Adler, auf krummen Wegen, denn in der DDR war das Wappentier verfemt. Doch als der damalige Konsistorialpräsident ihn an seinem Wagen angebracht hatte, wussten seine Landsleute nichts damit anzufangen. Manche hielten den Vogel für den Tiroler Adler. Inzwischen liegt der Spott nahe, dass in Brandenburg nach der Wende kaum etwas einen so stürmischen Aufstieg erlebt hat wie dieser Vogel, der heute das Identifikations-Symbol des Landes schlechthin ist. Und das "Steige auf, du roter Adler", ein Lied mit eher etwas anrüchiger Vergangenheit, ging in den Wendewochen wie ein Sturm übers Land, wurde überall gesungen, avancierte fast zur offiziellen Hymne - die inoffizielle war es ohnedies - und machte, gewiss doch, ein bisschen Geschichte.

Beim Blick auf Brandenburg kommt man an diesem Phänomen nicht vorbei. Vielleicht sogar nicht an einem bestimmten Augenblick: als nämlich das Volkspolizeiorchester Potsdam in der Brandenburger Straße, die damals noch KlementGottwald-Strasse hieß - nach einem tschechischen Kommunisten-Führer -, das Lied intonierte. Die Bewegung darüber ist vielfach bezeugt. Stolpe erinnert sich an einen Nebenmann, den es fast zu Tränen rührte, dass "unsere VP die Märkische Heide gespielt hat". "Alle Welt kannte plötzlich das Lied", erinnert sich Landtagspräsident Knoblich. Dabei war es in der DDR aus dem Verkehr gezogen. Etwas schlug da mit den Flügeln. Ein Identitätsbedürfnis, das als Brandenburg niederkam?

Was ist aus dem Neuanfang geworden? Die Nachhut der untergegangenen DDR, wie Kritiker meinen? Die "sozialistische Wärmestube", wie das Schmähwort hieß, mit dem der Formulierungskünstler Landowsky zuschlug, als er im Kampf um die Fusion von Berlin und Brandenburg 1996 um seine West-Berliner CDU-Bataillone fürchtete? Die Zielangabe eines speziellen "Brandenburger Wegs", etwas östlich von westlich, von dem niemand recht weiß, was er ist? Oder schlicht - was soweit davon nicht entfernt ist - Stolpe-Land?

Fontane, ohne den es in Brandenburg nicht geht, hat seinen Landsleuten neben manchen anderen Charakterzügen Nüchternheit und Sparsamkeit nachgesagt, Günter de Bruyn, sein literarischer Nachfahre, die prägende "Kargheit der Lebensumstände". Andere Zeiten? Aber der brandenburgische Landtag haust auch in seinem zehnten Jahr noch immer in der kleinen Jahrhundertwende-Burg über der Havel, die auch noch immer "Kreml" heißt, weil dort einst die SED-Bezirksleitung residierte, und die schon vor zehn Jahren als ungeeignet galt. Und das Staatsministerium hält fest am früheren Haus des Rates des Bezirks Potsdam. Aber die brandenburgische Politik hat sich nicht nur - wie viele neue Länder - in der Hinterlassenschaft der DDR eingenistet. Irgendwie gehört es zur Grundfarbe des Landes, dass sie damit auch in den Gehäusen des alten Preußens sitzt - der "Kreml" war Kriegsschule, die Staatskanzlei Kadettenanstalt, und Innenminister Schönbohm, der Soldat als Politiker, regiert in der Kaserne des legendären Infanterie-Regiments Nr. 9.

Die Tristesse jenseits des Speckgürtels

Könnte das Land anders auftreten? Es liegt ja nicht schlecht im Geleitzug der Nachzügler, den die neuen Länder in der Bundesrepublik bilden. Beim Bruttosozialprodukt hält es sogar die Spitze, bei der Arbeitslosigkeit ist es wenigstens nicht das Schlusslicht. Blickt man allerdings auf das Land - auf seine wohltuende Leere, aber auch auf die Tristesse, die vielerorts in seinen ländlichen Ecken hängt -, fragt man sich erstaunt, woher diese Daten rühren. Die Antwort fällt leicht, sie trägt den Namen Speckgürtel. Nach Experten-Meinung erbringt das Berliner Umland zwei Drittel der Wirtschaftsleistung Brandenburgs.

Jenseits dessen hat auch Brandenburg sichtbar schwer am DDR-Erbe zu tragen. Das meiste, womit der SED-Staat dem Land seinen Stempel aufdrückte, ist untergegangen, die Kollektivierung der Landwirtschaft ebenso wie die forcierte Industrialisierung. Die Auflösung der LPGs hat in vielen Dörfern die bisherigen Existenzgrundlagen erschüttert. Und die Industrie, die die DDR kommando-ökonomisch ins flache Land gepflanzt hat, ist auch hier zur Belastung geworden - vom Stahlwerk Eisenhüttenstadt über die Raffinerie Schwedt bis zum Braunkohlenkombinat Schwarze Pumpe. Alles große, prestigeträchtige Namen in der DDR, doch nur um den Preis von langen nervenaufreibenden Hängepartien ist es gelungen, wenigstens einen Rest davon zu retten - da, an der Oder, einen Kern Stahlindustrie, dort, in der Lausitz, etwas Chemie.

Was ist noch gelungen? In dem durch den Niedergang der Braunkohle schwer getroffenen Südosten des Landes ist, zum Beispiel, Cottbus zum aufsteigenden Zentrum geworden - dank Fachhochschule, dank eines Bürgermeisters, der die Bundesgartenschau gegen alle Unkenrufe wagte und gewann, und auch ein gut geführtes Theater und Energie Cottbus, der Bundesliga-Aufsteiger, spielen dabei ihre Rolle. Auch anderswo sind regionale Schwerpunkte entstanden, Oranienburg etwa oder Fehrbellin - "Haltpunkte" nennt das Jürgen Linde, Westfale, seit 1990 in Potsdam als Chef der Staatskanzlei einer der wirklichen Land-Macher.

Es ist der Blick des Strukturpolitikers. Aber kann man das wieder erstandene Brandenburg denken ohne seine Landschaft und Geschichte, den melancholischen Reiz von Sand und Seen und Schlössern, ohne Fontane und Leistikow und nun natürlich auch Wolf Jobst Siedler und Günter de Bruyn? Das gab es, gewiss doch, schon immer. Doch dieser Mythos des Landes hat in den vergangenen zehn Jahren einen mächtigen Aufstieg erlebt, nicht ganz so wie der "Rote Adler", aber dauerhafter - Fontane-Stätten allenthalben, "Brandenburgische Sommerkonzerte" quer durchs Land, Heimatliteratur stapelweise.

Sehr weit her war es übrigens mit dem Wunsch nach der Wiederherstellung Brandenburgs nicht. Dabei möchte Stolpe schon daran festhalten, dass das Land nicht nur ein "Rettungsanker" in den Umbruchs-Zeiten war. Da "ist etwas aus der Tiefe gekommen, was lange unterdrückt war". Aber bis wohin ist es vorgedrungen? Viel weiter als bis zu einem "regionalen Heimatgefühl" hat der Weg aus den DDR-Bezirken nach Brandenburg nicht geführt, findet Jürgen Linde. Das allerdings ist massiv genug. Bei der Kreisreform 1993 beispielsweise "hat es uns schwer zu schaffen gemacht".

Wenn dennoch ein Landesbewusstsein entstanden ist, so ist das "in erster Linie Stolpes Verdienst". Sagt nicht irgendjemand, sagt Jörg Schönbohm, CDU-Innenminister, Partner und Kontrahent in der großen Koalition, zu der das Wahlergebnis von 1998 die SPD genötigt hat. Ein Mann von "ungeheurer Integrationskraft" nennt Linde den Regierungschef - in einem Land, in dem es wahrhaftig etwas zu integrieren gab. Exemplarisch demonstrierte diese Wirkung die Landtagswahl 1994, als die Brandenburger den wegen seiner Stasi-Verstrickungen attackierten Regierungschef - Motto: Wir lassen uns unseren Stolpe nicht kaputtmachen - mit einer Mehrheit nach CSU-Format ausstatteten. Zwei Jahre später zeigte die Absage der Brandenburger an die von ihm verfochtene Fusion mit Berlin die Grenzen dieser Identifizierung. Doch niemand, weder Freund noch Feind, wagt sich vorzustellen, wie Brandenburg ohne ihn aussähe.

Ohne Stolpe? Undenkbar

Vielleicht ist der "Brandenburger Weg" nichts anderes als die Chiffre für diese Anstrengung, das Land zusammenzuführen und zusammenzuhalten? Stolpe, der weiß, dass seine Brandenburger nicht mehr die genügsamen Märker Fontanes sind und Land und Leute vierzig Jahre DDR nicht unbeschadet überstanden haben, hat das als seine Aufgabe, ja, seine Mission begriffen. Keiner hat sich so wie dieser Pommer darum bemüht, den rauhen Brandenburger Rock mit landsmannschaftlichem, märkisch-preußisch gewebtem Innenfutter auszustatten. Zugleich hat er die Rolle des Vorbeters der Ostdeutschen bei ihren Klage-, Trotz- und Selbstsuche-Exerzitien wahrgenommen - mit dem Ziel, dass sich in Brandenburg "niemand dafür schämen muss, in der DDR gelebt zu haben".

Solche Seelenmassage betreibt Stolpe so hingebungsvoll wie sonst nur sein Kollege Höppner in Sachsen-Anhalt. Auch deshalb zieht sich eine politisch-mentale Wasserscheide durch die neuen Länder - da Brandenburg und Sachsen-Anhalt, dort Sachsen und Thüringen, und wenn Stolpe für die eine Seite steht, dann Biedenkopf für die andere. Wo der brandenburgische Ministerpräsident den verschreckten DDR-Bürger in den Seelen seiner Landsleute streichelt, behandelt sein sächsischer Kollege die Gemüter seine Bürger mit massiven Dosen von Lob und Anerkennung. Also stellt sich Brandenburg eher trotzig und defensiv dar, Sachsen selbstbewusst und auftrumpfend. Wobei zu buche schlägt, dass Brandenburger und Sachsen ohnehin ziemlich unterschiedlich gestrickt sind, von Stolpe und Biedenkopf ganz zu schweigen. Letzterer ist, wie man weiß, "König Kurt". Und Stolpe? Vielleicht Reichsverweser? Aber wofür? Für ein Brandenburg, geformt aus märkischem Sand? Oder für Berlin-Brandenburg?

Ein Schritt ins Neuland war die Bildung des Landes ja auch, ist es noch immer, und das hat damit zu tun, dass von Berlin die Rede sein muss, wenn von Brandenburg gesprochen wird. Natürlich weiß jeder in Brandenburg, dass das Land ohne Berlin nicht existieren kann. Sehr viel schwieriger ist zu beantworten, ob Brandenburg als Land mit der Stadt in seiner Mitte leben kann. Brandenburg, sagt Landtagspräsident Knoblich, durchaus selbstbewusst unter den PotsdamVeduten in seinem Amtszimmer, ist ein altes Land, - erste urkundliche Erwähnung 948. Aber zugleich ist es jung: eigenständig, mit Potsdam als Hauptstadt, gab es das Land nur sieben Jahre lang, von 1945 bis 1952. Gemessen an der Geschichte, die es mit Berlin zusammen hat, ist Brandenburg - so Jürgen Dittberner, Professor an der Uni Potsdam - ein "Restland". Kann es je ein ganzes Land werden?

Das Scheitern der Fusion von Berlin und Brandenburg hat diese Frage dramatisch zugespitzt. Seither ist so etwas wie ein Wettlauf mit der Zeit im Gange. Wird die Absicht, Brandenburg und Berlin zu vereinigen, überholt von dem Prozess der Festigung des Landes Brandenburg? Kommen die Befürworter der Fusion noch zurecht, wenn sie erst 2009 kommt? Die gegenwärtige Sprachlosigkeit bei diesem Thema überdeckt ein stilles, hinhaltendes Ringen auf vielen Konflikt-Ebenen: Land und Stadt, Osten und West-Dominanz, Berlin-Angewiesensein und Berlin-Aversion, die nicht zuletzt ein DDR-Erbe ist. Ein Ringen nicht zuletzt um die Märker. Ach, schon Fontane wusste, dass ihnen die "rechte Begeisterungsfähigkeit" fehlt.

Die Macht der Geschichte

Mit beträchtlichem Wirbel wird Brandenburg im nächsten Jahr an die dreihundertjährige Wiederkehr der Erhebung Preußens zum Königreich erinnern - durchaus in politischer Absicht. In der Tat reicht das Lied vom "Roten Adler", das man nicht unterschätzen sollte, vielleicht nicht für alle Zeiten. Andererseits hat es etwas Rührendes, wie alle neuen Länder den Griff in die Geschichte wagen. Liegt da wirklich etwas, was ihnen zu sich selbst verhilft?

Es muss wohl so sein, und wenn es im Falle Brandenburgs schon nicht das große Preußen ist - ein heikles Kapitel -, dann das kleine. Zum Beispiel die preußisch-brandenburgische Kulturwelt zwischen Potsdam und Berlin, in der sich der Gestaltungswillen der Schinkel, Stüler und Lenné und einer Hand voll preußischer Könige ausdrückte. Sanssouci, Pfaueninsel, die nach dreißigjähriger Teilung wieder vereinte Berlin-Potsdamer Landschaft als Eckstein des neuen Brandenburg? Am Ende, sagt auch ein nüchterner politischer Macher wie Jürgen Linde, wäre das Wiedererstehen des Landes nicht vorstellbar gewesen ohne die Formkraft, mit der dieser kurze Abschnitt einer langen Geschichte in die Gegenwart hineinwirkt.

Und nicht ohne die Menschen, würde Stolpe hinzufügen. Dabei sitzen auch hier, gerade hier - die Nähe Berlins machts möglich - in den hohen politischen Ämtern des Landes Nicht-Brandenburger zuhauf. Eben erst hat die PDS danach in einer kleinen Anfrage im Landtag gefragt - vermutlich nicht aus reinem Erkenntnis-Interesse, sondern mit der Absicht, die Benachteiligung der Brandenburger im eigenen Land zu geißeln. Rainer Speer, einer der beiden Staatssekretäre, die Brandenburger sind, hat die Interpretation der Zahlen kühl mit der Begründung verweigert, sie bringe "uns nicht weiter". Stolpe sagt es knapper: Wer fünf Jahre im Land ist, ist Brandenburger.

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